Für "Landschaft ohne Zeugen"

Ines Geipel erhält den Geschwister-Scholl-Preis

8. Oktober 2026
Redaktion Börsenblatt

Ines Geipel wird für ihr Buch "Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung" mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 24. November in München verliehen.

Porträt von Ines Geipel

Ines Geipel 

Der Geschwister-Scholl-Preis geht an Ines Geipel. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern und die Landeshauptstadt München würdigen damit ihr bei S. Fischer erschienenes Buch "Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung". Die Laudatio hält die französische Schriftstellerin und Übersetzerin Cécile Wajsbrot.

Erinnerung und Geschichtspolitik

In ihrer Begründung hebt die Jury hervor, dass Geipel am Beispiel Buchenwalds untersucht, wie sich politische Deutungen über die Geschichte des Konzentrationslagers gelegt haben. Im Zentrum steht das antifaschistische Gründungsnarrativ der DDR und die Frage, wie widersprüchliche Erfahrungen in eine politisch nutzbare Geschichte überführt wurden.

Geipel zeigt, wie sich das Bild des Widerstands verfestigte und andere Opfergeschichten sowie unbequeme Zeugnisse darin ihren Platz verloren. Auch westdeutsche und gegenwärtige Formen des Gedenkens nimmt sie in den Blick. Archive, Dokumente und Biografien machen laut Jury jene Brüche sichtbar, die politische Erinnerungserzählungen geschlossen erscheinen lassen.

Die Untersuchung reiche unmittelbar in die Gegenwart hinein, so die Jury. Historische Deutungen wirkten in politische Sprache und gesellschaftliche Selbstbilder hinein. Geipel zeige, wie lange Diktaturerfahrungen und staatlich gelenkte Formen des Erinnerns nachwirkten und von autoritären und nationalistischen Kräften für ihre Geschichts- und Gesellschaftsbilder genutzt würden.

"Für diese Verbindung von historischer Genauigkeit, geistiger Unabhängigkeit und verantwortlichem Urteil wird Ines Geipel für 'Landschaft ohne Zeugen' mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet", heißt es in der Jurybegründung.

Preisverleihung im November

Ines Geipel wurde 1960 geboren und floh 1989 nach ihrem Germanistikstudium von Jena nach Darmstadt. Dort studierte sie Philosophie und Soziologie. Als Autorin und Herausgeberin beschäftigt sie sich insbesondere mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der DDR-Diktatur. Von 2001 bis 2025 war sie Professorin für Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch".

Die Autorin und Übersetzerin Cécile Wajsbrot wird die Laudatio halten. Sie wurde 1954 als Tochter jüdischer Eltern in Paris geboren. In ihren Romanen thematisiert sie unter anderem die französische sowie die deutsche Nachkriegsgeschichte und den unterschiedlichen Umgang der Generationen mit den Traumata der Shoa. Seit 2017 ist sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie seit 2019 der Akademie der Künste in Berlin.

Der Geschwister-Scholl-Preis wird seit 1980 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern und der Landeshauptstadt München vergeben. Ausgezeichnet wird jährlich ein Buch jüngeren Datums, das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und Impulse für Freiheit, Mut und ein verantwortungsbewusstes Gegenwartsverständnis gibt.

Die Jury stand 2026 unter dem Vorsitz von Klaus Füreder, Vorsitzender des Börsenvereins Bayern, und Kulturreferent Marek Wiechers.