Zum Tod von Antje Kunstmann

"Frau, Verlegerin, Vorbild - das war Antje Kunstmann, in genau dieser Reihenfolge"

22. September 2026
Redaktion Börsenblatt

Welche Rolle hat Antje Kunstmann in ihrem Leben gespielt? Weggefährtinnen und Kollegen aus der Branche erinnern an die Verlegerin, die am 16. September im Alter von 77 Jahren gestorben ist. Mit Margit Ketterle, Michael Lemling, Tanja Graf, Katharina E. Meyer, Michael Krüger und Elisabeth Ruge.

Antje Kunstmann

Margit Ketterle, frühere Verlagsleiterin fürs Sachbuch bei Droemer Knaur

Porträt von Margit Ketterle vor grauer Wand

Margit Ketterle

Antje Kunstmann war immer da, wo es galt den Mund aufzumachen, Haltung zu zeigen.

Frau, Verlegerin, Vorbild - das war Antje Kunstmann, in genau dieser Reihenfolge.

Das letzte Mal haben wir uns gesehen auf meiner Abschiedsparty, das erste Mal - wer weiß? Vielleicht, als ich wie wohl viele andere die Taschenbuchlizenz für den "Kleinen Erziehungsberater" von Axel Hacke kaufen wollte, einen ihrer großen Erfolge. Oder im buchwissenschaftlichen Seminar, als sie mich mitnahm zu Edda Ziegler, bei der ich auch studiert hatte, damit wir jungen Frauen unseren Beruf, nein Berufung erklären?

Dazwischen schmuggelt sich die Erinnerung an unsere Zusammenarbeit im Vorstand der "AG Pub" des Börsenvereins vor gefühlt einem Vierteljahrhundert. Und nicht zuletzt am Kopfende unserer zeitweiligen Münchner Damenrunde, laut lachend, scharfzüngig und inspirierend. Sie war immer da, wo es galt den Mund aufzumachen, Haltung zu zeigen. Dass ihre Stimme nicht mehr zu hören sein wird, macht mich sehr traurig und die Bücherwelt ärmer.          

Michael Lemling, Geschäftsführer der Buchhandlung Lemkuhl in München

Michael Lemling

Michael Lemling

Mit ihr Ideen auszuhecken war so leicht, weil ihre Zuversicht ins Gelingen so groß war.

Antje hat über Jahrzehnte ein sagenhaft gutes Verlagsproramm auf die Beine gestellt, auf das wir Buchhändler uns immer verlassen konnten. Von ihrer Neugier und Entdeckungslust haben wir uns gerne anstecken lassen. Mit ihr zusammen Ideen für den unabhängigen Buchhandel auszuhecken, neue kleine Netzwerke zu schmieden und Lesungen zu organisieren war so leicht, weil ihre Zuversicht ins Gelingen so groß war. Sie fehlt.

Tanja Graf, Leiterin des Literaturhauses München

Porträtfoto Tanja Graf

Tanja Graf

Eine Ausnahme-Verlegerin, die sich bald 50 Jahre Unabhängigkeit bewahrt hat.

Antje Kunstmann war unkonventionell, mutig, neugierig und zugewandt – alles sehr gute Voraussetzungen für eine Ausnahme-Verlegerin, die sich bald 50 Jahre Unabhängigkeit bewahrt hat.

Begonnen hat sie mit der unvergleichlichen Marie Marcks, die zeigte, dass Feminismus mit Humor in der Mischung besonders wirkungsvoll ist. Ihre späte verlegerische Großleistung war die Herausgabe der NSU-Protokolle, Dokumente von historischer Dimension und Tragweite.

Antje war eine echte Persönlichkeit der Münchner Kulturszene; dem Literaturhaus war sie als langjähriges Vorstandsmitglied verbunden. Sie hat unsere Arbeit immer engagiert unterstützt, dafür bin ich ihr sehr dankbar. Ihre Herzlichkeit, ihr Humor und ihre unermüdliche Neugier für Stoffe, Themen und Menschen werden uns fehlen.“

Katharina E. Meyer, Merlin-Verlegerin und Vorsitzende der Kurt Wolff Stiftung

Katharina E. Meyer vor dunklem Hintergrund

Katharina E. Meyer

Antje Kunstmann war die "grande dame" - nicht nur der Unabhängigen - unserer Branche.

Antje Kunstmann war die "grande dame" - nicht nur der Unabhängigen - unserer Branche. Sie verstand es, ihr Gespür und ihr Engagement für inhaltliche Relevanz mit wirtschaftlichem Pragmatismus zu verbinden und dabei solidarisch, heiter, leidenschaftlich, kurzum menschlich zu bleiben. Eine Verlegerin der alten Schule und sicher nicht nur für mich ein Vorbild und ein Mensch, der unserer Branche sehr fehlen wird.

Michael Krüger, Schriftsteller und langjähriger Hanser-Verleger

Porträtfoto

Michael Krüger

Sie war von einer Art, wie sie im gegenwärtigen Betrieb nicht mehr nachwachsen.

Ich hatte immer gehofft, Antje sei eine von denen, die nicht totzukriegen wären. Ihre Energie, die nicht auf Selbstdarstellung zielte, ihr Lachen, ihr Zuspruch, wenn's einem mal nicht so gut ging.

Als ich sie einmal fragte, ob ihr der Weggang von Axel Hacke…. sagte sie: Ach, Michel - und dann mussten wir beide so laut lachen, dass für Millionenvorschüsse und Eitelkeiten und andere Vorkommnisse, wie sie unseren Beruf heute prägen, kein Platz mehr war.

Sie war von einer Art, wie sie im gegenwärtigen Betrieb nicht mehr nachwachsen. Berenberg gibt auf, Antje stirbt, schlimmer kann es kaum kommen.

Elisabeth Ruge, Agentur Elisabeth Ruge

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Elisabeth Ruge, Literaturagentin

In diesen Händen lag ihre ganze Persönlichkeit, ihr Witz, ihre Widerständigkeit.

Ich sehe sofort Antjes Hände vor mir, schöne Hände mit einem langen flachen goldenen Ring, sie fliegen durch die Luft, gestikulieren, allein in diesen Händen lag ihre ganze Persönlichkeit, ihr Witz, ihre Widerständigkeit, ihre einladende Offenheit, ihre gute Laune, solche lebhafte Hände! So lebhaft wie die wunderbare Verlegerin selbst.

Sie möchten uns auch einen Abschiedsgruß für Antje Kunstmann schicken? Dann gerne per Mail an boersenblatt@mvb-online.de.