Patrick Brigger über das Geschäftsmodell Buchzusammenfassung

getAbstract hilft beim Fachbuchlesen

30. November 2020
von Sabine van Endert

getAbstract fasst schon seit 1999 Fachbücher für eilige Leser zusammen. Der Kernmarkt liegt in den USA, doch auch in Deutschland beliefert der Referatedienst einige Hundert Unternehmen. Gerade läuft die Kampagne  "Educate Yourself" - die Abstracts zu Büchern zum Thema Corona und Rassismus gibt es kostenlos. Anlass für Fragen an getAbstract-Gründer Patrick Brigger. 

Patrick Brigger, Mitgründer und Vorsitzender von getAbstract

Ein Pro-Abo kostet 299 Euro pro Jahr Jahr für 20.000 Zusammenfassungen, „Starter“ zahlen 99 Euro. Wie viele Abonnenten hat getAbstract in Deutschland? Wie viele Unternehmen sind dabei?
Wir arbeiten im gesamten DACH-Raum mit hunderten von Unternehmen aller Größenordnungen zusammen. Sie beschäftigen zwischen einigen Dutzend und hunderttausenden Mitarbeitern, wovon der Großteil die Weiterbildungsmöglichkeit mit Freude wahrnimmt. Daher setzen die meisten Firmen auf das Pro-Abo zur internen Weiterbildung.

Wie hat sich getAbstract in der Corona-Pandemie in Bezug auf Umsatz, Mitarbeiter und Inhalten entwickelt? 
Nehmen wir uns Warren Buffett zum Vorbild, der sagt: „Verhalte dich antizyklisch.“ Und genau diese Taktik haben wir dieses Jahr verfolgt. Wir haben viele neue Mitarbeiter eingestellt, insbesondere in den Bereichen IT und Customer Care, und unser getAbstract LAB aufgebaut – hier entwickeln wir neue Konzepte und Produkte für unsere Kunden. Außerdem haben wir im Frühjahr zwei Monate lang unsere Inhalte gratis zur Verfügung gestellt. Und auch jetzt möchten wir mit der Kampagne „Educate Yourself“ unseren Beitrag leisten. So hat derzeit jeder Leser kostenlos Zugriff auf Inhalte zu den Themen Rassismus und Coronavirus. Die Inhalte können über unser Journal bezogen werden. Aber auch auf Kundenseite ist die Nachfrage groß, denn wir verzeichnen einen hohen Anstieg an neuen Anmeldungen – sowohl im B2C- als auch B2B-Bereich.

Welche Rolle spielen die Verlage? Zahlen sie Geld? Bekommen sie Geld?
Seitdem getAbstract vor über 20 Jahren gegründet wurde, verstehen wir uns als Partner der Verlage. Wir stehen im ständigen Austausch und informieren, wenn ein Titel unser Interesse geweckt hat oder zur Empfehlung durch getAbstract ausgewählt wurde. Dabei holen wir für jeden einzelnen Titel die Genehmigung ein. Sobald eine Buchempfehlung öffentlich wird, erhalten unsere Verlagspartner nicht nur unsere Zusammenfassung, sondern kostenfrei auch all unsere Marketingaktivitäten zu den Büchern sowie deren Autoren. Das schätzen unsere Verlagspartner sehr. Dabei entscheidet allen voran die Qualität der Inhalte, welche Bücher wir für die ressourcenintensive Erstellung von qualitativ hochwertigen Buchempfehlungen auswählen.

Den Abonnenten gegenüber sprechen Sie von „Zusammenfassungen“ und „Zeitersparnis“, in Richtung Verlage heißt es „Buchempfehlungen“ und „Amazon-Verlinkung“. Sind die Abstracts Buchempfehlungen oder Zusammenfassungen? Das ist ja ein großer Unterschied…Die Frage ist berechtigt und beides stimmt. Wir arbeiten eng mit über 750 internationalen Verlagspartnern zusammen und fassen ausgewählte und von den Rechteinhabern genehmigte Bücher zusammen. Diese in den Worten unserer Fachautoren verfassten Texte benutzen wir als Buchempfehlungen, die wir auch unseren Verlagspartnern zur Verfügung stellen. Diese können dann zu eigenen Marketingzwecken, beispielsweise für Lizenzgeschäfte oder die Präsentation der Bücher in der Verkaufsorganisation, genutzt werden. Wir könnten noch einen weiteren Ausdruck hinzufügen und unsere Texte als „Buch-Trailer“ – ähnlich einem Film-Trailer – bezeichnen. Da wir mit unseren Buchempfehlungen den Leserinnen und Lesern komprimierte Einblicke in den Inhalt gewähren, bieten wir eine wissensbasierte Grundlage bei der Kaufentscheidung.

Wer fasst die Bücher zusammen? Gibt es dafür Automatisierungen? Wie lang ist eine Zusammenfassung im Durchschnitt?
Das interne Team ist aufgebaut wie eine klassische Zeitungsredaktion mit einem Chefredakteur, verschiedenen Ressorts, Redakteuren und Lektoren. Dazu kommt ein großer Pool aus freien Wirtschaftsjournalisten. An der Produktion eines Abstracts sind viele Leute beteiligt; jeder der Beteiligten bewertet den Beitrag. So entsteht in einem aufwändigen Verfahren ein objektives Rating. Normalerweise dauert dieser Prozess einige Monate. Bei brandaktuellen Themen kann ein Abstract auch in wenigen Tagen erstellt werden. Unsere ultimative Qualitätskontrolle sind die Nutzer. Wir verschicken einige Millionen Zusammenfassungen pro Monat. Wenn da irgendetwas auffällt, bekommen wir schnell Feedback, welches wir sorgfältig prüfen. In der heutigen Zeit spielt der Kurationsprozess allerdings eine immer wichtigere Rolle: Konkret müssen wir uns die Fragen stellen: Welche Wissensinhalte sind wirklich relevant, was unterscheidet das Wichtige und das Richtige vom Unwesentlichen?

Was passiert bei Neuauflagen vorhandener Bücher? Wird aktualisiert?
Wir aktualisieren auf Anfrage der Verlage immer gerne das Cover. Inhaltlich müssen wir differenzieren, ob es sich bei einer Neuauflage nur um kleine Änderungen oder Ergänzungen, etwa ein neues Vorwort, handelt oder das Werk komplett überarbeitet wurde – beispielsweise, wenn die Autorin oder der Autor sich neu mit dem Thema auseinander setzt und eventuell ganze Kapitel umschreibt oder hinzufügt. In diesem Fall würden wir die Zusammenfassung aktualisieren.

Wie viele Bücher gibt es zum Anhören? Läuft die Vertonung automatisch oder gibt es Sprecher?
Die Vertonung erfolgt mit echten Sprechern in den Sprachen Englisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch und Französisch für alle neu produzierten Zusammenfassungen. Ältere Werke haben zum Teil automatisch generierte Audios.

Und wie unterscheidet sich getAbstract von Blinkist?
Wir positionieren uns im B2B-Markt. Um unseren Kunden zielgerichtete Inhalte zur Verfügung stellen zu können, analysieren wir die Bedürfnisse und strategischen Wachstumsziele jedes einzelnen Unternehmens. Dazu haben wir ein großes Team von „Customer Success Managern“, die unsere Inhalte für jeden Kunden einzeln anpassen, auf Kompetenzen zuschneiden, und die richtigen Channels sowie die richtigen internen Marketingkampagnen vorbereiten.