Offener Brief des PEN zur Ausladung von Lisa Eckhart

"Es gibt vielfältige Formen von Zensur"

10. August 2020
von Börsenblatt

Die Autorin kann nun vielleicht doch beim Hamburger Harbour Front Literaturfestival lesen, der PEN äußert sich „bestürzt“ zur Ausladung der Kabarettistin – und konkrete Drohungen von links gab es offenbar gar nicht: Ein Update zum Fall Lisa Eckhart.

Autorin Lisa Eckhart

Festival-Vorschlag an Verlag und Management

Das Harbour Front Literaturfestival in Hamburg will der umstrittenen Kabarettistin Lisa Eckhart nun doch eine Teilnahme am Wettbewerb um den Klaus-Michael Kühne-Preis ermöglichen. Wie berichtet, war der Auftritt im Hamburger "Nochtspeicher" in der vergangenen Woche abgesagt worden, unter dem Hinweis auf Sicherheitsbedenken (mehr dazu hier). Lisa Eckhart sollte im "Debütantensalon" aus ihrem Roman "Omama" (Zsolnay) lesen.

Unter der Überschrift "Aus gegebenem Anlass" heißt es auf der Website des Festivals, man habe dem Verlag und dem Management von Lisa Eckhart am 6. August einen Vorschlag unterbreitet, wie die Autorin weiter im Wettbewerb bleiben könne. Verlag und Management hätten angekündigt, sich in dieser Woche zu dem Vorschlag zu äußern.

Nochtspeicher: Warnungen aus der Nachbarschaft, keine Drohungen

Auch die Betreiber des "Nochtspeichers" haben am Wochenende erneut Stellung zur "Causa Eckhart" genommen. Sie verweisen darauf, dass "Aktivisten" in schwarzen Bomberjacken 2016 versucht hätten, eine Lesung mit Harald Martenstein zu sprengen - wegen angeblicher "Frauenfeindlichkeit" des Autors. Dabei soll eine Gasflasche des Heizgeräts in der überdachten Raucherecke sabotiert worden sein.

"Angesichts dieser Erfahrung und nach besorgten Warnungen aus der Nachbarschaft (nicht, wie inzwischen kolportiert, `Drohungen´) waren wir uns sicher, dass die Lesung mit Lisa Eckhart gesprengt werden würde, und zwar möglicherweise unter Gefährdung der Beteiligten, Literaten wie Publikum“, so der "Nochtspeicher".

Aus der Stellungnahme geht damit allerdings auch hervor, dass es keine konkrete Bedrohungslage für die Eckhart-Lesung gegeben hat, anders als manche Medien-Schlagzeile in den vergangenen Tagen nahelegte. Die "Zeit" bezeichnete die Diskussionen der vergangenen Tage deshalb in einer ausführlichen Analyse als "Gespensterdebatte" (mehr dazu hier).

Offenener Brief des PEN: "Ob der Ausladung Lisa Eckharts bestürzt"

Gespensterdebatte? Das sieht Regula Venske, Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland, offenbar anders, denn sie meldet sich ebenfalls zu Wort – in einem offenen Brief an das Team des Harbour Front Literaturfestivals (Petra Bamberger, Nikolaus Hansen und Heinz Lehmann) sowie des Nochtspeichers Hamburg: „Wir kennen und schätzen uns in Hamburg nun schon seit vielen Jahren, und ich weiß, dass Euch die Literatur und die Meinungsfreiheit am Herzen liegen. Wie viele andere aber bin ich ob der Ausladung Lisa Eckharts bestürzt“, so Venske in dem Schreiben, das wir hier im Wortlaut dokumentieren, weil es sehr differenziert und nachdenklich auf die Diskussionen um Lisa Eckharts abgesagten Auftritt und den Vorwurf der Zensur eingeht:

Liebe Verantwortliche von Nochtspeicher und Harbour Front Literaturfestival,

im Pressestatement des Nochtspeichers zur Ausladung der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart durch das Harbour Front Festival heißt es: „Wir begrüßen, daß die Ausladung Lisa Eckharts vom Harbour Front Literaturfestival zu einer öffentlichen Debatte führt, diese gesellschaftliche Debatte ist überaus wichtig, um der bedrohlich um sich greifenden ´Cancel Culture‘ Einhalt zu gebieten. Es ist alarmierend, wenn Künstler unter dem Damoklesschwert der sozialen Ächtung arbeiten oder sogar eine ‚Kontaktschuld‘ durch einen gemeinsamen Auftritt mit einer unliebsamen Person befürchten müssen; wenn Auftritte gesprengt oder gewaltsam verhindert werden.“ Nikolaus Hansen hat darüber hinaus die "verflucht komplexe Gemengelage für alle“, die zu dieser Entscheidung geführt habe, auf DLF Kultur erläutert (mehr dazu hier, Anm. der Redaktion).

Wir kennen und schätzen uns in Hamburg nun schon seit vielen Jahren, und ich weiß, dass Euch die Literatur und die Meinungsfreiheit am Herzen liegen. Wie viele andere aber bin ich ob der Ausladung Lisa Eckharts bestürzt. Das kann und darf nicht die Ultima Ratio in dieser Angelegenheit sein! Ob die Gewalt von rechten oder linken Extremisten, von religiösen Eiferern oder Psychopathen angedroht wird: Wir dürfen uns ihr nicht in vorauseilendem Gehorsam beugen.

Wer mit einem Kollegen, einer Kollegin nicht auftreten will, muss selbst zu Hause bleiben .

Regula Venske, Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland

Es mag sein, dass der Nochtspeicher unter den gegebenen Umständen nicht der geeignete Ort für diese Veranstaltung ist, es mag auch sein, dass man jetzt nicht alle geplanten Tandem-Lesungen verschieben kann. Aber wir haben, zumal in den vergangenen Monaten, gelernt, dass es auch ein Internet gibt und dass man die Kandidatin zum Beispiel per Online-Schalte einbeziehen könnte.

Übrigens geht es auch nicht an, dass sich für einen Preis Nominierte ihre Konkurrenten selbst aussuchen. Wer mit einem Kollegen, einer Kollegin nicht auftreten will, muss selbst zu Hause bleiben und kann nicht dem Veranstalter vorschreiben, mit wem er oder sie zu lesen bereit ist oder wer weiter im Rennen bleiben darf.

Die Beschwichtigung, es handle sich hier nicht um Zensur, Frau Eckhart könne ja an anderen Veranstaltungsorten oder auch im Fernsehen auftreten, greift – pardon, lieber Niko – zu kurz.

Es gibt vielfältige Formen von Zensur - eine moderne durch "Volksabstimmung" im Internet.

Regula Venske

Es gibt vielfältige Formen von Zensur, klassisch durch staatliche Obrigkeit, moderner (aber vielleicht nicht einmal das) durch organisierte Kriminalität und/oder politischen Terror, verschärft in beiden Fällen durch die Duldung und Straflosigkeit seitens eines handlungsunfähigen Staates. Und, noch moderner, durch ‚Volksabstimmung‘ im Internet.

Im Dezember 1930 wurde die Premiere von „Im Westen nichts Neues“ nach dem Roman von Erich Maria Remarque derart massiv gestört, dass die Vorstellung schließlich abgebrochen werden musste. Verantwortlich waren damals nationalsozialistische Schlägertrupps. Am Ende machte sich die Oberprüfstelle die nationalsozialistische Argumentation zu eigen und verhängte ein Aufführungsverbot. Übrigens beklagte Heinrich Mann, der in den 1920er Jahren in mehreren Essays gegen Zensur Stellung bezog, dass sich das wilhelminische liberale Bürgertum viel stärker dagegen zur Wehr gesetzt hätte als es das Publikum der Weimarer Republik tat.

Wo wollen wir uns heute verorten?

Nun ist Lisa Eckhart nicht Erich Maria Remarque, aber darum geht es auch nicht. Gerade am Umgang mit "trivialeren" Kunsterzeugnissen zeigt sich, wie es um Demokratie und Meinungsfreiheit steht. Sie sind der Testfall, und das Publikum braucht auch sie, um sich in Kritik zu üben und Kategorien der Beurteilung auszubilden. Derzeit geistert das Wort "Figurenrede" durchs Internet. Das Bewusstsein dafür scheint in der Tat verloren zu gehen. Gut wäre z. B. ein Vergleich mit einem Vorgänger Lisa Eckharts, der für diese Gruppe jüngerer Comedians, zu denen sie gehört, Maßstab sein könnte: Serdar Somuncu. Wenn Somuncu den Fascho gibt und aus Hitlers "Mein Kampf" liest, so gelingt es ihm, die Bühnenfigur, die er abgibt, gleichzeitig zu dekonstruieren. Eine solche Dekonstruktion sehe ich bei Eckhart nicht. Darüber könnte man diskutieren.

Wer von den acht Nominierten am Ende mit einem Preis ausgezeichnet wird, entscheidet die Jury, nach Diskussion, so hoffe ich, und nicht im Faustkampf. Und auch das Publikum muss sich mit Argumenten, d.h. mit Worten auseinandersetzen. Gewaltandrohungen zählen nicht dazu. Im Übrigen sind für den Straftatbestand der Volksverhetzung, die manche hier vermuten, unsere Justiz und für jugendgefährdende Medien die Bundesprüfstelle zuständig. Traurig genug, dass an den Rändern unserer Gesellschaft kein Vertrauen in den demokratischen Rechtsstaat besteht. Wir aber sollten ihn verteidigen.

Ich begrüße daher, dass Ihr Lisa Eckhart nunmehr einen Vorschlag unterbreitet habt, wie sie weiter im Wettbewerb um den Klaus-Michael Kühne-Preis bleiben kann, und hoffe, Ihr findet eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung.

Für das PEN-Zentrum Deutschland

Herzlich, Eure

Regula Venske

Präsidentin