Lesekompetenz-Studie

Viertklässler:innen lesen deutlich schlechter als vor Corona

15. März 2022
von Börsenblatt

Einer aktuellen Studie der Universität Dortmund nach ist der Anteil der starken Leser:innen im Vergleich zu 2016 von 44 Prozent auf 37 Prozent gesunken. 28 Prozent können nur schwach oder sehr schwach lesen – 2016 waren es mit 22 Prozent deutlich weniger.

Fünf Kinder liegen auf dem Boden und lesen Bücher

Hat der häufige Wechsel zwi­schen Distanz- und Präsenzunterricht mit un­ter­schied­li­chen hybriden Varianten Aus­wir­kungen auf den Kompetenzerwerb von Schü­le­rin­nen? Ein For­schungs­team des Instituts für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund unter der Leitung von Prof. Nele McElvany hat 4.300 Viertklässler:innen an 111 Grundschulen auf ihre Lesekompetenz hin untersucht und erstmals wissenschaftlich repräsentative Daten zum Stand der Lesekompetenz von Viertklässlern vor und während der COVID-19- Pandemie vorgelegt.

Ihr Fazit: Die Daten weisen darauf hin, dass die Lesekompetenz der Kin­der 2021 im Mittel deutlich geringer ist als noch 2016. "Somit fehlt den Kindern im Durchschnitt rund ein halbes Lernjahr", teilen die Wissenschaftler:innen mit. "Zu­dem hat der Anteil an Viertklässler*innen, die gut bis sehr gut lesen kön­nen, im Vergleich zum Jahr 2016 um rund sieben Pro­zent auf 37 Pro­zent abgenommen. Der Anteil derjenigen, die Pro­ble­me mit dem Lesen und dem Textverständnis haben, nahm dagegen um sechs Pro­zent auf ins­ge­samt 28 Pro­zent zu." Generell betrifft der Rückgang des mittleren Lesekompetenzniveaus alle un­ter­such­ten Schülergruppen. "Da Lesen eine zentrale Kompetenz darstellt, hat dieses Ergebnis auch Auswirkungen auf alle anderen Schulfächer", betont Nele McElvany.

Kein Schreibtisch, kein Internet: Schlechtere Ergebnisse

Mädchen seien zwar im Lesen im Mittel weiterhin stärker als Jungen, allerdings sei das durchschnittliche Leseniveau beider Gruppen gesunken. Ähnlich sieht es aus, wenn der soziokulturelle Hintergrund fokussiert wird: Kinder aus Familien mit mehr als 100 Büchern zuhause können im Schnitt besser lesen als solche mit weniger Büchern, aber die mittlere Lesekompetenz beider Gruppen ist in ähnlichem Maße geringer als noch 2016. Kinder mit schlechten häuslichen Rahmenbedingungen zum Lernen – kein eigener Schreibtisch und kein Internetzugang – verlieren im Schnitt mit 27 Punkten mehr als Kinder mit guten Rahmenbedingungen (16 Punkte). Vergleicht man schließlich die Gruppen der Grundschulkinder mit und ohne Migrationshintergrund, so hat die Lesekompetenz von Kindern mit Migrationshintergrund im Mittel tendenziell stärker unter der Pandemie gelitten. Das Ergebnis könne nicht statistisch gegen den Zufall abgesichert werden, aber die Zahlen zeigten den Wissenschaftler:innen zufolge deskriptiv eine deutliche Vergrößerung des Unterschieds der mittleren Leseleistungen: Lagen Kinder, die im Ausland geboren sind, 2016 im Mittel noch 46 Punkte hinter Kindern mit Deutschland als Geburtsland, so beträgt dieser Unterschied 2021 durchschnittlich 63 Punkte und damit rund 1,5 Lernjahre.

Alarmierende Ergebnisse

"Die aktuelle Schülergeneration in Deutschland zeigt generell eine wesentlich geringere Lesekompetenz als noch vor fünf Jahren – das ist alarmierend", ist ein Fazit des Forachungsteams. Um diese Lücke wieder schließen zu können, komme es auf umfassende und wirksame Unterstützungs- und Förderangebote an. "Die hier untersuchten Kinder besuchen aktuell die fünfte Klassenstufe – neben den Grundschulen müssen für die Leseförderung also auch die weiterführenden Schulen systematisch mitgedacht werden", sagt Nele McElvany. Mit Blick auf mögliche zukünftige Krisen gelte es, bei bildungspolitischen und pädagogischen Entscheidungen Aspekte wie das selbstregulierte Lernen in eher distanzorientierten Lehr-Lern-Kontexten sowie die Arbeit mit digitalen Medien als Schlüsselstellen mitzudenken.