Interview mit Doris Janhsen zum 175jährigen Jubiläum Droemer Knaur Verlag

2b im Kiez gewinnt

8. Februar 2021
von Torsten Casimir

175 Jahre Droemer Knaur – das soll gefeiert werden. Ihre Pläne zum Jubiläum wollen sich die Münchner durch Corona nicht trüben lassen: Verlegerin Doris Janhsen über Helden des Handels und ein Medium, das in der Krise Stärke zeigt.

Doris Janhsen

Sie haben ein großes Jubiläumsprogramm vorbereitet: jeden Monat neue Titel, POS-Pakete, Veranstaltungen. Nun ist noch Lockdown. Also alles vergebens? 
Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass wir unter anderen Umständen starten. Aber allein die Tatsache, dass unser Krimi über die Queen, »Das Windsor-Komplott«, sowie das neue Buch von James Comey als unsere ersten Jubiläumstitel gleich auf der Hard­cover-Bestsellerliste eingestiegen sind, gibt Zuversicht. Vor allem aber: Geschult durch das vergangene Jahr, sind wir so aufgestellt, dass wir flexibel reagieren können. Bei der Idee des Bücherbusses werden wir sehen müssen, wann wir sie umsetzen, andere analoge Aktivitäten für den Handel passen wir just in time an. Zudem gibt es einen starken digitalen Strang, zum Beispiel ­aufwendig inszenierte virtuelle Räume mitsamt Gewinnrätseln, in denen Leser*innen umherstreifen können. Vielleicht geben wir mit dem Jubi­läums­paket, so wie wir es erdacht haben, sogar erste Antworten für die Nach-Corona-Zeit.

Wie meinen Sie das?
Zu den Vorteilen, die die Pandemie mit sich gebracht hat, gehört eine enorm verbesserte digitale Kompetenz und Infrastruktur des stationären Buch­handels. Social-Media-Aktivitäten, die früher gelegentlich verpufft sind, lassen sich jetzt gemeinsam viel besser ausspielen und vernetzen – vor allem im klassischen Sortiment, aber auch bei den Filialisten. Diese Multi-Channel-Konzepte im engen Schulterschluss zwischen Handel und Verlagen optimiert auszuspielen, wird sicherlich eines der ersten Gebote auch für die Zeit nach der Pandemie sein.

Sichtbarkeit für das Thema Buch verlagert sich mehr und mehr ins Internet. Wie wird sich das langfristig auf den stationären Buchhandel auswirken?
Ich fürchte, das Rad wird sich nach Corona nicht wieder zurückdrehen lassen. Die Kunden haben sich an einfache Bestellbarkeit und E-Commerce gewöhnt. Bedrohlich ist dies meines Erachtens insbesondere für die großen Flächen in den Toplagen, denn E-Commerce wird den Schwund der Innenstadtfrequenz voraussichtlich weiter beschleunigen. Dagegen könnte das klassische Sortiment auch mittel- und langfristig von dem sich schon länger anbahnenden und durch Corona zu neuer Reife gekommenen Buy-local-Trend profitieren, womöglich so weit, dass es partiell die Großflächen in den Innenstädten ersetzen wird. Die Frage aktuell heißt ja entsprechend: Was ist erfolgreicher – 2b im Kiez oder 1a in der Innenstadt? 

Und Ihre Antwort?
Zurzeit ganz klar 2b im Kiez. Aber was auf den ersten Blick charmant klingen mag, ist natürlich eine große Heraus­forderung. Denn die dazugehörige Gegenfrage lautet: Wie können die großen Filialisten digitale Angebots- und Vermarktungsalternativen für die wegfallenden Flächen entwickeln? Einige haben da bekanntermaßen unglaublich schnell und dynamisch agiert und neue Handlungsräume geschaffen. Auch in diesem Sinne wirkt die Pandemie wie ein Brennglas und ein Wegweiser in die Zukunft.

Auf der einen Seite haben wir E-Commerce und ein 360-Grad-Marketing auf allen Kanälen, auf der anderen die Kiez-Buchhändlerin, die Kumpanin der Gemeinschaft der Lesenden. Passen die zwei Welten zusammen?
Das eine schließt das andere nicht aus. Die von den Buchhändler*innen unter Aufbietung all ihrer Kräfte neu entfachte Liebe zum Buchladen um die Ecke ist das eine, ist der Mikrotrend vor allem für die klassischen (Viel-)Leser*innen. Der Makrotrend wird ein selbstverständliches Nebeneinander von Digitalem und Haptischem sein. Man sieht das sehr schön bei den Jugendlichen: Sie kommunizieren digital und lesen haptisch. Diese Gegenwelten setzen sich in der Young Romance fort. Die treffen sich in digitalen Diskussionsforen, fast wie einst in den frühromantischen Salons – und schätzen zugleich die Aura des haptischen Buchs als bewusste Alter­native zu ihrer Alltagskommunikation. Und leben damit gewissermaßen vor, worin unsere Zukunft als Branche liegt und wofür wir durch die in der Pandemie neu gewonnenen Kompetenzen und Strategien besser gerüstet sind.

Die Pandemie wirkt wie ein Wegweiser in die Zukunft.

Doris Janhsen

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