Die Ampel, Open Access und die Wissenschaftsverlage

Irritierende Signale

26. November 2021
von Michael Roesler-Graichen

Licht und Schatten liegen im Koalitionsvertrag manchmal eng beieinander, auch wenn es um Verlage geht. Während sich Independent-Verlage darüber freuen dürften, dass die Ampelkoalition einer strukturellen Verlagsförderung positiv gegenübersteht, fürchtet die große Zahl der kleineren und unabhängigen Wissenschaftsverlage, dass sie beim Thema Open Access unter die Räder kommt.

Symbolfoto Open

Formulierungen im Koalitionsvertrag wie „Open Access zu fairen Bedingungen, wo nötig regulatorisch“ oder „Open Access wollen wir als gemeinsamen Standard etablieren. Wir setzen uns für ein wissenschaftsfreundlicheres Urheberrecht ein.“ klingen zunächst eher harmlos, haben es aber in sich. Gibt es etwa ein Zuwenig an Regulation? Und kann man sich noch eine Steigerung an „Wissenschaftsfreundlichkeit“ im Urheberrecht vorstellen nach dem Inkrafttreten des Wissensgesellschafts-Urheberrechts-Gesetzes (UrhWissG) im Jahr 2018?

Barbara Budrich

Barbara Budrich

Allein dieses Gesetz habe zu einer Teilenteignung geführt, so Barbara Budrich, Verlegerin des gleichnamigen Verlags. „Die Verlage haben bislang nichts erhalten – und wenn es optimal läuft, bekommen wir nur eine pauschale Entschädigung für die im Gesetz erlaubten Nutzungen.“

Von „Fairness“, die sich leitmotivisch durch das gesamte Vertragsdokument zieht, ist zwar auch im Zusammenhang mit dem Urheberrecht die Rede – Stichwort „fairer Interessenausgleich“ – , aber die Frage bleibt, ob dies auch für die 400 bis 600 Wissenschaftsverlage gilt.

„Die staatlichen Mittel für Wissenschaft und Open Access kommen derzeit vor allem Großkonzernen zugute, wie das Beispiel der DEAL-Verträge zeigt.“ Und im Ergebnis – das haben erste Studien gezeigt – trügen sie dazu bei, die „Konzentration im Markt des akademischen Publizierens zu beschleunigen“, so Budrich weiter. „Ich habe die Sorge, dass die Politik der einseitigen Förderung von der neuen Ampel-Regierung noch forciert wird.“ Schon jetzt sehen viele dieser Verlage, die sich für Open Access engagieren, Probleme, tragfähige Geschäftsmodelle zu fahren. Ein echter, nachhaltiger Interessenausgleich wäre daher wichtiger denn je.

Eine staatliche Verpflichtung zu Open-Access-Publikationen ohne faire Entlohnung für die Verlagsarbeit hätte gravierende Folgen für die wissenschaftliche Verlagslandschaft. „Viele kleinere Verlage würden vom Tisch gefegt, wie die Beispiele Kanada und Niederlande zeigen“, so Budrich.

Weshalb aber gilt das Vielfalts-Argument, das sonst für die Verlagsszene bemüht wird, und dass sicher auch eine Kulturstaatsministerin Claudia Roth als Trumpf ausspielen wird, nichts im Feld der Wissenschaftsverlage? Hat wissenschaftliche Kommunikation, hat akademisches Publizieren nichts mit Kultur zu tun?

Der Umgang mit den kleineren Wissenschaftsverlagen offenbart vor allem ein technokratisches Verständnis von „Publizieren“, das sich vom kulturellen Diskurs, in dem der Beitrag der Publikumsverlage für die Gesellschaft verhandelt wird, weitgehend abgekoppelt hat. „Publishing“ ist dann nicht mehr als der letzte Knopf in der Produktionskette: das Kommando für den gedruckten oder elektronischen „Auswurf“ der Forschung.

Dass Wissenschaft, zumal in den Geistes- und Sozialwissenschaften, aber wesentlich mehr ist als das Zugänglichmachen von Forschungsinhalten, kommt den Beteiligten immer seltener zu Bewusstsein – bis in Parlament und Regierung hinein. „Wir sind mit unserer Arbeit massiv beteiligt an der Ausgestaltung wissenschaftlicher Kommunikation, wir setzen Akzente und tragen durch unsere Auswahl ganz entscheidend zur Rezeption wissenschaftlicher Inhalte in der Gesellschaft bei“, sagt Budrich.

Wissenschaftsverlage erfüllen also zwei entscheidende Funktionen, die Wissenschaft unterstützen: Sie helfen dabei, Forschung selbst zu strukturieren, und sie tragen zur Vermittlung – zur „Narration“ – wissenschaftlicher Inhalte in der gesamten Gesellschaft bei. Dabei spielt die Vielstimmigkeit und Vielfältigkeit der Konzepte eine wichtige Rolle, etwa im Interesse spezialisierter Einzelwissenschaften, die in den großen Verlagskonglomeraten keinen angemessenen Platz finden. Die logistische Vorstellung, dass akademisches Publizieren nicht mehr als die Aufgabe weniger Super-Frachter sei, die im staatlichen Forschungsauftrag weltweit Wissenscontainer ausliefern, geht jedenfalls an der Wirklichkeit vorbei.