Inge Bosse in der Kinderbuchpraxis

Wenn kurze Wörter den Weg ins Lesen öffnen

11. September 2026
Redaktion Börsenblatt

Inge Bosse entwickelt mit dem Lauter Verlag Bücher, deren Wörter höchstens zwei, drei, vier oder fünf Buchstaben lang sind. Im Podcast "Kinderbuchpraxis" sprechen Dr. Stefan (Stefan Hauck, Börsenblatt) und Mr. Ralf (Ralf Schweikart, freier Kritiker) mit ihr über eine Methode, die Kindern den Einstieg ins Lesen erleichtern soll.

Inge Bosse mit Büchern aus dem Lauter Verlag

Inge Bosse mit Büchern aus dem Lauter Verlag

Wollknäuel aus Buchstaben

Die jüngsten PISA-Ergebnisse haben die Debatte über Lesekompetenz erneut verschärft. Inge Bosse kennt die Einstiegshürde nicht nur aus bildungspolitischen Diskussionen, sondern aus dem Familienalltag: Ihre Tochter hatte Schwierigkeiten, lange Wörter zusammenzuschleifen. Bei kurzen Wörtern dagegen konnte sie sich Wort für Wort vorarbeiten. Weil es dafür keine passenden Bücher gab, schrieb Bosse sie selbst. Daraus entstand vor drei Jahren der Lauter Verlag.

Die persönliche Erfahrung wurde zum Ausgangspunkt einer klaren Begrenzung: In den Büchern darf jedes Wort zunächst höchstens vier Buchstaben lang sein. Später kamen Reihen mit zwei, drei und fünf Buchstaben hinzu. Der Ansatz soll nicht Lesen vereinfachen, indem er Geschichten aufgibt, sondern die nur erste Hürde kleiner machen. Für Bosse ist ein langes Wort wie ein Wollknäuel mit vielen Knoten: Man weiß nicht, wo man anfangen soll.

Nicht nur die Länge zählt

Die Methode setzt an zwei Stellen an: Einerseits begrenzt Bosse die Wortlänge, andererseits markiert sie Lautverbindungen. Ein "Au", ein "Ei", ein "Ie", aber auch "Ch", "St" oder "Sp" sollen nicht als einzelne Buchstaben gelesen werden. Aus K, Au, M wird so "kaum". Leseanfänger:innen können die Buchstaben bereits erkennen und trotzdem vergessen, die passenden Laute zu verbinden. Eine Markierung macht darum sichtbar, an welcher Stelle besondere Aufmerksamkeit nötig ist, Verbindungen wie "ei" und "au" oder "ch" werden farblich hervorgehoben.

Die Bücher folgen deshalb keiner Alterslogik. Ein vierjähriges Kind kann die Zwei-Buchstaben-Bücher lesen; ein Kind mit LRS oder aus dem Förderschulbereich braucht möglicherweise länger. Entscheidend ist für Bosse nicht die Klassenstufe, sondern das Gefühl: "Ich kann es schaffen." Die kurzen Wörter sollen Übung ermöglichen, ohne den Anspruch zu erzeugen, alle Kinder müssten im gleichen Tempo vorankommen.

Dabei bleibt die literarische Aufgabe anspruchsvoll. Aus den wenigen Zwei-Buchstaben-Wörtern müssen Geschichten entstehen, die nicht wie reine Übungen wirken, sondern Spaß machen. In "Im Am Um" verändert sich von Seite zu Seite nur ein Buchstabe; zwei Hasen machen daraus einen Zauber-Comic. Bei den Drei-Buchstaben-Büchern helfen Sprechblasen und Bilder. Das Bild erzählt mit, erklärt eine Szene und schafft Anlass, über Wörter wie "zu", "an" oder "am" zu sprechen.

So entstehen neue Bücher

Bosse legt zunächst eine Grundstory und die Wortlänge fest, prüft dann Satz für Satz, welche Wörter tatsächlich verfügbar sind. Bis ein kurzer Text funktioniert, können eineinhalb Jahre vergehen. Bei Erstlesegeschichten versucht sie, unter 5.000 Zeichen zu bleiben. Manchmal ist das Bild zuerst da, manchmal entsteht die visuelle Idee aus einem markanten Wort.

Bosse arbeitet als Ein-Frau-Betrieb, finanziert den Verlag derzeit zusätzlich mit einem Brotjob und zieht vier Kinder allein groß. Trotzdem soll das Programm wachsen. Reihen wie "Luna + Laura" und "Todt Tot" sind stärker auf ältere Kinder ausgerichtet; weitere Inhalte für Jugendliche stehen ebenfalls auf ihrer Wunschliste. Ein Buch über eine Demonstration verbindet Leseförderung mit Demokratiebildung: Tiere vertreten unterschiedliche Interessen und fordern sie friedlich nebeneinander ein. Dass die Vier-Buchstaben-Texte dabei auch noch reimen sollten, machte die Arbeit besonders schwierig.

 

Bei fünf Buchstaben will Bosse die Grenze vorerst belassen. Wenn Kinder in diesem Bereich sicher lesen, soll ihnen die größere Buchwelt offenstehen, sprich: andere Verlage bieten hier genug. Der Lauter Verlag konzentriert sich auf einen unscheinbaren, aber entscheidenden Moment: den Übergang vom einzelnen Buchstaben zum verbundenen Laut.

Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Bosse will die Bücher nicht auf die "klassische" Erstlesephase beschränken. Der Titel "Solo Herz - Nimm dich in Acht!" richtet sich an Jugendliche und handelt von Party, Kennenlernen und Liebeskummer. "Party" darf darin allerdings nicht vorkommen: Mit "Fete" bleibt die Geschichte innerhalb der Vier-Buchstaben-Grenze. Auch Jugendliche, die neu in Deutschland sind und erst in die deutsche Sprache hineinfinden, gehören für Bosse zu einer möglichen Zielgruppe.

Damit die gemeinsame Lesezeit nicht zur Belastung wird, müssen die Bücher auch Erwachsenen gefallen. Bosse schreibt, illustriert (sie ist Mediengestalterin) und verlegt selbst; ihre Geschichten sollen witzig oder ironisch sein. Die Drei-Buchstaben-Bücher lassen sich mit weißen und schwarzen Sprechblasen im Dialog lesen. Aus Schulen berichtet Bosse, dass sie in der zehnminütigen Lesezeit ständig im Einsatz seien und lesestarke Kinder gemeinsam mit leseschwachen Kindern lesen.

Im Buchhandel ist der Ansatz dennoch erklärungsbedürftig. Lautmarkierungen sind ungewohnt, weil viele Erstlesereihen mit Silben arbeiten. Bosse hält dagegen, dass Lautverbindungen sicher sitzen müssten, bevor Kinder auf der Silbenebene weitergehen. Rückmeldungen von Grund- und Förderschullehrer:innen sowie Lesementor:innen bestärken sie; eine wissenschaftliche Evaluierung konnte sie bisher jedoch noch nicht leisten. Der Grund dafür ist einfach: Als alleinerziehende Mutter mit vier Kindern, einem Job und zusätzlich dem Verlag, müssen einfach Prioritäten gesetzt werden.

Mr. Ralf und Dr. Stefan im Ärztekittel

Dr. Stefan (rechts) und Mr. Ralf behandeln in der Kinderbuchpraxis erfolgreich alle Themen rund ums Kinder- und Jugendbuch

Über die Kinderbuchpraxis

Die "Kinderbuchpraxis" ist ein Podcast über das Kinder- und Jugendbuch. Dr. Stefan (Stefan Hauck, Börsenblatt) und Mr. Ralf (Ralf Schweikart, freier Kritiker) sprechen jeden zweiten Freitag über aktuelle Entwicklungen im Buchmarkt und über Bücher. Häufig ist ein Gast dabei. Die Folgen sind als Podcast verfügbar. Mehr als 100 Folgen sind schon erschienen, auch viele Promis wie Cornelia Funke, Marc-Uwe Kling oder Susanne Straßer waren bereits zu Gast.