Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller über den Deutschen Sachbuchpreis

"Wir schließen damit eine Lücke"

Der Börsenverein wird am 16. Juni 2020 zum ersten Mal einen Deutschen Sachbuchpreis vergeben – als Pendant zum Deutschen Buchpreis. Vorsteher Heinrich Riethmüller über Geburt und Finanzierung des Projekts. FRAGEN: SABINE CRONAU

Heinrich Riethmüller

Heinrich Riethmüller © Claus Setzer

Warum braucht die Branche einen Deutschen Sachbuchpreis?

Sachbücher stoßen gesellschaftliche Debatten an, führen sie weiter und sind meinungsbildend. Deshalb tut die Branche gut daran, sich besonders für sie einzusetzen. Nicht zu vergessen: Sachbücher haben gerade einen guten Lauf. Der Markt hat im vergangenen Jahr Umsatzzuwächse verzeichnet und entwickelt sich auch 2019 sehr erfreulich. Da ist es schön, wenn wir der Warengruppe durch einen solchen Preis noch mehr Aufmerksamkeit schenken und ein Pendant zum literarisch orientierten Deutschen Buchpreis schaffen können. Einen großen, hochdotierten und öffentlichkeitswirksamen Sachbuchpreis der deutschsprachigen Buchbranche gibt es bisher noch nicht, wir schließen damit eine Lücke.

Erste Pläne für das Projekt gab es schon vor einigen Jahren. Warum war der Weg ins Ziel relativ weit?

Ein solches Projekt hat einfach einen hohen Abstimmungsbedarf und braucht ein fundiertes Konzept, das Hand und Fuß hat. So etwas schüttelt man nicht mal schnell aus dem Ärmel. Insbesondere die Finanzierung muss gesichert sein. Wir freuen uns, dass wir mit der Deutsche Bank Stiftung den passenden Förderer dafür gefunden haben.

Die Deutsche Bank Stiftung ist bereits Sponsor des Deutschen Buchpreises – und fördert jetzt auch noch den Sachbuchpreis. Staunen Sie selbst manchmal darüber, dass das Buch für andere so ein attraktiver Imageträger ist?

Mich verwundert das nicht, denn ich weiß, dass das Buch nach wie vor eine große Rolle in der Gesellschaft spielt. Und als Buchhändler bin ich selbstbewusst genug, um das auch immer wieder zu betonen. Es freut mich natürlich, dass andere das offenbar genauso sehen.

Ist es ein Vorteil, dass die Deutsche Bank Stiftung nun beide Preise unterstützt? Oder sorgt das auch für Abhängigkeiten?

Aus meiner Sicht ist das ein klarer Vorteil, denn wir haben für das neue Projekt einen Partner gefunden, mit dem wir schon seit vielen Jahren vertrauensvoll zusammenarbeiten. Das erleichtert die Sache ungemein und zeigt darüber hinaus, dass die Deutsche Bank Stiftung mit dem Deutschen Buchpreis sehr zufrieden ist. Außerdem ist es uns gelungen, mit der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss noch einen weiteren hochkarätigen Partner von außen für den Deutschen Sachbuchpreis zu gewinnen. Das Humboldt Forum eröffnet Ende 2019 als neues Zentrum für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Bildung im Herzen von Berlin und ist ebenfalls ein idealer Partner für uns.

Es gibt noch einen zweiten neuen Sachbuchpreis, ausgelobt von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt. Gab es keine Möglichkeit, die Kräfte zu bündeln?

Der Börsenverein unterstützt den Preis der WBG, wir sehen ihn nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung. Beide Auszeichnungen können sich gegenseitig befruchten. Zudem ist die Ausrichtung der Preise sehr unterschiedlich. Während der Sachbuchpreis der WBG geisteswissenschaftlich orientiert ist, loben wir einen dezidiert zeitgeschichtlichen Preis aus. Der Deutsche Sachbuchpreis soll Titel prämieren, die einen Bezug zur Jetztzeit haben und idealerweise aktuelle gesellschaftliche Debatten anstoßen, aufgreifen, weiterführen.

Warum gibt es, anders als beim Deutschen Buchpreis, diesen klaren Bezug zur Zeitgeschichte, der den Kreis der preiswürdigen Titel ja auch eingrenzt?

Weil wir mit unserer Branche für Meinungsfreiheit, für Meinungsbildungsprozesse und Debattenkultur stehen. Wir haben den Anspruch, ein wichtiger Transmissionsriemen für gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu sein. Der Deutsche Sachbuchpreis soll das Gespräch über die drängenden Themen unserer Zeit begleiten und im Idealfall in Gang setzen. Thematisch ist dabei alles möglich, von Politik und Gesellschaft über Ökologie, Ernährung oder Physik bis hin zu Sport und Unterhaltung.

Lässt sich das Projekt allein mit Fördergeldern finanzieren? Oder muss der Börsenverein zuschießen?

Nein, der Preis finanziert sich selbst durch die Förderer und Sponsoren. Zu den Geldgebern gehört auch unsere Wirtschaftstochter MVB.

Akademie, jährliche wechselnde Jury: Der Sachbuchpreis ist ganz klar als Pendant zum Deutschen Buchpreis konzipiert. Mit einem Unterschied: Es gibt keine Long- und Shortlist, sondern nur eine einzige Nominierungsliste mit acht Titeln. Warum?

Sachbücher benötigen eine andere Art der Vermittlung als Romane. Wir wollen auch und gerade die Themen der nominierten Titel in die Diskussion bringen. Mit acht Sachbüchern, die zwei Monate lang im Fokus stehen, können wir eine gute Bandbreite an Themen transportieren.

Was hat der Buchhandel vom Deutschen Sachbuchpreis?

Gemeinsam kann die Branche die Aufmerksamkeit der Leser auf das Sachbuch und die relevanten Themen lenken. Wir möchten die Buchhandlungen als aktive Vermittler des Preises gewinnen. Dafür stellen wir entsprechendes Material zur Verfügung, etwa Werbemittel zum Preis, zur Nominierungsliste, zum Preisträger. Sachbücher werden rund um die Preisvergabe hoffentlich auch in den Medien eine große Rolle spielen und für Nachfrage im Handel sorgen - ähnlich wie es beim Deutschen Buchpreis ja wunderbar funktioniert.

Die erste Preisverleihung soll am 16. Juni im Berliner Humboldt Forum über die Bühne gehen. Will der Börsenverein mit der Terminwahl auch das Sommerloch im Buchhandel etwas schließen?

Wir haben in der Tat lange überlegt, welcher Termin der richtige für die Preisvergabe ist. Die beiden Buchmessen in Frankfurt und Leipzig sind schon dicht mit Preisen besetzt und bekommen ohnehin viel mediale Aufmerksamkeit. Wir haben uns deshalb für den Juni-Termin entschieden, der in den Buchtage-Zeitraum fällt. Schließlich soll die Branche den neuen Preis ja gemeinsam feiern können. 

Was wünschen Sie sich im Vorfeld der Premiere von den Kollegen im Buchhandel und den Verlagen?

Dass sie den Deutschen Sachbuchpreis genauso gut annehmen wie den Deutschen Buchpreis – und die nominierten Titel im Handel großzügig präsentieren. Ich habe in den vergangenen Monaten mit vielen Kollegen gesprochen und dabei oft gehört: „Super, dass dieser Preis jetzt kommt. Darauf haben wir schon lange gewartet.“ Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass die Branche voll und ganz hinter dem neuen Preis steht. Und dass die Auszeichnung so erfolgreich wird, wie wir es uns erhoffen. 

Detaillierte Informationen zum neuen Preis, zum Zeitplan und zur Bewerbung gibt es hier auf boersenblatt.net - und unter www.deutscher-sachbuchpreis.de

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