Flüchten in schönere Fantasy-Welten?
Flüchten sich die Leser*innen in pandemischen Zeiten in vermeintlich schönere Fantasy-Welten – oder eher in dystopische Szenarien? Wir haben uns umgehört.
Flüchten sich die Leser*innen in pandemischen Zeiten in vermeintlich schönere Fantasy-Welten – oder eher in dystopische Szenarien? Wir haben uns umgehört.
Laden Science-Fiction- und Fantasy-Literatur zur Flucht in eine andere Wirklichkeit ein, wird hier mehr gelesen? »Eine große Abwanderung in phantastische Gefilde hat nicht stattgefunden«, sagt Andy Hahnemann, Lektor Science-Fiction / Fantasy bei S. Fischer. »In den Warengruppen für Science-Fiction und Fantasy sind keine signifikanten Zugewinne zu verzeichnen. Der Eskapismus-Trend – wenn es ihn denn gab – hat sich wohl eher in der Gaming-Branche oder auf Netflix abgespielt.«
Andrea Müller, Programmleiterin Unterhaltung bei Piper, sieht das ähnlich: »Man kann nicht so pauschal sagen, dass SF und Fantasy durch Corona einen generellen Aufschwung erlebt hätten.« Sie weist auf ein Problem hin, von dem man auch aus anderen Verlagen hört: »Durch die Pandemie hat die eingeschränkte Möglichkeit, neue Bücher, Autoren, Themen und Geschichten vor Ort in der Buchhandlung zu entdecken, zur Stärkung etablierter Autor*innen geführt, während es Debütant*innen eher schwerer hatten.« Eine Bestsellerautorin wie Laura Kneidl habe mit ihrem romantischen Fantasy-Roman »Das Flüstern der Magie« auch 2020 ihre Leser*innen begeistern können, während ein Debüt wie Astrid Scholtes »Four Dead Queens«, dessen Erscheinungstermin mit dem ersten Lockdown zusammenfiel, »es am Markt ungleich schwerer hatte als unter normalen Bedingungen«. »Die Leser*innen haben nicht die Möglichkeit, neue Fantasybücher, auf die sie eigentlich in den Buchhandlungen stoßen würden, zu entdecken«, stellt Stephan Askani, Lektor bei Klett-Cotta fest. »Auch das Stöbern im Internet ersetzt diesen Effekt nicht.« Für ihn hingegen fällt die Betrachtung der Umsätze eher positiv aus. Seiner Meinung nach »haben sich die Umsätze in der Fantasy aber dann wider Erwarten doch gut entwickelt«. Allerdings sieht auch er eine deutliche Verschiebung von den Novitäten hin zur Backlist. Vielleicht, so Askani weiter, befriedige dieses Genre ja in Krisenzeiten auch wirklich das Bedürfnis der Leser*innen nach anderen Weltentwürfen.