Simpleclub

Immer mehr Azubis im Club

11. Juni 2021
von Kai-Uwe Vogt

Vor sechs Jahren ist die Online-Lernplattform Simpleclub an den Start gegangen. Was mit Videos für Schüler auf YouTube begann, ist mittlerweile die beliebteste Lernplattform – und auch bei Azubis schwer angesagt.

Simpleclub-Gründer Alexander Giesecke und Nicolai Schork (links)

Die Corona-Pandemie hat ihre Zusammenarbeit nicht verändert* Die 95 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinter Simpleclub arbeiten sowieso alle remote. Sie sitzen verteilt in ganz Deutschland und greifen auf das eigene Content Management System „Jarvis“ zu – Marvelfans kennen den Namen als künstliche Intelligenz hinter Iron Man’s Supertechnologie. Technologie ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für das Unternehmen. Die Anspielung auf die Marvel Comics passt auch deshalb so gut, weil die Mitarbeitenden sehr jung sind. Viele von ihnen waren einmal selbst Kund*innen oder besser Nutzer*innen der Simpleclub App und wurden später rekrutiert. Bis Jahresende soll in München ein Simpleclub Hauptquartier entstehen – für Events und für alle, die im Büro arbeiten möchten.

Eine Million Nutzer sind monatlich auf Simpleclub unterwegs. Viele von ihnen als zahlende Premium-Abonnenten. „Während des ersten Lockdown hat sich der Google Traffic vervierfacht“, berichtet Alex Giesecke, einer der Simpleclub-Gründer im Gespräch mit Börsenblatt online. „Im zweiten Lockdown war der Druck auf die Schüler*innen weg, ohne Druck lernt niemand zusätzlich“, beschreibt er eine Berg- und Talfahrt mit Happy End. Denn die Nutzerzahlen in allen Altersgruppen steigen - sie haben sich      seit September verdoppelt. Das liegt natürlich vor allem am kontinuierlichen Ausbau der Lerninhalte. Die Erklärvideos und Animationen wirken locker, folgen aber einem didaktischen Konzept und werden regelmäßig aktualisiert. „Medien verändern sich. Was bleibt, ist die Erklärung. Diese Erklärungen werden medienneutral nachgehalten und archiviert und können jederzeit umgebaut werden“, verdeutlicht Alexander Powell, Head of B2B. Doch aktuell sind Videos ganz klar das Medium der Stunde. Die aufwendigen Animationen werden so archiviert, dass sie als Baustein für weitere Projekte fungieren – so kann bereits vorhandener Content auch für neue Fächer oder für Ausbildungsberufe genutzt und integriert werden.

Simpleclub hat nicht nur bereits bei den Studierenden und in Klassenzimmern Einzug gehalten, auch Auszubildende wurden als Zielgruppe entdeckt. Vielleicht ist es gerade diese Flexibilität, die HV Holtzbrinck Ventures eine Investition von 2 Millionen Euro wert war.

„Unser Ziel ist nicht gewesen, einfach nur eine Lernapp sondern einen Gamechanger zu schaffen, der das Lernen der Zukunft ermöglicht.  Hierbei geht es sicher nicht darum, einfach ein Schulbuch zu digitalisieren“, sagt Alex Powell. „Zu den Azubis sind wir aus Versehen gekommen, als wir gemerkt haben, dass viele unsere Nutzer keine Schüler*innen mehr sondern Azubis geworden sind.“ Es gäbe – so Powell – eine große Lücke „zwischen dem, was möglich ist und dem Stand der Digitalisierung in der Ausbildung heute.“ Zwei von drei Unternehmen hätten sich nie mit digitalen Möglichkeiten beschäftigt, aber 70 Prozent der Azubis nutzten schon heute digitale Weiterbildungsmöglichkeiten und viele favorisierten diese auch. „Wir denken, um Nachwuchs muss man kämpfen“, sagt Powell. Gleichzeitig wird auch Förderung immer wichtiger, denn Unternehmen tun sich immer schwerer, geeignete Bewerber**innen zu finden.

Bereits heute bilden folgende Unternehmen ihre Azubis über Simpleclub fort*

●             Siemens

●             Sparkassen und Banken

●             Brillux

●             Deutsche Bahn

●             DIHK Deutsche Industrie- und Handelskammer

Mit vielen weiteren laufen gerade Gespräche. „Zielgruppe sind Azubis, aber auch Quereinsteiger und das Ziel lautet, sie von Tag eins bis zum Abschluss zu begleiten und ihnen alles zu vermitteln, was sie wissen müssen“, so Powell. Die Inhalte entstehen gemeinsam mit früheren Azubis und Berufsschullehrer*innen.

Simpleclub Azubi-App

Übungsaufgaben, interaktive Elemente, individualisierte Lernpläne und eine Schnittstelle für persönliche Betreuungsmöglichkeiten der Azubis durch ihre Betreuer sollen den Lernerfolg sichern. „Wir können IHK-Klausuren simulieren, bieten individuelles, algorithmusgestütztes Lernen, nicht nur multiple Choice und Videos. Die Lehrpläne basieren auf dem bisherigen Lernverhalten und Erfolgen und der noch vorhandenen Zeit bis zum Klausur- oder Prüfungstermin“, beschreibt der Head of B2B das erprobte Prinzip. Im Moment gibt es folgende Ausbildungsberufe:

●             Bankkaufleute

●             Bürokaufleute

●             Maler und Lackierer

“Zwei weitere Berufe sind bereits in Produktion und      in den nächsten Jahren kommen noch mindestens 20 Berufe dazu“, verspricht Alex Powell. „Innerhalb eines halben Jahres können wir einen ganz neuen Beruf ausrollen“. Alleine in diesem Jahr wurden 5.000 neue Lerninhalte neu erstellt. Er weiß* Laut Nachwuchsbarometer wird jede fünfte Ausbildung abgebrochen wegen Schwächen in den MINT-Fächern - vor allem Mathe bereitet Probleme. Nicht nur in der Schule, sondern auch bei Azubis und den Studierenden.

Simpleclub bald für Medienkaufleute?

Ein Gedankenspiel* Was müsste passieren, um angehende Medienkaufleute bei Simpleclub aufzunehmen? Muss dazu ein gut betuchter Verlag auf die Macher zukommen? „Wir erheben keine Kosten für die Content-Erstellung, sondern arbeiten ausschließlich mit Abo-Modellen. Wenn es einen Beruf noch nicht gibt, schauen wir, was wir bereits an Inhalten haben und was noch fehlt. Ein Abo kostet aktuell 19 Euro im Monat oder 228 Euro im Jahr. Wir berechnen, wie viele Abos mindestens getätigt werden müssen, damit sich die Sache unterm Strich rechnet“, sagt Powell. „Ein komplett neuer Beruf würde uns einen sechsstelligen Bereich in der Entwicklung kosten. Wir müssen aber nicht bei Kunde Nummer eins bereits profitabel sein.“ Bei kaufmännischen Berufen wie den Medienkaufleuten ginge die Entwicklung schneller und wäre günstiger. Der wirtschaftliche Bereich ist schließlich schon komplett vorhanden. „Mit ein paar Hundert Abos würde sich das lohnen“, fasst Powell ein mögliches Angebot zusammen. Ob bereits konkrete Verhandlungen laufen – das verrät er nicht.