Gastspiel von Vito von Eichborn

"Das Tuten ins selbe Horn bringt keine neuen Töne"

21. Dezember 2021
von Börsenblatt

Auf unserem Büchermarkt gehe es nicht um Preise und Titelfluten, meint Vito von Eichborn – sondern um Konditionen. Wenn die Großen bessere bekommen und mit Marktmacht die Kleinen verdrängen, gerate unsere vielfältige Bücherlandschaft außer Kontrolle.

Vito von Eichborn

Wie oft habe ich hier in den vergangenen Jahrzehnten gelesen – und jüngst mehrfach – mit den sattsam bekannten Nullargumenten, die Ladenpreise für Bücher seien zu niedrig. (Wobei beim Vergleichen über Jahrzehnte die gesunkenen Herstellkosten unterschlagen werden – sei’s drum.)
Hat irgend jemand zugehört und prompt einen Ladenpreis heraufgesetzt? Auch nur einen einzigen? Weil die Forderung ja richtig ist?

Ebenso oft las ich im BöBla und sonstwo den billigen Appell: Es gäbe zu viele Novitäten. Zu viel Austauschbares. Weniger wäre mehr. Hat jemand deshalb weniger Überflüssiges im Programm?

Wir wissen doch, dass beides stimmt.  

Pardon: Darf ich also darum bitten, diese wohlfeilen Forderungen mit billigem Applaus – wenn sich eh alle einig sind – bleiben zu lassen?
Noch ein Regionalkrimi, ein Bienen-Bäume-Buch, eine gut gemeinte Weltverbesserungsarie für Kinder – aber bitte zu höherem Ladenpreis?

Das Tuten ins selbe Horn erzeugt keine neuen Töne.

Solange wir Verlage nach denselben Kriterien Inhalte suchen und zu Büchern machen, und solange der Handel nach denselben Kriterien überall dasselbe anbietet – entsteht nichts Neues.
Innovationen entstanden immer an den Rändern, von den Zeitgenossen nicht ernst genommen. (Das "Kleine Arschloch" und die Andere Bibliothek wollte zunächst niemand haben. Dann haben viele gut daran verdient.) Und sicherlich nicht aufgrund von Konditionen und wohlfeilen Plattitüden.

Die Basis der Arbeit von Verlag und Händler – und Ursache vieler Missverständnisse – ist entgegengesetzt:

  • Jedes Buch gibt es überall – jeden Laden nur hier.
  • Unsere gemeinsame Herausforderung – das war einmal.

Die Verlage bauen hemmungslos Direktkundengeschäfte aus, und Händler ohne Online-Geschäfte gehen unter. Der Verdrängungswettbewerb, wie wir alle ihn schon immer kennen, hat nichts mit Ladenpreisen zu tun und ist unübersichtlich geworden – anything goes.

Von Mister Bezos ist nicht bekannt, ob er eine persönliche Gesinnung hat. Vorgemacht hat er aber uns allen den uralten Spruch: Der Kunde ist König.

Für mich ist in der jüngeren Diskussion nur eins sicher – es geht auf unserem Büchermarkt nicht um Preise und Titelfluten. Das können wir mit Appellen nicht ändern, das mendelt sich.  Aber wenn die Großen bessere Konditionen bekommen und mit Marktmacht die Kleinen verdrängen, gerät unser vielfältiges Gebilde der Bücherlandschaft außer Kontrolle.

Mal konkret: Wenn der größte Kettenhändler ganz offen über seinen Maximalrabatt hinaus grundsätzlich 3 % Skonto nach 90 Tagen verlangt – so ist dies schlicht unanständig. Skonto muss eine Belohnung für sofortiges Zahlen sein – und dann sind 2 % üblich. Abgesehen von all den Aktionsprozenten und Sonderpornografien bis zum erzwungenen Jahresumsatz. Ja, das alles ist pervers!

Okay, das bekommen die großen Händler mit entsprechenden Leistungen und Umsätzen. Vielleicht auch kleinere Kämpfer von ihren Lieblingsverlagen.

Und wir – die gesamte Branche – einigen uns auf einen Katalog von Ausnahmen, der für alle gilt? Sonderangebot, Eröffnungsrabatt, Jubiläum, lokale Aktion, whatever – wie wird zusätzlicher Einsatz des Händlers honoriert?

Wir schaffen einen Katalog von durchgehend transparenten Maximal-Konditionen. Alle unterschreiben das – und dann gibt es, statt Macht und Ohnmacht, sowas wie einen fairen Wettbewerb. Damit wir die ja subventionierte Mehrwertsteuer solidarisch und offen verdienen.

Vielleicht entstünde sogar etwas ganz Seltenes: Die Konkurrenz um Inhalte. Um besseren Service, Kundenpflege, Kompetenz, mitmenschliche Qualitäten …