Die Sonntagsfrage

„Schreiben und Lesen gegen Corona – wie motivieren Sie die Bremer*innen, Frau Altenau?“

30. Oktober 2020
von Börsenblatt

Vivien Catharina Altenau arbeitet im Musketierverlag und in der Georg Büchner Buchhandlung in Bremen.  Sie ist außerdem Autorin und hat ein Projekt mit vielen Partnern rund um die „Corona-Papers“ mit Texten aus dem Lockdown und ihrem Roman „mutterseelenallein“ aus der Taufe gehoben. Ihr Ziel: dem Kultur-Aus die kalte Schulter zu zeigen. Wie ihr Plan dafür aussieht, erklärt sie in der Sonntagsfrage. 

Vivien Catharina Altenau

Vivien Catharina Altenau

Wir stecken in der Krise. Du, ich, hier und da, die da drüben, die ganze Welt. Ein globaler Ausnahmezustand, Und somit schreit es nun zum zweiten Mal: Rückzug! Wir sind erst aufgefordert und dann gezwungen zurückzukehren, uns in unsere vier Wände zu begeben. Die Regierung zieht massenhaft Ereigniskarten. Frei nach dem Motto: Gehen Sie in das Gefängnis. Begeben Sie sich direkt dorthin. Gehen Sie nicht über Los. Ziehen Sie nicht 200 M ein. Zwischen Schock und Erkenntnis geht es uns auf: Liegt das Gefängnis tatsächlich im Drinnen oder müssen wir uns eingestehen, dass wir in Wahrheit längst im Außen gefangen waren? Und gerade hier ist es – so meine Überzeugung- die Literatur, die Kultur, die Resonanzerfahrung von all dem was Kunst bedeutet, dessen Notwendigkeit uns bewusst wird.

Lesen und Schreiben hilft!

Lesen und Schreiben hilft… das merke ich nicht nur ganz individuell, sondern auch immer wieder in der Begegnung mit den Lesenden sowohl in der Georg Büchner Buchhandlung als auch im Kontakt zwischen Autoren und Publikum im Verlag. Angst lähmt. Respekt vor den aktuellen Umständen prägt. Doch unsere Chancen sind noch nicht vertan. Vielmehr sehe ich unser Potential. Denn wenn wir ausgebremst werden, beginnen wird das Flüstern zu hören. Beim Lesen und Scheiben fühle ich mich frei, und dieses Gefühl möchte ich teilen. Und somit wird das Flüstern lauter; bis es kaum mehr zu überhören ist. Doch es schreit nicht, es singt. Es greift nicht nach mir, es schubst mich voran.

Die Zeit des ersten Lockdowns wurde für mich eine Zeit des Wirbelns. Mir wurde immer klarer, dass aus der Anthologie „Corona Papers- Texte aus dem Lockdown“ ein Literatur Erlebnis werden musste – mit Abstand die beste Idee, denn vorgetragen von Musikern, Autoren und Poeten wurde mir immer bewusster, dass aus der ersten Veranstaltung eine zweite werden musste, und am liebsten … Dennoch werde natürlich auch ich blockiert durch den zweiten Lockdown, durch die erneute Schließung der Einrichtung sind auch wir im Musketierverlag gezwungen, ein schönes Konzept nun wieder neu und umzudenken.

Dafür darf ich mit dem zweiten Lockdown nun wieder meinen großen Rucksack aufsetzen und meine Erfahrungen als fliegende Bücherbotin in Bremen, erneut aufleben lassen. Denn Beruta Adolf und ich aus der Georg Büchner Buchhandlung im Bremer Viertel wollen, dass sich unsere Kunden wohl fühlen, und wenn dies bedeutet, dass wir den Lesestoff bis vor die Haustür bringen, dann tuen wir eben genau dies! Das aufregende Weihnachtsgeschäft, welches ohnehin mit sehr viel Bedacht angegangen wird, ist dieses Jahr noch eine Nummer tüftliger.

Aber auch hier braucht es einfach nur gute Ideen. Beruta Adolf und ich entwickelten für dieses Jahr ein eigenes kleines Booklet, indem wir unsere Lieblingsbücher besprechen und die Buchberatung auf diese Weise auf das heimische Sofa auslagern. Mit dem Ausfüllen von Buch Wunschlisten, können wir die maximale Personenanzahl im Laden gewährleisten und gleichzeitig die Geschenke auch liebevoll verpacken. Solche Ideen machen mich glücklich. Und bekannterweise ist geteilte Freude gleich doppelte Freude.

Es ist befreiend, den eigenen Zustand in Worte zu fassen

Als Autorin prägt mich Corona jedoch natürlich auch und die Verschiebung des Veröffentlichungstermins meines Romans „mutterseelenallein“ sowie die ausfallenden Lesungstermine machen mich traurig. Aber als Gegenmaßnahme zum Trübsaalblasen entsteht gemeinsam mit dem Künstler Jonas Haff nun einfach ein zusätzliches Buch: „Eine menschliche Co.-Produktion 2.0“. Wie gesagt: Schreiben hilft. Lesen auch. Und hören…. Auch!

Daher wird weiterhin an der Idee, die Menschen, die sich an Weihnachten inklusive Corona „mutterseelenallein“ fühlen beizustehen festgehalten. Eine wundervolle Weihnachtssendung im Oldenburger Lokalsender O1 sowie ein begleitender Live-Chat soll Abhilfe schaffen. Unterstützt werde ich dabei von der Powerfrau, Kabarettistin und Autorin Annika Blanke.  Ich möchte den Menschen zeigen, wie befreiend es ist, den eigenen Zustand im Kontext der aktuellen Lage, sowohl gesellschaftlich als auch persönlich in Worte zu fassen, Blickwinkel zu verstehen und über den Ausdruck einen Eindruck von gegenwärtigem Leben zu erhaschen.

Die Welt hat uns herausgefordert. Lasst uns antworten.

Die Ansammlung an Gedanken, Wortfetzen und Texten sind der Beweis dafür, dass wir alle einen unendlichen, kreativen Möglichkeitsraum besitzen und die Fähigkeit unsere Eindrücke auszudrücken. Lasst uns diese Räume gemeinsam füllen und mit dem Wesentlichen, dem Wahren und den Wundern bewohnen. Die Welt hat uns herausgefordert. Lasst uns antworten.

Gemeinsam mit einem kleinen Schreibkollektiv an tollen Menschen entstehen neue Formate, ein lyrischer Adventskalender und ganz viel Vorfreude auf die Zeiten, wenn wir wieder können, wie wir wollen. Lasst uns vom Entweder- oder Prinzip abweichen und beides zulassen. Rückzug und Ausdruck. Lasst uns diesen Moment des Mangels in einen Augenblick der Menschlichkeit verwandeln. Lasst uns echte Nähe schaffen. Schaffen wir Worte. Schaffen wir die Welt. Wir müssen bedacht handeln, nachdenken und dann damit aufhören, um zu fühlen. Lass uns den Stift, die Möglichkeit und das Wort ergreifen. Und wenn alles vorbei ist, haben wir immerhin eines: aufregende Geschichte zu erzählen.

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