KI-Strategie: Annette Beetz über den Verlag der Zukunft

"Der Wettbewerb verlagert sich vom Inhalt auf die Anwendung"

19. August 2026
Redaktion Börsenblatt

Künstliche Intelligenz verändert den Zugang zu Wissen - und damit auch das Geschäftsmodell der Verlage. Beraterin Annette Beetz (theMakings) über eine Zukunftsstrategie, mit der sich die Branche nicht ausbooten lässt, sondern mit der sie die Schätze ihrer Backlist hebt.

Wer Inhalte nur an KI-Plattformen liefert, riskiert, zum unsichtbaren Zulieferer fremder Kundenerlebnisse zu werden. Die entscheidende Frage lautet: Wem gehört künftig die Kundenbeziehung?

Annette Beetz

Über die Autorin

  • Annette Beetz ist Unternehmensberaterin, Vertriebs- und Transformationsexpertin sowie Senior Business Coach. Ihre Vertriebsberatung theMakings hat sie 2019 gegründet.
  • Davor war sie zunächst 14 Jahre lang Geschäftsführerin für Marketing und Vertrieb bei Gräfe und Unzer, später bei Rowohlt und zuletzt bei der Verlagsgruppe Random House (damals noch ohne Penguin). 

Wenn Verlage über KI sprechen, steht häufig noch die operative Perspektive und der Wunsch nach Effizienzsteigerung im Fokus: Manuskripte korrigieren, Metadaten erzeugen, Produkttexte schreiben oder Standards entwickeln. Das ist sinnvoll – greift strategisch aber zu kurz.

KI verändert nicht nur die Erstellung von Inhalten. Sie verändert den Zugang zu Wissen in unserer Gesellschaft – und damit die etablierten Spielregeln des Verlagsgeschäfts.

Bislang boten Verlage fertige Produkte an. In einer KI-geprägten Medienwelt jedoch ist es zunächst der Nutzer, der mitteilt, was er verstehen, lernen oder lösen möchte. Erst danach erhält er eine individuelle Antwort: eine Erklärung, einen Lernpfad, eine Handlungsempfehlung. Das "Produkt", wenn wir so wollen, entsteht erst nach Eingabe des Kundenwunsches.

Der Zugang zum Verlagsprogramm erfolgt damit nicht länger primär über Titel, Reihen oder Warengruppen, sondern über die Absicht des Nutzers. Genau darin liegt der Kern einer neuen Geschäftsmodelllogik.

Damit verlagert sich auch der Wettbewerb: vom Inhalt auf dessen Anwendung.

In einer KI-geprägten Medienwelt entscheidet nicht mehr allein die Qualität des Inhalts über den Markterfolg. Der Wettbewerb entscheidet sich künftig daran, wer seine verlegerischen Kompetenzen in den größten Nutzen für ein konkretes Kundenproblem überführt.

Die Nutzer beschreiben ihr Informationsbedürfnis – der Verlag mobilisiert sein publizistisches Vermögen, um es zu erfüllen.

Annette Beetz

Das "TIME"-Magazin macht sein Archiv zum Wissenssystem

Wie weit diese Entwicklung reichen kann, zeigt "TIME". Gemeinsam mit Scale AI hat das Magazin einen KI-Agenten entwickelt, über den Leserinnen und Leser mit mehr als einem Jahrhundert Journalismus interagieren können: Fragen stellen, Themen zusammenfassen, Zusammenhänge erschließen oder Audio-Briefings erstellen (mehr dazu hier).

Entscheidend ist dabei nicht die Chatoberfläche. Entscheidend ist, dass "TIME" sein publizistisches Vermögen in eine neue Produktform überführt: Aus einem Archiv wird ein ansprechbares Wissenssystem, aus einzelnen Artikeln ein redaktionell kontrollierter Dialog.

Die Nutzer beschreiben ihr Informationsbedürfnis – der Verlag mobilisiert sein publizistisches Vermögen, um es zu erfüllen.

Damit verfolgt ein Verlag mehrere Ziele zugleich: Er erhöht die Nutzung seiner Inhalte – gerade der Backlist –, stärkt die Bindung an Marke und Autorinnen und Autoren, entwickelt neue Produkte und erschließt zusätzliche Lizenzerlöse.

Die strategische Aufgabe lautet nun, Reichweite über externe KI-Plattformen und die eigenen Angebote so zu verbinden, dass Inhalte, Marke, Rechte und Kundenzugang nicht auseinanderfallen.

Aus Verlagsprodukten werden fortlaufende Leistungen

Bücher werden dadurch nicht überflüssig. Im Gegenteil: Außerhalb der traditionellen Erscheinungs- und Verkaufslogiken können sie zum Ausgangspunkt kontinuierlicher Leistungen werden: als Ernährungscoach, Lernbegleiter, Hundetrainer oder persönlicher Sparringspartner im Führungs- oder Beziehungsalltag.

Damit verschiebt sich die Erlöslogik. Bezahlt wird künftig nicht nur für ein Produkt, sondern für dauerhaft verfügbaren Nutzen.

Allen Beispielen gemeinsam ist ein klares Muster: Exklusives Verlagswissen bleibt hinter der Paywall.

Annette Beetz

Wie ein KI-Modell für einen Ratgeberverlag aussehen könnte

Gerade Ratgeberverlage verfügen über hervorragende Voraussetzungen. Ihre Programme adressieren konkrete Lebenssituationen und wiederkehrende Probleme.

Ein digitaler Ernährungscoach könnte auf Basis eines persönlichen Profils individuelle Wochenpläne und Einkaufslisten erstellen. Der Mehrwert liegt nicht im Rezept, sondern in dessen Anpassung an Allergien, Krankheiten oder persönliche Ziele.

Ähnlich funktioniert "Growth Track" von Rowan AI. Das System kombiniert kuratiertes Expertenwissen mit Wetterdaten und den individuellen Gartendaten seiner Nutzer und liefert daraus konkrete, standortbezogene Empfehlungen.

Auch Bestsellerautor Mark Manson liefert ein Beispiel: Er hat den Inhalt seines Bestsellers zu einem interaktiven Mentoring-Angebot weiterentwickelt.

Allen Beispielen gemeinsam ist ein klares Muster: Exklusives Verlagswissen bleibt hinter der Paywall, KI personalisiert die Inhalte, die Marke von Autor und Verlag schafft Vertrauen und gelöst wird ein dauerhaft relevantes Kundenproblem.

Der Mehrwert eines Ratgeberverlags liegt deshalb nicht im nächsten allgemeinen Chatbot. Er entsteht aus der Verbindung von kuratiertem Wissen, fachlicher Spezialisierung, persönlichem Kontext, nachvollziehbaren Quellen und konkreter Umsetzbarkeit.

Die wertvollsten Ausgangspunkte sind häufig keine neuen Inhalte, sondern Titel, die ihre Relevanz über Jahre am Markt bewiesen haben. Erfolgreiche Backlist gehört nicht in die Vergangenheit der Publikations- und Rezeptionsgeschichte eines Verlags. Sie hat ihren Kundennutzen bereits am Markt unter Beweis gestellt – und ist damit ein besonders belastbarer Ausgangspunkt für zusätzliche Wertschöpfung.

Wer erfolgreiche Inhalte gemeinsam mit seinen Autorinnen und Autoren in neue Angebote überführt, schafft zusätzlichen Nutzen – für Leser, Autoren und Verlag gleichermaßen.

Wer einen Welpen erzieht, seine Ernährung umstellen muss, beruflich feststeckt oder seine Kinder gezielt fördern möchte, sucht keine einmalige Information, sondern kontinuierliche Unterstützung.

Annette Beetz

Wo Zahlungsbereitschaft entsteht: die "Schmerznische"

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Menschen künftig für KI bezahlen. Für allgemeine Antworten wird die Zahlungsbereitschaft begrenzt bleiben.

Zahlungsbereitschaft entsteht dort, wo ein Verlag eine Schmerznische besetzt: ein konkretes, dringliches und wiederkehrendes Kundenproblem löst. Je größer der Leidensdruck, je spezialisierter die Inhalte und je glaubwürdiger Marke oder Autor, desto größer ist die Chance auf ein tragfähiges Geschäftsmodell.

Wer einen Welpen erzieht, seine Ernährung aufgrund einer Erkrankung umstellen muss, beruflich feststeckt oder seine Kinder gezielt fördern möchte, sucht keine einmalige Information, sondern kontinuierliche Unterstützung.

Dabei muss der zahlende Kunde nicht identisch mit dem Nutzer sein: Unternehmen können KI-gestützte Inhalte für die Entwicklung ihrer Führungskräfte von Verlagen lizenzieren, Krankenkassen digitale Pflegebegleitung bereitstellen oder Bildungseinrichtungen didaktisch kontrollierte Lernangebote einkaufen.

Neue Erlösquellen entstehen also durch Abonnements, Pay-per-Use-Modelle, KI-Zugänge beim Buchkauf, dem Verkauf von B2B-Lizenzen an verlagsfremde Unternehmen oder durch Content-Kooperationen.

Die Voraussetzung für Zahlungsbereitschaft ist klar: Austauschbare Standardantworten schaffen kaum Mehrwert. Kunden bezahlen für spezialisierte Kompetenz, angewandt auf ein für sie hochrelevantes Problem.

Aufgabe eines pädagogischen Lernagenten im Bildungsbereich ist es, Denkfehler sichtbar zu machen, Lernimpulse zu geben und zu überprüfen, ob der Schüler die Aufgabe anschließend selbst lösen kann.

Annette Beetz

Ein Bildungsverlag verkauft nicht nur Inhalte – sondern Lernerfolg

Im Bildungsbereich zeigt sich der Wandel besonders deutlich. Schulbuchverlage bieten bereits KI-Werkzeuge für Unterrichtsplanung, Materialerstellung oder Feedback an. Diese Funktionen können zu einer durchgängigen Lern- und Lehrumgebung kombiniert werden (zum Beispiel Cornelsen geht es hier).

Ein solcher Agent verbindet Lehrplan, Bundesland, Schulform, Klassenstufe, Fach und Lehrwerk. Lehrkräfte formulieren ihr Unterrichtsziel, das System stellt lizenzierte Materialien zusammen, differenziert Aufgaben und dokumentiert den Kompetenzaufbau.

Ein Schüler könnte fragen: "Warum ist meine Lösung falsch?" Ein pädagogischer Lernagent sollte darauf nicht einfach die richtige Antwort liefern. Seine Aufgabe ist es, den Denkfehler sichtbar zu machen, einen Lernimpuls zu geben und zu überprüfen, ob der Schüler die Aufgabe anschließend selbst lösen kann.

Während allgemeine KI-Assistenten auf schnelle Antworten angelegt sind, muss ein Bildungsagent nachhaltiges Lernen fördern. Genau diese didaktische Gestaltungskompetenz ist ein Vermögenswert, den allgemeine KI-Systeme nicht ersetzen können.

Ein Kinderbuchverlag fördert interaktiv die Lesekompetenz

Die Förderung von Lesekompetenz ist eine brennende Aufgabe in unserer Gesellschaft. Verlage tragen die Lösung des Problems in sich.

Ein Beispiel: Die App eines digitalen, interaktiven Lese-Coaches für Erstleser hört dem lesenden Kind über das Mikrofon passiv zu. Sie korrigiert nicht ungeduldig, sondern gibt didaktisch wertvolle Hilfestellungen beim Stocken des Leseflusses. Am Kapitelende überprüft die KI über spielerische Fragen das Textverständnis.

Während Verlage noch über Einsatzmöglichkeiten diskutieren, gewöhnen sich Nutzer:innen daran, ihre Informationsbedürfnisse unmittelbar an KI-Systeme zu richten. Damit verschiebt sich der Zugang zum Markt.

Annette Beetz

Warum Verlage nicht warten sollten

Viele Häuser beobachten die Entwicklung noch aus sicherer Entfernung. Das ist nachvollziehbar: KI-Produkte sind fehleranfällig, Rechtefragen komplex und tragfähige Erlösmodelle erst im Entstehen.

Abwarten ist dennoch keine Strategie. Branchenfremde Start-Ups beginnen damit, die Marktlücke zu besetzen.

Und während Verlage noch über Einsatzmöglichkeiten diskutieren, gewöhnen sich Nutzerinnen und Nutzer daran, ihre Informations- und Orientierungsbedürfnisse unmittelbar an KI-Systeme zu richten. Damit verschiebt sich der Zugang zum Markt. Über Jahrzehnte war der Buchhandel der wichtigste Zugang zum Leser. Im KI-Zeitalter wird der direkte digitale Kundenzugang selbst zu einem strategischen Vermögenswert. Die Antwort entsteht zunehmend vor dem Besuch der ursprünglichen Quelle.

Die Folgen werden bereits sichtbar. Das Pew Research Center zeigte 2025, dass Nutzer bei Google-Suchen mit KI-Zusammenfassungen deutlich seltener auf klassische Suchergebnisse klicken. Gleichzeitig erwarten Medienmanager laut Reuters Institute einen erheblichen Rückgang des Suchmaschinen-Traffics.

Wer Inhalte nur an KI-Plattformen liefert, riskiert, zum unsichtbaren Zulieferer fremder Kundenerlebnisse zu werden. Die entscheidende Frage lautet: Wem gehört künftig die Kundenbeziehung?

Faire Lizenzmodelle bleiben wichtig. Langfristig entscheidender ist jedoch, wer den direkten Zugang zum Kunden behält.

KI-Innovation ist keine IT-Aufgabe. Sie ist Führungsaufgabe.

Annette Beetz

Drei Fragen entscheiden über die KI-Strategie

Jeder Verlag sollte sich zunächst drei Fragen stellen:

  • Welche Kundenprobleme lösen unsere erfolgreichsten Backlist-Titel seit Jahren nachweislich – und wie können wir dieses publizistische Vermögen in neue Wissensdienste überführen?
  • Worin besteht unser unverwechselbares publizistisches Vermögen?
  • Wie wird daraus künftig ein tragfähiges Geschäftsmodell?

Ein überzeugender Prototyp ohne relevantes Kundenproblem schafft keinen Markt. Eine gute Idee ohne geklärte Rechte skaliert nicht. Und ein Geschäftsmodell ohne klare Verantwortlichkeiten bleibt ein Pilotprojekt.

KI-Innovation ist deshalb keine IT-Aufgabe. Sie ist Führungsaufgabe.

Fünf Rollen für den Verlag der KI-Ära

Über die Herstellung von Medien hinaus können Verlage diese Rollen einnehmen:  

  • Bereitsteller kuratierten Wissens
  • strategische Verwerter ihrer Rechte
  • Lösungsanbieter für konkrete Kundenprobleme
  • Entwickler vertrauenswürdiger Marken
  • Betreiber fortlaufender Wissensdienste.

Quellen, Autorenschaft und redaktionelle Verantwortung müssen auch im KI-Dialog sichtbar bleiben.

Nicht das Sprachmodell ist der Wettbewerbsvorteil

Kein Verlag muss ein eigenes Large Language Model entwickeln und trainieren.

Die eigentlichen Vermögenswerte sind hochwertige Inhalte, Autorinnen und Autoren, redaktionelle Qualität, Markenvertrauen, Domänenwissen, Rechte und Kundenbeziehungen.

Das Basismodell kann austauschbar sein. Nicht austauschbar sind die Qualität der Inhalte, ihre Herkunft, ihre Einbettung in ein überzeugendes Nutzungserlebnis und das Vertrauen, das Leserinnen und Leser einer Verlagsmarke entgegenbringen.

Was Verlage jetzt tun sollten

Die Branche braucht keine weiteren Chatbot-Demonstratoren.

Sie braucht Produkte, die im digitalen Raum eine Schmerznische besetzen: Angebote, die ein dringliches und wiederkehrendes Kundenproblem besser lösen als allgemeine KI-Assistenten.

Die ersten Monate sollten deshalb einem klar abgegrenzten Anwendungsfall mit realen Nutzerinnen und Nutzern gelten. Parallel müssen Rechte, Quellenführung und Qualitätsstandards geklärt werden. Erst im Anschluss lässt sich daraus ein skalierbares Geschäftsmodell aufbauen.

Der Verlag der KI-Ära verkauft nicht mehr nur Medien. Er betreibt vertrauenswürdige Wissensdienste, die Menschen beim Verstehen, Lernen, Entscheiden und Handeln begleiten.

Annette Beetz

KI bedroht Verlage nicht in erster Linie, weil Maschinen Bücher schreiben. Sie verändert die Art, wie Menschen Wissen finden, Orientierung gewinnen und Entscheidungen treffen.

Gerade deshalb werden die klassischen Stärken der Verlage wertvoller: Auswahl, Autorenschaft, Einordnung, Verantwortung und Vertrauen.

Die entscheidende Frage lautet nicht:

"Was kann KI mit unseren Büchern machen?"

Sondern:

"Welche neue Leistung können wir mit unserem publizistischen Vermögen erbringen, die Menschen heute einen echten Mehrwert bietet?"

Verlage haben die Wahl. Sie können zusehen, wie Plattformen ihre Inhalte in fremde Kundenerlebnisse integrieren. Oder sie entwickeln die nächste Form des Publizierens.   

Der Verlag der KI-Ära verkauft nicht mehr nur Medien. Er betreibt vertrauenswürdige Wissensdienste, die Menschen beim Verstehen, Lernen, Entscheiden und Handeln begleiten. Er wird zum Verlag "as a Service".