Bachmann-Preisträgerin Helga Schubert

"Bis zum Horizont kein Mensch"

19. März 2021
von Börsenblatt

Bachmann-Preisträgerin Helga Schubert (81) hat auf den Börsenblatt-Fragebogen geantwortet - und unversehens ist daraus ein poetisches Porträt geworden.

Bachmannpreisträgerin Helga Schubert

Ihre Heldin im Alltag?
Eigentlich hatte ich sofort an eine bestimmte unter unseren sich täglich abwechselnden morgendlichen Pflegeschwestern gedacht: 65, die trotz Rente weiter arbeiten wird, die 4 Kinder großzog, selbstbewusst und unerschrocken und humorvoll. Aber dann fragte ich die jüngste von ihnen, burschikos, alleinerziehend mit zwei Schulkindern, ich hab kein Corona, ich rauche bloß, nach ihrer Heldin im Alltag. Sie antwortete: Unser Pflegedienst, wir alle. Da standen sie im Geist alle vor mir, wie sie auch bei Glatteis und im Dunkeln jeden Morgen kommen, anfangs bei uns morgens um 6 Uhr.

 

Welche Gabe würden Sie gern besitzen?
Ich möchte im wahrsten Sinne des Wortes schlimme Erinnerungen ablegen können; denn sie sind alle präsent. So, als ob es erst heute geschah.

 

Ihr Traumberuf als Kind?
Ich hatte keinen Traumberuf. Ich wusste nur, dass ich mich durch eigene Arbeit ernähren muss, dass von niemandem finanzielle Hilfe kommen wird. Dass ich ohne Abitur nicht studieren kann. Mir fielen alle Fächer leicht, und ich las viel. Schließlich redeten mir die Lehrer zu, jeweils ihr Fach zu studieren: Germanistik, Chemie, Sport, Musik, Biologie. Durch Zufall bewarb ich mich dann bei der Psychologie in der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Uni. Im Westen hätte ich Jura und Geschichte studiert.

 

Das Überraschendste, was Ihnen je begegnet ist?
Eine große Ringelnatter, die sich erschrocken steil hoch stellte, als ich hier in dem mecklenburgischen Dorf unsere Betten machte. Es hatte schon tagelang geregnet, darum hatte ich die Terassentür auch schon einige Tage nicht geöffnet. Nur über deren heiße Fliesen konnte sie hereingekommen sein. Wir hatten also schon einige Zeit mit einer Schlange übernachtet.

 

Das Schönste an Mecklenburg?
Es ist der Blick in die Wipfel der riesigen Bäume in unserem Garten, ihre Verästelungen im Gegenlicht abends vor einem roten Himmel. Und dann die Stille. Bis zum Horizont kein Mensch.

 

Eine Marotte von Ihnen?
Ich hebe zu viel auf, Zeitungsausschnitte, alle Briefe, schöne Stoffe. Alles erinnert mich an mein vergangenes Leben. Nachdem ich ein Foto des Arbeitszimmers der von mir sehr verehrten Friederike Mayröcker sah mit den unzähligen Zetteln, war ich erleichtert, dass ich damit nicht allein bin: Nun nenne ich mein Zimmer meine Mayröcker-Höhle.

 

Total überbewertet finde ich ...
... Bedeutungsschweres, auch in der Kunst. Gutes muss für mich immer mit Relativierung und damit mit Humor verbunden sein.

 

Wie hilfreich sind fundierte psychologische Kenntnisse bei der Gestaltung einer literarischen Figur?
Sehr hilfreich, wenn sie aus der therapeutischen Berufspraxis kommen. Man weiß dann auch fürs Schreiben, dass ein Mensch unendlich viele gegensätzliche und sich eigentlich ausschließende Anteile hat und dass kein Mensch fassbar ist, eigentlich nur zum Teil beschreibbar.

 

Der Ingeborg-Bachmann-Preis ist für mich …
... ein Weckruf, ein Wendepunkt in meinem Leben, eine Rückkehr aus dem jahrelangen Rückzug.

 

Wo klappt Offline besser als Online?
Bei allem Sinnlichen. Dieses Körperlose im Online ist eigentlich schon so, wie ich mir das Paradies vorstelle.

 

Nachtigall oder Lerche?
Nachtigall. Ich schreibe dies um 23:08. Beim Schreiben ist es sehr beruhigend, einen stundenlangen Zeitvorrat in der Schwärze drumherum zu haben. Keine Ablenkung durch Schönheit oder Duft draußen in der Welt oder durch Gespräche oder den sogenannten Ernst des Lebens. Hier läuft keine Musik, alles Wichtige ist nachts nur im Kopf.

Helga Schubert

Geboren 1940 in Berlin, studierte Schubert an der dortigen Humboldt-Universität Psychologie. Sie arbeitete als Psychotherapeutin und freie Schriftstellerin in der DDR und bereitete als Pressesprecherin des Zentralen Runden Tisches die ersten freien Wahlen mit vor. Nach zahlreichen Buchveröffentlichungen zog sie sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte "Vom Aufstehen" den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat.

Am 18. März ist bei dtv "Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten" erschienen; in kurzen Episoden und klarer, berührender Sprache erzählt sie ein Jahrhundert deutscher Geschichte.

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