Beltz Verlagsgruppe zur GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz der Bundesregierung

"Am Menschen spart man nicht"

19. August 2026
Redaktion Börsenblatt

Die Beltz Verlagsgruppe als Anbieter von Fachliteratur für Psychotherapeut:innen positioniert sich zum vom Bundestag beschlossenen GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz und warnt vor den Konsequenzen: "Der Preis ist hoch."

Marianne Rübelmann

Marianne Rübelmann

Als Ziele gebe die Bundesregierung an, dem Kostendruck der gesetzlichen Krankenversicherungen beikommen zu wollen, die Beitragssätze stabil zu halten und die Belastung für Beitragszahlende zu reduzieren. "Wir sind sehr besorgt angesichts dieses Gesetzes", kommentiert Marianne Rübelmann, Geschäftsführerin der Beltz Verlagsgruppe. "Stand heute ist es noch zu korrigieren. Am Menschen spart man nicht. Psychische Erkrankungen sind keine Modeerscheinung und Psychotherapie ist keine Nebenbeschäftigung. Mit diesem Gesetz wird es künftig nicht nur schwieriger, überhaupt versorgt zu werden, sondern dazu auch unter Umständen für viele nicht mehr erschwinglich. Warum müssen wir im Jahr 2026 noch darüber diskutieren, dass Gefahren für die mentale und psychische Gesundheit eine ernstzunehmende Belastung für uns als gesamtgesellschaftliches Gefüge darstellen? Das ist für uns als Verlagsgruppe unerklärlich."

"Besonders hart trifft es Kinder und Jugendliche"

In einer Erklärung führt die Beltz Verlagsgruppe aus:

"Durch das neue Gesetz steht die Psychotherapie in Deutschland nicht nur vor einer Herausforderung, die es zu meistern gilt. Nein, der Wert psychotherapeutischer Versorgung psychisch erkrankter Menschen wird als Ganzes infrage gestellt.

Zusätzlich zu den durch den Erweiterten Bewertungsausschuss beschlossenen, derzeit vorläufig gerichtlich ausgesetzten Kürzungen der Honorare für Psychotherapeut:innen droht durch das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz eine erneute Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen.

Gleichzeitig entfallen Vergütungszuschläge und bisherige gesetzliche Schutzmechanismen für eine angemessene psychotherapeutische Honorierung. In ihrer Summe drohen diese Eingriffe die ambulante Versorgung erheblich zu schwächen. Sie werden einen Dominoeffekt auslösen, dessen Auswirkungen nicht auf die Patient:innen-Versorgung beschränkt bleiben, sondern sich durch die gesamte Gesellschaft ziehen.

1.      Die Existenzen zahlloser psychotherapeutischer Praxen stehen auf dem Spiel. Die effektive Kürzung der Verdienstmöglichkeiten und damit Behandlungskapazitäten von Psychotherapeut:innen durch die Budgetierung stellt Praxen zugespitzt vor die Wahl: Aufhören oder Privatpraxis?

2.      Psychotherapie wird zum Nebenjob. Wenn unsicher ist, ob die erbrachte Arbeit vergütet wird, reicht eine Praxis, die sich ausschließlich an Kassenpatient:innen richtet, nicht mehr aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Bedenkt man die ohnehin schon prekären Bedingungen während der psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildung wird das Berufsbild für den Nachwuchs so zunehmend unattraktiv.

3.      Psychotherapie wird zum Luxusgut. Wenn mehr Praxen auf selbstzahlende Patient:innen angewiesen sind, wird Psychotherapie nur noch für ausgewählte Bevölkerungsgruppen erschwinglich.

4.      Noch längere Wartezeiten. Zwischen Anfrage und Therapiebeginn liegen jetzt schon im Schnitt ca. 20 Wochen (Quelle: Universitätsmedizin Johannes Gutenberg Universität Mainz). Bei weniger Patient:innen pro Psychotherapeut:in wird sich die Situation noch weiter verschärfen. Schon jetzt können nicht alle Hilfebedürftigen angemessen versorgt werden.

5.      Der steigenden Prävalenz psychischer Erkrankungen (Quelle: RKI) stehen deutlich reduzierte Behandlungskapazitäten gegenüber. Eine verzögerte oder ausbleibende Behandlung erhöht das Risiko, dass psychische Erkrankungen sich verfestigen, wiederkehren oder chronisch werden.

6.      Besonders hart trifft es Kinder und Jugendliche. Menschen zwischen 10 und 19 Jahren warten bereits jetzt im Schnitt 32,5 Wochen auf einen Therapieplatz (Quelle: Monitor Bildung und Psychische Gesundheit). Dabei sind psychische Erkrankungen der häufigste Grund für eine stationäre Aufnahme von Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren (Quelle: Statistisches Bundesamt). 

7.      Menschen werden häufiger krankgeschrieben. Die Bundesregierung sieht mit Sorge auf den Krankenstand in Deutschland, das hat Bundeskanzler Friedrich Merz deutlich gemacht. Um zu erahnen, welchen Effekt dieses Gesetz haben wird, muss man weder Medizin noch Psychologie oder Psychotherapie studiert haben. Weniger Behandlungsmöglichkeiten heißt mehr Krankmeldungen. Laut DAK-Gesundheitsreport haben psychische Erkrankungen im ersten Halbjahr 2026 Atemwegserkrankungen als Hauptursache für Fehltage abgelöst (Quelle: DAK).

Die Beltz Verlagsgruppe will dieser bedenklichen Entwicklung nicht kommentarlos zusehen. Sie stellt sich klar hinter die Psychotherapie als Berufsdisziplin und hinter Psychotherapeut:innen im Speziellen.“

Svenja Wahl

Svenja Wahl

"Wir stehen täglich im Austausch mit Psychotherapeut:innen, seien es unsere Autor:innen oder unsere Kund:innen. Wir wissen, unter welchem Druck viele Praxen schon heute stehen. Wenn nun auch noch ihre wirtschaftliche Grundlage gefährdet wird, trifft das Therapeut:innen und Patient:innen gleichermaßen. Daher wollen wir unsere Bedenken klar und unüberhörbar formulieren: Eine Politik, die psychotherapeutische Versorgung weiter erschwert, kann nicht die Zukunft sein", so Dr. Svenja Wahl, Verlagsleitung Psychotherapie und Psychologie bei der Beltz Verlagsgruppe

"Auf die vielen Stimmen aus dem professionellen Kontext hören"

Die Beltz Verlagsgruppe fordere daher mit Nachdruck von der Bundesregierung:

"1.      Im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz die Realitäten psychisch kranker Menschen sowie deren professioneller Begleiter:innen in der Psychotherapie angemessen zu berücksichtigen.

2.      Dafür zu sorgen, dass insbesondere Kinder und Jugendliche nicht den höchsten Preis bezahlen müssen.

3.      Korrekturen vorzunehmen, die es Psychotherapeut:innen weiterhin erlauben, auskömmlich ihrem Beruf nachzugehen.

4.      Psychische Erkrankungen ernst und nicht billigend in Kauf zu nehmen, um einer »Beeinträchtigung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft« durch niedrigere Nettolöhne und höhere Arbeitskosten (GKV-BStabG, S. 1) entgegenzuwirken.  

5.      Auf die vielen Stimmen aus dem professionellen Kontext zu hören, sei es von Verbänden oder anderen Akteur:innen aus der psychotherapeutischen Praxis sowie von Betroffenen, die lautstark versuchen, einen Berufszweig und seinen unverzichtbaren, positiven Effekt auf unsere Gesellschaft zu retten. Eine Auswahl:               

Stellungnahme des Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten e.V.

Stellungnahme der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung.

Stellungnahme des Verbands Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (VPP) im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e. V. (BDP)."

Stellungnahme der Bundesarbeitsgemeinschaft SELBSTHILFE von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen e.V. (BAG SELBSTHILFE).