Interview mit Matthias Ulmer über sein Buch zur Verlagsgeschichte

"Medienkrisen sind nichts Neues"

Aufwendige Recherchen, stapelweise Material, kurze Nächte: Verleger Matthias Ulmer hat die 150-jährige Geschichte seines Hauses in dem mächtigen Werk "Medienbauer" zusammengefasst und eingeordnet. Persönliche Einblicke. INTERVIEW: CHRISTINA SCHULTE

Matthias Ulmer im Gespräch mit Christina Schulte

Matthias Ulmer im Gespräch mit Christina Schulte © Ferdinando Iannone

 Drei Jahre Arbeit liegen hinter Ihnen, ein 792-seitiger Prachtband liegt vor Ihnen. Was hat Ihnen am "Medienbauer" am meisten Freude gemacht?
Das Recherchieren und der eigene Erkenntnisgewinn. Ich habe mich an vielen Stellen auf unbekanntes Terrain begeben und Dinge aufbereitet, die mir zuvor so nicht klar waren. In vielen Bereichen hatte ich eine festgefasste Meinung, beim Arbeiten habe ich gemerkt, dass diese so gar nicht stimmt. Das hat mir neue Perspektiven eröffnet, zum Beispiel beim Thema Wiedervereinigung und welche Bedeutung sie für die Buchbranche hat. Sehr schön ist es natürlich auch, wenn das Buch fertig vor einem liegt und so aussieht, wie man sich das vorgestellt hat.

Weshalb musste es gleich solch ein Riesenwerk werden?
Vor sechs Jahren, als ich mir Gedanken über unser Jubliäum gemacht habe, war mir klar, dass eine neue Festschrift verfasst werden sollte. Ich fühlte mich an einer historischen Schwelle; mein Vater hatte mir noch ganz viel Wissen über den Verlag mitgegeben. Zugleich habe ich gemerkt, dass dieses Wissen logischer­weise bei jüngeren Mitarbeitern nicht vorhanden ist, ihnen vielleicht auch das Interesse daran fehlt. Für mich aber spielt die Einbettung des heutigen Handelns in den historischen Zusammmenhang eine wichtige Rolle. Ich wollte Geschäftspartnern, Mitarbeitern und, wie man heute sagt, allen Stakeholdern unser Unternehmen und seine Geschichte näherbringen.

Sie haben nahezu alles selbst gemacht, bis hin zur Bildbeschaffung. Warum?
Zunächst hatte ich eine Autorin gefragt, die erfahren darin ist, Verlagsgeschichten zu schreiben. Ihr Angebot war vollkommen in Ordnung. Aber ich merkte, wie viel Aufwand es bedeutet, jemandem alles zu erzählen, zu erläutern, warum mir dies und jenes wichtig ist. Da dachte ich: Wahrscheinlich ist es einfacher, wenn ich es selbst mache. Manchmal war es das aber nicht, bestimmten Abbildungen bin ich monatelang hinterhergelaufen, das hat weniger Spaß gemacht und war sehr zeitaufwendig.

Hatten Sie Sparringspartner, mit denen Sie sich austauschen konnten?
Ich habe vielen Leuten von dem erzählt, was mich gerade beschäftigt – sowohl Kollegen als auch meiner Familie und Freunden. Aber letztlich war es eine einsame Sache, denn irgendwann haben wahrscheinlich alle gedacht: Jetzt redet er schon wieder von seinem Buch.

Hat Ihr Vater mitgewirkt?
Nicht direkt. Mein Vater verfügt über ein unglaublich gutes Gedächtnis, und ich konnte ihn jederzeit fragen, wenn ich etwas wissen wollte. Aber das war es auch schon. Er hat sich nicht eingemischt ins Schreiben und es hat ihn auch ansonsten nicht so stark interessiert, was ich da genau mache. Er ist wirklich gut im Loslassen. Jetzt freut er sich natürlich über das Resultat und liest gern darin.

Wer hat das Buch in Form gebracht – sprachlich und optisch?
Die freie Lektorin Melanie Kattanek und die freie Herstellerin Michaela Mayländer haben brillante Arbeit geleistet. Der Lektorin habe ich blind vertraut. Am Anfang wollte ich noch alles nachvollziehen, was sie umgestellt oder korrigiert hat, aber das habe ich schnell gelassen und auch mal 1.000 Änderungen auf einen Schlag angenommen. Die Herstellerin hat einen Blick und eine Liebe fürs Detail, das macht das Buch besonders, und es bleibt trotz des vielen Textes übersichtlich.

So ein dickes Werk schreiben viele Autoren im Hauptberuf. Wie haben Sie das mit Ihrer Rolle als Verlagschef vereinbart?
Das ging nur, indem ich die Abende hinzugenommen habe. Nach dem Essen, wenn die Kinder im Bett waren, habe ich mich zwischen 21 Uhr und zwei Uhr hingesetzt und gearbeitet. In die Ferien habe ich die Sachen natürlich auch mitgenommen. Meine Frau und die Kinder fanden das allerdings nicht so lustig. Meine Töchter haben immer gefragt: "Papa, kommt das Buch wieder mit in den Urlaub?"

Wie haben Ihre Kollegen reagiert?
Nachdem sich mein Büro zusehends optisch verändert hat durch die riesigen Bücherstapel, die überall wuchsen, war es für sie natürlich schwer nachzuvollziehen, dass ich trotzdem voll für den Verlag da war und auch meine sonstigen Aufgaben, etwa beim Börsenverein, nicht vernachlässigt habe.

Wer war der erste Leser?
Mein Freund Martin Spencker vom Thieme Verlag.

Wann wussten Sie, dass Sie etwas Passables abgeliefert haben?
Als sich Verlegerkollege Klaus G. Saur, lange in der Historischen Kommission des Börsenvereins, bei mir gemeldet hat – und das Buch für gut befand.

Sie haben sich ausführlich mit der Verlags- und Familiengeschichte befasst. Gab es eine besondere Erkenntnis?
Ich nehme Dinge jetzt anders wahr. Das mag ein bisschen kindisch klingen, aber wir sind zum Beispiel zu Eduard Lucas, dem Mann für den Obstbau und ein wichtiger Autor bei uns, auf den Friedhof nach Reutlingen gefahren, um sein Ehrengrab zu besuchen. Wir standen mit den Kindern bedächtig vor seinem Grab und die Mädchen fragten: "Ist das einer von unserer Familie?" Ich sagte dann ganz ehrfurchtsvoll: "Nein, nein, das ist ein Autor aus unserem Verlag."

Sie dürfen jetzt für Ihr Buch die Werbetrommel rühren. Warum sollte man es lesen?
Beispielsweise, weil es unsere Nervosität in der Branche relativieren kann. Nehmen wir die Bücherkrise von 1926. Nach dem ersten Weltkrieg gab es einen Medienwandel, das Kino kam auf, Schriftsteller von Übersee wie Upton Sinclair, Dos Passos oder Jack London waren auf einmal sehr beliebt und veränderten den deutschen Markt. Deutsche Autoren waren weniger gefragt, es fand eine vollkommene Entwertung der Backlist statt. Die deutschen Verlage reagierten mit einer Novitätenflut und das Sortiment in den Buchhandlungen änderte sich völlig. Auch über die Bücherpreise wurde heftig diskutiert. Themen, die zum großen Teil identisch sind mit dem, was wir heute erleben. Ich meine, wir sehen dadurch klarer, dass unsere Zeit und unser Tun auch nur eine Passage in der Geschichte ist.

Wenn Ihnen das Schreiben so viel Spaß gemacht hat – wann können wir mit Ihrem nächsten Buch rechnen?
Ich hätte noch genug Stoff und Ideen für mehrere Bücher. Aber meine Frau meint, es reicht jetzt. Daran werde ich mich erst einmal halten (lacht).

Und wenn doch nicht?
Dann würde ich gern dafür sorgen, dass es eine historische Edition der Werke von Fritz Möhrlin gibt. Er hat 200 großartige Artikel im "Wochenblatt" und acht Bücher bei uns geschrieben, zum Leben und zu den Aufgaben von Landwirten. Dazu würde ich eine kritische Einführung zur Geschichte des Dorfromans schreiben, ein sehr interessantes Setting, an dem ich gern weiterarbeiten würde.

Was machen Sie mit Ihrer zurückgewonnenen Freizeit?
Dschungelcamp gucken, zum Beispiel (lacht). Da kann man sich doch königlich amüsieren, wenn man abends nichts anderes zu tun hat.

Medienbauer

In seinem Buch (792 S., 50 Euro) beschreibt Matthias Ulmer die Geschichte des Ulmer Verlags von 1868 bis 2018 – eingebettet in politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen. Die Geschichte des Buchhandels wird ebenso beschrieben wie die des Naturschutzes und der Fachzeitschriften von den Anfängen bis heute. Auch die Digitalisierung ist ein zentrales Thema.

Ulmers Arbeit in Zahlen:

  • 5.518 Stunden Lektüre, Recherche, Schreiben und Korrigieren
  • 2.100 Post-its
  • 1.282 Flaschen Rotwein
  • 83 Sicherungskopien
  • 57 Bleistifte 2B
  • 1 Datenstick

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