Gemeinsame Studie von Hanser Fachbuch und Medienmanagement-Studenten

Das klassische Lehrbuch - ein Medium mit Zukunft?

Der Frage, welche Zukunft das klassische Lehrbuch noch hat, sind Medienmanagement-Studenten der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover während eines Semester-Forschungsprojekts gemeinsam mit dem Hanser Fachbuch nachgegangen. Die Ergebnisse des Projekts wurden kürzlich bei Hanser in München präsentiert und diskutiert.

Pause zwischen zwei Seminaren: Sich schlau machen oder sich ablenken?

Pause zwischen zwei Seminaren: Sich schlau machen oder sich ablenken? © Maksim meljov / Fotolia

Antworten auf die Frage sollten das Lernverhalten von Lehrenden und Lernenden liefern. Die Studierenden führten seit Oktober 2018 mehrere Studien durch und nutzten unterschiedliche Methoden, um Daten zu sammeln:

  • In Studie 1 wurden Leitfadeninterviews mit Studierenden geführt, um ihr Lernverhalten zu explorieren.
  • In Studie 2 wurde eine Online-Befragung mit 159 Studierenden durchgeführt, um das Lernverhalten und die zum Lernen genutzten Materialien & Medien zu erfassen.
  • In Studie 3 wurden Leitfadeninterviews mit Dozierenden geführt, um die Anforderungen der Dozierenden an Lernmaterialien zu explorieren.

Aus der Analyse der gesammelten Daten erstellten die Studenten Handlungsempfehlungen für den Hanser Fachbuchverlag.

Vielfältiges Lernverhalten

Die Ergebnisse der Studierenden zeigen, dass das Lernverhalten von Studierenden sehr vielfältig ist. So zeigt Studie 2 beispielsweise unterschiedliche Lernverhaltensweisen von Studierenden:

  • Hands-On-Lernen: Lernverhalten, bei dem Übungsaufgaben genutzt werden
  • Persönliches Lernen: Lernverhalten, bei dem die Studierenden mit Freunden über Lerninhalte sprechen und in heimischer Atmosphäre lernen.
  • Sprechen und hören: Lernverhalten, bei dem Studierende Lerninhalte laut vor sich hinsprechen oder sich Audiodateien anhören, um Lerninhalte zu verinnerlichen.
  • Sprechen, nicht schreiben: Lernverhalten, bei dem Lerninhalte laut vor sich hingesprochen werden. Inhalte aufzuschreiben wird hingegen wenig genutzt.
  • Ruhiges Lesen: Lernverhalten, bei dem Studierende in ruhiger Atmosphäre Inhalte lesen, um sie zu verinnerlichen. Die Texte können auch länger sein und werden trotzdem genutzt.
  • Konzentriertes Reflektieren: Lernverhalten, bei dem Studierende höchst konzentriert, jegliche Ablenkung vermeiden, um Inhalte genau zu durchdenken und zu verinnerlichen.
  • Diskutieren und durchdringen: Lernverhalten, bei dem Inhalte durch Diskussion verinnerlicht werden.

Als Lernmaterialien wurden Audio & Video, E-Books (in PDF-Form), klassische Lehrbücher, Skripte, Rollenspiele und Diskussionsrunden angegeben. Beim Verhältnis digitales/analoges Lernen zeigte sich, dass Studierende meist eine Kombination aus digitalem und analogem Lernen nutzen.

Unterschiedliche Lerntypen

Studie 2 wurde genutzt, um mit Hilfe statistischer Verfahren unterschiedliche Lerntypen innerhalb der gesammelten Daten zu identifizieren. Befragte, die sich in ihrem Lernverhalten sowie den zum Lernen genutzten Materialien und Medien ähnelten, wurden zu einem Lerntyp zusammengefasst.

  • Lerntyp 1: Die Diskutierfreudigen Klassiker (20 Prozent der Stichprobe)
    Die diskutierfreudigen Klassiker bevorzugen es mit anderen Personen zu sprechen oder zu diskutieren, um Lerninhalte zu durchdringen und zu verinnerlichen. Sie brauchen zum Lernen keine Ruhe, sondern lieben die laute Diskussion. Inhalte, die in einer Diskussion thematisiert wurden, können sie sich besser merken.

    Die diskutierfreudigen Klassiker nutzen sehr häufig analoge Lehrbücher oder Zusammenfassungen. Auf Videos und E-Books verzichten sie hingegen meist. Passend zur großen Diskutierfreude nutzt dieser Lerntyp besonders häufig digitale Diskussionsforen.
  • Lerntyp 2: Die konzentrierten Audiovisuellen (43 Prozent der Stichprobe)
    Die konzentrierten Audiovisuellen nutzen gerne Übungsaufgaben und wenden Inhalte beim Lernen an. Außerdem lernen sie gerne zu Hause und schirmen sich von jeglicher Ablenkung ab. Sie sind beim Lernen höchst konzentriert und durchdringen Lerninhalte am besten bei vollkommener Ruhe.

    Zum Lernen nutzen sie Video- und Audiodateien sowie Zusammenfassungen. Diskussionsrunden meiden Sie hingegen. Digitales Lernen (z.B. Apps) sieht dieser Lerntyp noch kritisch, er setzt lieber auf altbewährte Methoden. Passend zu diesem Verhalten sind die konzentrierten Audiovisuellen auch nicht bereit, für digitale Lerninhalte zu zahlen. Digital suchen sie meist nur nach kostenlosen Inhalten.
  • Lerntyp 3: Die "Lesen, Sprechen, Hören" (22 Prozent der Stichprobe)
    Dieser Lerntyp spricht Lerninhalte gern laut vor sich hin und nutzt Audiodateien, um Lerninhalte zu vertiefen. Übungsaufgaben sind hingegen gar nicht sein Fall. Dieser Lerntyp lernt lieber allein und hat seine Ruhe beim Lernen. Im Gegensatz zum analogen Lehrbuch setzt der Lerntyp auf E-Books.

    Personen dieses Lerntyps sind bereit, für digitale Lernangebote zu zahlen. Sie würden für ein klassisches Lehrbuch, das auf digitale Lerninhalte verweist, außerdem mehr zahlen als für ein klassisches Lehrbuch.
  • Lerntyp 4: Die audiovisuellen Digitalen (16 Prozent der Stichprobe)
    Die audiovisuellen Digitalen sprechen gern beim Lernen vor sich hin oder nutzen Übungsaufgaben. Audio- und Videodateien sowie digitale Diskussionsforen sind sehr beliebt. Allgemein werden digitale Lernangebote äußerst häufig genutzt und der Lerntyp wünscht sich noch mehr digitale Lernangebote. Das klassische Lehrbuch wird von diesem Typ meist nur genutzt, wenn es digitale Zusatzangebote (z.B. Gratis E-Book) gibt. Dieser Lerntyp ist hochgradig bereit, Geld für digitale Lerninhalte auszugeben.


Sonstige relevante Erkenntnisse

  • Die Empfehlungen von Dozierenden sind für Studierende sehr wichtig. Sie vertrauen auf Lernmaterialien, die von den Dozierenden empfohlen werden. Da sie sich beim Lernen sicher sein wollen, dass das Gelernte Teil der Prüfungen wird, nutzen Sie oft Materialien, die von den Dozierenden zur Verfügung gestellt werden (zum Beispiel Skripte und Zusammenfassungen).
  • Studierende merken an, dass Sie sich oft der Qualität von kostenlosen Online-Inhalten nicht sicher sind. Zwar sind diese Lernmaterialien einfach und kostenlos zu beschaffen, oft besteht aber die Befürchtung, dass diese Lernmaterialien nicht hochwertig sind.


Erkenntnisse aus den Leitfadeninterviews mit Dozierenden

  • Einige Dozierende merkten an, dass sie immer wieder das Problem haben, dass Studierende nur kostenlose Online-Inhalte nutzen wollen und nicht bereit sind, für Lernmaterialien zu bezahlen.
  • Auch Dozierende würden gezielt dafür sorgen, dass Studierende nicht qualitativ fragwürdige Online-Inhalte (kostenlos) nutzen, sondern qualitative Online-Inhalte.
  • Dozierende sehen das klassische Lehrbuch immer noch als stark an, sind aber der Meinung, dass es durch digitale Angebote erweitert werden muss. Einige gaben an, sie würden qualitative (digitale) Angebote gern an Studierende weiterempfehlen.


Fazit der Studien

  • Viele Studierende (besonders klassische Lerntypen) nutzen noch das klassische Lehrbuch. Allerdings muss das klassische Lehrbuch immer mehr mit digitalen – oft kostenlosen Inhalten – konkurrieren. Studierende sind sich aber bewusst, dass kostenlose Inhalte im Internet oft nicht hochwertig sind und würden für qualitative Lerninhalte mehr oder weniger (je nach Lerntyp) Geld ausgeben.
  • Mittlerweile wollen Studierende immer mehr eine Verknüpfung aus digitalen und analogen Lernmaterialien. Meist nutzen sie diese Materialien, wenn sie ihnen von Dozierenden oder Bekannten empfohlen wurden.
  • Das Lernverhalten von Studierenden ist vielfältig (siehe verschiedene Lerntypen). In digitalen Zusatzangeboten könnte die Chance für Hanser Fachbuch liegen, die unterschiedlichen Lerntypen individuell anzusprechen.
  • Während es in einem klassischen Lehrbuch schwer ist, den verschiedenen Bedürfnissen und Ansprüchen der Studierenden gerecht zu werden, ist es digital möglich, vielfältige Bedürfnisse (Audio- und Video-Dateien oder Diskussionsforen) zu befriedigen.

Zum Projekt

26 Studierende des Studiengangs Medienmanagement am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK) der Universität Hannover haben innerhalb des Seminars "Get Digital Now! Digitalisierung im Verlagswesen" ein Semester lang zu der Frage "Ist das klassische Lehrbuch noch zeitgemäß?"  geforscht. Das Forschungsprojekt ist in einer Kooperation mit dem IJK und dem Hanser Fachbuch entstanden. Betreut wurde die Kooperation von Jule Scheper (IJK) und Sebastian Zahn (Hanser Fachbuch).

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1 Kommentar/e

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  • Jörg Geske

    Jörg Geske

    Endlich melden sich mal die hauptsächlich Betroffenen zu Wort. Darauf warte ich schon lange. Schließlich sind Lehrbücher ja für Lernende, egal welcher Stufe, gedacht.

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