Zwischenruf von Renate Reichstein

"Zum Lesenlernen braucht es Texte, keine Häppchen"

31. Mai 2023
von Renate Reichstein

Leseförderung funktioniert nicht, wenn man die Anforderungen immer weiter senkt – meint Renate Reichstein. Denn trotz all der vermeintlichen Motivationen wird eines vergessen: Ohne Üben geht es einfach nicht. 

Renate Reichstein ist Inhaberin der Agentur Wort und Bild; bis 2019 leitete sie die Lizenzabteilung von Oetinger, von 2013 bis 2021 war sie Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen avj. 

Lesen lernen, lesen üben, lesen können, lesen! Wie alle anderen Grundfertigkeiten muss man Lesen intensiv üben. Und das Üben klappt nur, wenn Belohnung winkt, wenn die nächste Stufe erreicht wird. Sicher, auch heute gibt es noch Kinder, die vor Beginn ihrer Schulzeit schon lesen können, weil die Neugier sie treibt und Texte auf Milchtüten und Cerealien-Schachteln nach Entschlüsselung schreien. Diese Kinder üben von ganz allein, indem sie sich die Latte immer wieder selbst höher hängen. Unterstützung brauchen aber die Kinder, die an Buchstaben, Laute, Wörter und deren Sinn herangeführt werden müssen. Erfahrene Lehrerinnen sagen, es sei völlig egal, ob Kinder nun mit der Ganzwort-Methode, dem Zusammensetzen von Silben oder dem Zusammenziehen von Lauten lesen lernen, denn eines haben sie alle gemeinsam: Sie müssen üben und immer wieder üben!

In den 1980er Jahren entdeckten Kinderbuchverlage die Erstleser als Zielgruppe für sich und verlegten kleine Geschichten, meist 64 Seiten mit zunächst schwarz-weißen Illustra­tionen. Der Markt wuchs erfreulich schnell, die Illustrationen wurden bald farbig. Mitte der 1990er waren diese Erstleserbücher dann schon zu umfangreich für die Leseanfänger, weshalb man Bücher für die Allererstleser erfand: geringere Textmenge, mehr bzw. größere Illustrationen. Da war die Leseherausforderung schon so gut wie vergessen. Vorbei die Zeit, als Grundschüler, die gerade die Faszination des Lesen-Könnens entdeckt hatten, alles verschlangen und erarbeiteten, was sie zwischen zwei Buchdeckeln erwischen konnten. Die Heraus­forderung spornte an, über »zu schwierig« oder »zu viel Text« dachte niemand nach.

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