Tim Jung zurück auf der Erfolgsspur

Aufbruchstimmung bei Hoffmann und Campe

19. Juni 2020
von Torsten Casimir

Krise war gestern. Tim Jung, seit Herbst 2019 Verleger von Hoffmann und Campe, spürt Aufbruchstimmung. Mutige Bücher, geglückte Akquisen und eine neue Strategie der Rechteverwertung sollen die Hamburger zurück in die Erfolgsspur führen.

Tim Jung

Aus der Fülle von Neuerscheinungen mit Bezug auf Corona ragt das „Wuhan Diary“ der chinesischen Autorin Fang Fang medial heraus. Wie kompliziert war es für Sie, diesen Titel zu verlegen?
Das „Wuhan Diary“ ist der Schlüsseltext zum Ursprung von Corona. Das Buch gibt Auskunft, was einmal über diese Pandemie in den Geschichtsbüchern stehen wird. Außerdem gewährt uns Fang Fang einen Blick hinter die Kulissen der historisch erstmaligen kompletten Abriegelung einer 9-Millionen-Stadt. Sie berichtet als einfache Frau aus dem Volk, die mutig und vehement die Frage nach der Verantwortung stellt. In China gilt Fang Fang deswegen als Landesverräterin und wird mit Morddrohungen überzogen, gegen die nicht eingeschritten wird.

Anfangs hatten auch chinesische Verlage Interesse, den Blog Fang Fangs als Buch zu publizieren.
Zehn chinesische Verlage wollten „Wuhan Diary“ in China herausbringen, aber alle sahen sich gezwungen, ihre Angebote zurückzuziehen. Ich finde das ungeheuerlich. So ein Buch dann im eigenen Haus für den deutschsprachigen Markt zu verlegen, geht mit einer großen Verantwortung einher. Aber ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, der Stimme von Fang Fang weltweit Gehör zu verschaffen.

Auch zum Preis der Lebensgefahr für die Autorin?
Die Morddrohungen gab es schon vor Erscheinen unserer Ausgabe. Im „Guardian“ wurde beispielsweise der Vorwurf kolportiert, dass Fang Fang mit dem „Wuhan Diary“ China dem Westen ans Messer liefere. Jetzt schützt es die Autorin, dass sich die Öffentlichkeit ein eigenes Bild von ihren Aufzeichnungen machen kann.

Haben Sie aktuell Kontakt zu ihr?
Wir sind in engem Kontakt mit ihrem Übersetzer Michael Kahn-Ackermann, der seit langem in China lebt und der mit Fang Fang befreundet ist.

Mit dem „Wuhan Diary“ zeigt Hoffmann und Campe auch programmatisch Profil – was in den letzten Jahren nicht immer wahrgenommen wurde. Wo wollen Sie inhaltlich mit dem Verlag hin?
Hoffmann und Campe ist ein genialer Verlag. Wir blicken auf eine einzigartige Historie von fast 240 Jahren, deren Schlüsselmoment die erste Begegnung von Julius Campe und Heinrich Heine in einer Hamburger Buchhandlung war. Zugleich hat es den Verlag in seinen besten Zeiten stets ausgezeichnet, selbstbewusst und souverän mit dieser Historie umzugehen – und sich keine Sekunde darauf auszuruhen. Auf dem Fundament unserer Geschichte machen wir ein Programm am Puls der Zeit, Bücher, die dem Hier und Jetzt entspringen und die auch immer wieder unmittelbar auf das reagieren, was uns als Individuen und als Gesellschaft heute beschäftigt.

Da Sie Ihren Gründungsautor erwähnen: In Ihrer Kommunikation nimmt der gerade breiten Raum ein. Ist Heinrich Heine jetzt das „Entréebillet“ zum Wiedereintritt von Hoffmann und Campe in den engeren Freundeskreis des Buchhandels?
(lacht) Nicht nur aufgrund unserer jüngsten Bestseller von Alexander Oetker und Michel Abdollahi hoffe ich doch sehr, dass wir uns nach wie vor zu diesem Freundeskreis zählen dürfen. Aber Ihre Beobachtung zu Heine stimmt. Heinrich Heine ist für mich aus drei Gründen die entscheidende Identifikationsfigur für den ganzen Verlag: Er war Freiheitskämpfer, Aufklärer und Europäer. Hinzu kommt, dass Heine als Grenzgänger zwischen Literatur und Journalismus geschrieben hat. Er verpflichtet uns zu einem wachen Blick auf die Gegenwart. Entsprechend habe ich jetzt seinen Bericht aus dem Paris des Jahres 1832 herausgebracht: „Ich rede von der Cholera“ ist eine messerscharfe literarische Reportage, die uns bestürzende Parallelen zum Jahr 2020 vor Augen führt.

Gerade haben wir Dolly Alderton gewonnen. Dieser internationale Superstar ist die Stimme einer ganzen Generation.

Tim Jung

Nicht das Feuilleton, sondern die Unterhaltung steht bei Ihrem Imprint Atlantik im Fokus. „Leichter, verspielter, jünger“ sollte Atlantik daherkommen. Gilt dieser Dreiklang noch?
Ja. Und ich kann noch drei Merkmale hinzufügen, die sich aus unserem Anspruch ableiten, bei Atlantik inspirierte, originelle, hoch verkäufliche Unterhaltung vorrangig für Leserinnen zu verlegen. Gerade haben wir übrigens die englische Bestsellerautorin Dolly Alderton für Atlantik gewonnen. Sie ist ein internationaler Superstar, deren erstes Buch allein in England über 300.000 Leserinnen gefunden hat und in 20 Sprachen übersetzt wurde. Vor allem aber ist sie die Stimme einer ganzen Generation. Dolly Aldertons erster Roman wird im Frühjahr 2021 als Spitzentitel bei Atlantik erscheinen.

Bisher haben Sie Hardcover von Hoffmann und Campe wie auch von Atlantik in der zweiten Verwertungsstufe im Atlantik Taschenbuch versammelt. Das soll anders werden. Wie und warum?
Das Angebot im Taschenbuch war unübersichtlich. Deshalb habe ich gleich bei meinem Start im vergangenen Herbst ein eigenes Hoffmann und Campe Taschenbuch ins Leben gerufen. Damit werden die Profile sowohl von Hoffmann und Campe als auch von Atlantik neu geschärft. Dahinter steht auch das strategische Ziel, alle eigenen Rechte möglichst umfassend selbst zu verwerten.

Deshalb auch eine Hörbuch-Kooperation mit Saga Egmont?
Richtig. Damit haben wir die Möglichkeit, unsere wichtigsten Titel auch als Hörbuch erscheinen zu lassen. Physische Hörbücher werden von Steinbach sprechende Bücher an den Handel vertrieben. Die Produktion und der Digitalvertrieb liegen bei unserem Partner Saga Egmont.

Zu keiner Partnerschaft kam es mit Birgit Schmitz, die im Zuge Ihres Starts an der Verlagsspitze als Programmleiterin ausgeschieden ist – was zu Protesten namhafter Autorinnen und Autoren führte. Sind die Wogen inzwischen geglättet?
Veränderungen an der Spitze eines Verlags sind immer eine Zäsur. Oft geht damit einher, dass auch einzelne Autorinnen oder Autoren den Verlag verlassen. Das war aber nicht der Fall. Ich habe mit allen, die Fragen hatten, sehr gute Gespräche geführt. Ganz unabhängig davon hatte ich gleich zu Beginn viele schöne Begegnungen, zum Bespiel mit Wolf Haas in Wien. Aus dem ersten Gespräch ist ein ausgedehnter Stadtrundgang geworden, der im Bräunerhof, dem Lieblingskaffeehaus von Thomas Bernhard endete, wo wir uns mit großer Freude gegenseitig Bernhard-Zitate um die Ohren geschlagen haben. Das sind Tage, die man nicht mehr vergisst.

Hoffmann und Campe hat eine wirtschaftliche Krise durchlebt, auch programmatisch hat sich der Buchhandel zum Teil nicht mehr angesprochen gefühlt. Wie wollen Sie die Herzen der Buchhändlerinnen und Buchhändler zurückerobern?
Besonders der unabhängige Buchhandel hat uns schon immer sehr am Herzen gelegen. Und das Beste, was wir für den Handel tun können, ist, ihm aufregende, zeitgemäße, verkäufliche Bücher mit vernünftigen Preisen an die Hand zu geben.

Der eher nüchterne Indikator für Erfolg oder Misserfolg von Liebeserklärungen sind im Buchhandel ja die Verkaufszahlen. Spüren Sie schon etwas?
Sehr. Es ist schön zu sehen, wie gut unser Herbstprogramm angenommen wird. Und ich bin natürlich sehr zufrieden, dass es uns gelungen ist, das „Wuhan Diary“ auf Anhieb unter die Top Ten der Sachbuch-Bestseller zu bringen. Aber auch Heine stand aktuell, 188 Jahre nachdem er aus Paris über die Cholera berichtete, auf Platz 26 der Charts. Hier zeigt sich etwas vom Spannungsfeld unseres Programms, in dem es jetzt ordentlich knistern wird. Besonders zuversichtlich machen mich dabei meine großartigen Mitstreiter im Verlag, die allesamt darauf brennen, weiter fulminante Bücher in die Welt zu bringen.