Erzählwettbewerb der Julius-Springer-Schule

Buchhändler-Azubis schreiben Short Stories

42 Buchhändler/innen und 35 Medienkaufleute sind unter den Siegern eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs, den die Julius-Springer-Schule in Heidelberg seit 1992 veranstaltet. Nun soll ein Best-of-Band der Geschichten erscheinen: Grund für ein Interview mit Initiatorin Marie-Luise Hiesinger. INTERVIEW: LARISSA WERMTER

Marie-Luise Hiesinger

Marie-Luise Hiesinger © privat

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, angehende Buchhändler und Verlagsmitarbeiter zum fiktionalen Schreiben zu bewegen?

Nicht nur die – an der Julius-Springer-Schule bereiten sich zirka 1.700 junge Menschen auf das Berufsleben im kaufmännischen Bereich oder auf die Fachhochschulreife vor. Meine Leidenschaft hat schon immer dem Literatur-Unterricht gehört, und die Idee ist im Oktober 1992 entstanden, als ich – von der Frankfurter Buchmesse kommend – bei einer Vollbremsung des IC dachte: "Wenn ich das überlebe, muss ich etwas erfinden, was bleibt." Für mich lag nahe, Schreiblustigen einen Impuls zu geben, versteckte Talente zu locken, andere vielleicht darauf zu stoßen, dass in ihnen etwas verborgen schlummert. So habe ich den Kurzgeschichten-Wettbewerb initiiert, der von Anfang ein Erfolg war. Bislang haben 800 Auszubildende teilgenommen – und unter den Preisträgern sind 42 Buchhändler/innen und 35 Verlagskaufleute! Ich hoffe, dass der Satz "Wer schreibt, der bleibt" für sie zutrifft.

 

Welcher Art sind die Geschichten, die eingereicht werden?

Die Vorgabe ist: Es sollen glaubwürdige Alltagsgeschichten sein, die vom Leben in unserer Welt erzählen. Wie ist das, wenn man Angst hat unterzugehen? Wenn dann aber wieder die Hoffnung kommt, die Lebenslust, die Erfüllung von Träumen. Wenn man liebt, nicht mehr liebt, verlässt, verlassen wird, Grenzen überwindet, am Abgrund steht, sich verführen lässt, sich unterwirft, andere manipuliert, mit Panik, Wut, Neid und Hass umgehen muss, sich frei wie ein Vogel fühlt. Abschied, Neubeginn, Lüge, Wahrheit, Unglück, Glück, Einsamkeit, Liebe, Triebe, usw., also Geschichten über das pralle Leben.

Um diese Themen kreisen die eingereichten Texte, wobei das Traurige, Melancholische, Selbstzerstörerische oft überwiegt. In den vergangenen Jahren kamen politische Inhalte dazu, etwa die Angst vor antidemokratischen Entwicklungen.

 

Nach welchen Kriterien entscheidet die Jury, wer gewinnt?

Die Jury besteht aus Literaturkennern: Simone Groß (Springer Nature Heidelberg), Jakob Köllhofer (Leiter des Deutsch-Amerikanischen-Instituts in Heidelberg), Manfred Metzner (Verlag das Wunderhorn), Toni Landomoni ("Toni L.", Musiker, Rapper, Gründer von "Advanced Chemistry") und mir. In den vergangenen Jahren gehörten auch die Schriftsteller/innen William Cody Maher aus San Francisco, Hella Eckert, Elisabeth Alexander und der Rapper Torch dazu. Außerdem die Personalentwicklerin vom Springer-Verlag, Ute Kammerer, die Fotografin Signe Maher und der Feuilletonchef der "Rhein-Neckar-Zeitung", Dieter Roth. Die wichtigsten Kriterien waren und sind für uns Juroren immer die sprachliche Gestaltung und die Struktur der Geschichte. Zum Inhalt: Berührt das, was erzählt wird? Erreicht es mich? Ist es aus einem Guss geschrieben? Ist es nachvollziehbar? Glaubwürdig? Originell? Keine Worthülsen, Stereotype? Wenn alles gut ist, dann entscheidet die Jury: Daumen hoch!

 

Spiegelt sich denn der berufliche Alltag der Auszubildenden in den Texten?

Ja, es gibt Texte, in denen Erfahrungen aus dem beruflichen Alltag erzählt werden. Aber eher weniger. Persönliche, individuelle Probleme herrschen vor: Das Mann-Frau-Thema, das Erwachsenwerden, Selbstzerstörung, Kommunikationsprobleme, Abschied, sexuelle Orientierung, Tod, Angst.

 

Auf der Webseite der Julius-Springer-Schule in Heidelberg steht: "Die Geschichte soll mit unserer Welt, unserem Leben zu tun haben. Egal aus welcher Perspektive." Welche Geschichte war für Sie die ausgefallenste, die Sie gelesen haben?

Es war eine Geschichte aus der Perspektive einer Toilettenfrau in einem Kaufhaus. Sie beschreibt schamlos ihre Erfahrungen mit männlichen Ausscheidungen. Ein Skandal. Der Preisstifter wollte seinen Preis zurückziehen. Ich bat ihn damals, die Entscheidung der kompetenten Jury zu akzeptieren. Der Autor der Geschichte fühlte sich übrigens durch das Urteil der Jury - nach eigener Aussage - derart bestätigt, dass er Schriftsteller wurde und im Bereich Fantasy in einem renommierten Verlag Bestseller geschrieben hat.

 

Was erwartet die Leser in dem Best-of-Band, der im Frühjahr im Verlag Das Wunderhorn erscheint?

Zunächst einmal alle Geschichten, die Preise erhielten, darüber hinaus Informationen über die Autorinnen und Autoren und über die Arbeit der Jury. Eine spektakuläre Jury-Sitzung fand in Paris im Café Flore statt, darüber kann man einiges erzählen. Hübsche Fotos wird es auch geben. Und ja, wir wären froh, wenn wir noch Unterstützung bekämen, vielleicht in Form kleiner Anzeigen, so wie es das früher mal in den rororo-Taschenbüchern mit den Pfandbriefanzeigen gegeben hat. Ich denke, so ein Best-of-Band motiviert auch die künftigen Auszubildenden.

Kontakt zum Wettbewerb: literatur-doku-julius-springer-schule@gmx.de

Marie-Luise Hiesinger hat jahrzehntelang an der Julius-Springer.-Schule in Heidelberg unterrichtet und den Erzählwettbewerb 1992 ins Leben gerufen. Die Preise des Wettbewerbs wurden gestiftet vom Börsenverein Landesverband Baden-Württemberg, von Joachim Krause (Quadrate-Buchhandlung in Mannheim), Springer Nature, der Julius-Springer-Schule und vom Freundes- und Förderkreis der Julius-Springer-Schule.

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