JIM Studie trifft Schulrealität

Was Lennart Schaefer auf 11.000 Kilometern über Jugendliche und Lesen lernte

10. Februar 2026
Redaktion Börsenblatt

Wie lesen Jugendliche wirklich – und was motiviert sie? Die Kinderbuchpraxis spricht mit Lennart Schaefer über Erkenntnisse aus der JIM‑Studie und Beobachtungen aus seinem Unterrichtsalltag quer durch Deutschland.

Lennart Schaefer unterwegs auf seiner Radtour

Lennart Schaefer unterwegs auf seiner Radtour.

Ein realistischer Blick auf die JIM Zahlen

Die aktuelle JIM‑Studie zeichnet ein mehr oder weniger stabiles, aber nachdenklich stimmendes Bild, was das Lesen angeht. Viele Jugendliche greifen zwar noch zu Büchern, doch sie lesen kürzer und seltener. Besonders ältere Jahrgänge verlieren den Zugang.

Lennart Schaefer kennt diese Entwicklung aus der Praxis. Auf seiner LiteradTour mit dem Lastenrad besuchte er Schulklassen im ganzen Land. Sein Eindruck: In der Grundschule herrscht oft Lesebegeisterung. "In der ersten Klasse … gibt es eine riesengroße Begeisterung für Bücher." Doch je älter die Jugendlichen werden, desto stärker zieht es viele weg vom Buch. Warum nur?

Lennart Schaefer spricht vor Schüler:innen in Neuruppin

Lennart Schaefer spricht vor Schüler:innen in Neuruppin.

Wenn Unterricht das Lesen trägt

Eine Beobachtung wiederholte sich in fast jeder Klasse: Viele Jugendliche nennen als Lieblingsbuch den Titel, den sie gerade im Deutschunterricht lesen. "Das war es dann auch meistens", sagt Schaefer. Der Befund ist klar: Privat wird immer weniger gelesen, die Schule bleibt ein entscheidender Leseort.

Positiv fällt auf, dass moderne Titel häufiger genutzt werden. Neben Klassikern begegnete Schaefer Büchern wie Lea‑Lina Oppermanns "Was wir dachten, was wir taten". Für ihn steht fest: Gemeinsames Lesen wirkt. "Was auch diese Bücher … ausmacht, ist ja diese gemeinsame Leseerfahrung." Gemeinschaft schafft Bindung – und oft erst Interesse.

Einige Lehrkräfte arbeiten bereits anders. Eine blieb Schaefer besonders im Gedächtnis: Sie lässt die Klasse über Lieblingsbücher abstimmen und daraus die gemeinsame Lektüre wählen. Das stärkt Aufmerksamkeit und Identifikation. Die Methode zeigt, wie stark Partizipation wirkt.

Private Lesewege: Film, Fußball, Manga

Abseits des Unterrichts spielt Vielfalt eine große Rolle. Viele Jugendliche entdecken Bücher über Filme, Games oder prominente Sportler. Schaefer: "Diese Umwege zum Buch … wurden mir von den Schüler:innen total bestätigt." Bücher zu Filmen, Minecraft‑Romane, Fußballer‑Bücher – all das erzielt Resonanz.

Auch Manga und Comics tauchen häufig auf. Gleichzeitig landen diese Titel selten im Unterricht. Eine Berliner Untersuchung, die Schaefer begegnete, machte den Unterschied sichtbar: Jugendliche zeigen gewaltiges Interesse an den Stoffen, die Nutzung durch die Lehrkräfte ist aber marginal, weil der eigene Zugang einfach fehlt.

In der Oberstufe zeigt sich ein weiterer Trend: Viele Jugendliche lesen Thriller aus dem Erwachsenenbereich, besonders Sebastian Fitzek. Das mag überraschen, passt aber ins Bild individueller Lesewege und zeigt den hohen Stellenwert von Empfehlungen durch die Peergroup.

Schulen zwischen Engagement und Erschöpfung

Schaefers Eindrücke aus den besuchten Schulen sind unterschiedlich. Er traf engagierte Lehrer:innen mit frischen Ideen – und solche, die sichtlich erschöpft waren. In einer ersten Klasse erlebte er konzentrierte Arbeit, in der nächsten Chaos. Besonders blieb ein Kommentar hängen: "Wir sind einfach überfordert … und wir werden nicht geschult."

Strukturelle Herausforderungen erschweren Leseförderung: große Klassen, wenig Unterstützung, hoher Druck. Die Probleme sind bekannt. Die Unterschiede zwischen Schulen sind groß. Für Schaefer zeigt sich darin weniger individuelles Versagen als ein Mangel an Ressourcen.

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Leipziger Buchmesse am 27. April

Lesen braucht Ruhe – und soziale Impulse

Viele Jugendliche – und Erwachsene – berichten Schaefer, ihnen fehle "Zeit" oder "Ruhe" zum Lesen. Seine Antwort ist schlicht: Lesen schenkt genau diese Ruhe zurück. Doch er betont, dass Motivation oft erst durch einen sozialen Rahmen entsteht. Lesekreise, stille Lesegruppen oder gemeinsame Termine können dabei helfen.

Digitale Lektüre spielt dagegen kaum eine Rolle. Laut Schaefer lese die Mehrheit lieber gedruckt. Das deckt sich mit der JIM-Studie: E‑Books sind rückläufig.

Schaefers Erfahrungen zeigen: Jugendliche lesen – aber anders, selektiver, stärker durch Umfeld und Medien geprägt. Entscheidend sind Anknüpfungspunkte, gemeinsame Erlebnisse und realistische Rahmenbedingungen. Wer mehr über seine Tour, seine Begegnungen und seine Gespräche erfahren möchte, findet in der gesamten Folge der Kinderbuchpraxis weitere Einsichten und Beispiele aus dem Schulalltag.

100 Folgen Kinderbuchpraxis

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Dr. Stefan und Mr. Ralf haben sich für die Spezialfolge unter Fachleuten umgehört, wie sich der Markt für Kinder- und Jugendbücher und der Rahmen fürs Publizieren in den letzten Jahren verändert hat.