Zum 90. Geburtstag von Klaus Wagenbach

Kafkas Witwe

11. Juli 2020
von Börsenblatt

Der Berliner Verleger Klaus Wagenbach hat ein riesiges, schönes Lebenswerk geschaffen – mit Kenntnis, Umsicht, Klugheit. Michael Krüger, langjähriger Hanser-Verleger, gratuliert seinem Freund und Kollegen zum 90. Geburtstag am 11. Juli.

Klaus Wagenbach, 2014 bei der Jubiläumsausstellung seines Wagenbach-Verlags im Leipziger Haus des Buches

Ich glaube, ich war noch Lehrling bei der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung (damals noch in Berlin), als ich in einem Ramschladen in Zehlendorf zwei wunderbar gedruckte und gebundene Halbjahresbände der Zeitschrift »­Hyperion« erstand, einer von Franz Bleis vielen Gründungen in München. In beiden Bänden fand ich Texte von Franz Kafka, den ich damals schon als meinen Lieblingsautor bezeichnete.

Ich schrieb also an den mir damals völlig unbekannten Herrn Dr. Wagenbach, um ihn über meinem Fund zu benachrichtigen, wohl weil ich der törichten Annahme war, er hätte diese Texte bei seinen Forschungen übersehen. Dr. Wagenbach, den man seinerzeit ohne Skrupel als Kafkas Witwe bezeichnen durfte – ich nehme an, er selbst hatte diese Bezeichnung erfunden –, schrieb zurück und klärte mich auf, und so begann unsere nun über 50-jährige Freundschaft, in deren Verlauf mehr als 25 gemeinsame Bücher geboren wurden.

Es gab damals keine literarischen Verlage in Berlin, kein Verlagsmilieu

Michael Krüger, Autor und ehemaliger Hanser-Verleger

Das kam so: Wagenbach gründete 1964 in seiner Geburtsstadt, dem inzwischen geteilten, durch eine solide Mauer getrennten Berlin, zusammen mit seiner Frau Katja seinen Verlag. Er hatte, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, von seinen Eltern eine Wiese geerbt und verkauft, was er als Gründungskapital einbringen konnte. Trotzdem war das in jener Zeit außerordentlich riskant, denn es gab keine literarischen Verlage in Berlin, kein Verlagsmilieu. Kein Rowohlt mehr, kein Fischer, von den vielen interessanten Verlagen der 20er Jahre war nichts geblieben, die meisten Verleger waren vertrieben oder umgebracht worden.

Es gab einige interessante Zeitschriften, wie den "Monat", die "Neuen Deutschen Hefte" oder die "Neue Rundschau", deren Redaktionen in Berlin angesiedelt waren, es gab eine Handvoll guter Buchhandlungen – wie Marga Schoeller oder Kiepert –, es gab die Ford Foundation, die einige aufregende Künstler nach Berlin holte, aber es fehlten intellektuelle Zentren. Auf der anderen Seite, in Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR, war das anders.

Ich war schon mit einem Bein in München, als mich ein weiterer Brief Wagenbachs erreichte: Ob ich mit ihm ein Jahrbuch für Literatur herausgeben wolle, das auf den schönen Namen "Tintenfisch" hören sollte. Ja, ich wollte. Also haben wir 20 Jahre lang die gesamte deutsche Literatur inklusive aller Zeitschriften gelesen, und Klaus hat mithilfe eines Taschenrechners alles auf die Zeile genau ausgerechnet, damit kein Platz verschenkt wurde. Manchmal finde ich in meinen Papieren die langen Listen, die hin und her wechselten, mit Kommentaren versehen: grauenhaft, hihi, depri, bitte!!!, aber seltsamerweise entstand immer wieder ein neues Jahrbuch, das man heute noch mit Gewinn lesen kann.

Er ging lieber ins Mittelmeer als in die Nordsee und Rotwein schmeckte ihm besser als Doppelkorn.

Michael Krüger über Klaus Wagenbach

Es war die Zeit der politischen Unruhen, und Klaus war mittenmang. Nicht nur als Verleger von Ulrike Meinhofs, der er die Grabrede hielt, und Rudi Dutschkes und ­Peter Brückners, sondern auch als politisch denkender Mensch. Obendrein machte ihm Ost-Berlin Schwierigkeiten, weil er der Verleger Wolf Biermanns war.

Aber all das ist Sozialgeschichte der deutschen Literatur und steht hoffentlich korrekt wiedergegeben in den Geschichtsbüchern und in den Schriften von Klaus, die mit der Zeit erschienen sind. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass die Prozesskosten den Verlag fast erdrosselt haben. Hinzu kam 1973 die Abspaltung des Rotbuch-Verlags, die er verkraften musste – und verkraftet hat: Schon wenige Jahre später erschien, von ihm und Barbara Herzsprung herausgegeben, die Zeitschrift "Freibeuter", nachdem er vorher schon einige Jahre Verleger des "Kursbuchs" gewesen war.

Aber das sind die äußeren Daten. Sie sollen nicht seine Liebe zur Literatur verdecken, seine akribischen Lektüren, aber auch seine Begeisterung für gute Herstellung, für Papier, Leinen und Typografie, seine entzückten Ausrufe, die man mit der Zeit richtig interpretieren konnte. Zu unser aller Nutzen ging seine kunsthistorische Liebe zu Italien unter den politischen Auf­regungen nicht in die Brüche, er ging lieber ins Mittelmeer als in die Nordsee und Rotwein schmeckte ihm besser als Doppelkorn.

Als zweiten Flügel seines Verlegeraltars hat er die ­gesamte bedeutende italienische Literatur des 20. Jahrhunderts neu aufgelegt oder zum ersten Mal übersetzen lassen.

Michael Krüger über Klaus Wagenbach

Diese Liebe hat eine Fülle von Büchern hervorgebracht, die man als einzigartig bezeichnen muss: große mehrbändige Werke zur Kultur der Renaissance, Werke von Lampugnani, Bredekamp, Carlo Ginzburg, Georges Duby, Bernd Roeck, Fernand Braudel, Michael Baxandall und John Berger, dazu, als eine von vielen Krönungen, eine Gesamtausgabe der Viten von Vasari in 45 Bänden. Und als zweiten Flügel dieses Verlegeraltars hat er die ­gesamte bedeutende italienische Literatur des 20. Jahrhunderts neu aufgelegt oder zum ersten Mal übersetzen lassen: von ­Alberto Moravia bis Elsa Morante, von Pasolini bis Vittorino, von Ennio Flaiano bis Luigi Malerba, von Giorgio Bassani bis ­Leonardo Sciascia.

Für diese einmalige verlegerische Tat wurde er nicht nur zum Cavaliere della Repubblica Italiana ernannt und mit dem Premio Nazionale per la traduzione ausgezeichnet, sondern erhielt auch einen Ehrendoktor in Urbino und den an den wunderbaren ­Lektor, Journalisten und Brecht-Übersetzer erinnernden Enrico-­Filippini-Preis. Und weil noch Platz war auf seiner Brust, konnte er auch das Bundesverdienstkreuz anlegen und den Orden des Ritters der französischen Ehrenlegion. Und selbstverständlich wurde er, der mich immer Professor nannte, auch Honorarprofessor in Berlin und erhielt auch in Deutschland einige Preise für seine Arbeit, so den Hugo-Ball-Preis sowie den Kythera-Preis.

Seiner Frau Susanne Schüssler hat er auch die Liebe zum roten Leinen vererbt und die Achtung vor verlagsspezifischen ­Mythologien, die es sorgfältig zu pflegen gilt.

Michael Krüger über Klaus Wagenbach

Also ein riesiges, schönes Lebenswerk, das er mit Kenntnis und Umsicht geschaffen hat und natürlich mit großer Klugheit: Eine seiner klügsten Entscheidungen war es wohl, den Verlag rechtzeitig in die Hände seiner Frau ­Susanne Schüssler (die mal bei Hanser gelernt hat, es konnte also nichts schiefgehen) zu legen – die diesen nun auch schon wieder seit fast 20 Jahren betreut. Ihr hat er auch die Liebe zum roten Leinen vererbt und die Achtung vor verlagsspezifischen ­Mythologien, die es sorgfältig zu pflegen gilt.

Lieber Klaus, es ist eine Schande, dass wir uns so selten sehen. Aus der Ferne (eingesperrt wegen einer scheußlichen Leukämie) schicke ich die herzlichsten Glückwünsche zum Geburtstag, Dein inzwischen auch älterer Professor MK.