Buchtage Berlin: Eröffnungsrede von Heinrich Riethmüller

"Wir müssen dorthin, wo sich unsere Kunden bewegen"

Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, hat die Buchtage Berlin eröffnet – und in seiner Rede die Konsequenzen beschrieben, die Buchhandlungen und Verlage aus der vor einem Jahr veröffentlichten Studie "Buchkäufer – quo vadis?" gezogen haben. Seine Rede im Wortlaut:

Heinrich Riethmüller

Heinrich Riethmüller © Tobias Bohm

"Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich begrüße Sie ganz herzlich zu den Buchtagen Berlin 2019. Jedes Jahr kommen wir im Juni hier zusammen, um die Arbeit des Verbands mitzubestimmen und zu gestalten und um Impulse für die eigene Arbeit in den Verlagen und Buchhandlungen mitzunehmen. Bereits seit gestern tagen der Branchennachwuchs und die IG Digital. Ich freue mich auf zwei weitere spannende Tage, die jeden individuell und uns als Branche zusammen weiterbringen.

Als vor drei Wochen alle Computersysteme bei uns in der Buchhandlung zusammenbrachen, war ich sprachlos. Von einem Moment auf den anderen ging gar nichts mehr, wofür wir in irgendeiner Form Internet benötigten. Onlineshop, Warenwirtschaft, E-Mail-Server, Buchungssysteme – ich konnte es nicht glauben: alles lahmgelegt. Nach dem Schock kam die Erkenntnis mit voller Wucht: Die bisher feste Gewissheit, alles im Griff zu haben, war trügerisch, sie stimmte einfach nicht. Ein Ereignis wie ein Hacker-Angriff wirft von einem Tag auf den anderen alles über den Haufen. Ich wünsche diese Erfahrung niemandem, aber im Nachhinein habe ich viel daraus gelernt. Wir – meine Mitinhaber, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – alle haben zusammengearbeitet, Zusatzschichten gefahren, Urlaube verschoben. Wir sind über uns hinausgewachsen. Und wir sind inzwischen dabei, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen, das Gröbste ist geschafft. Und das Ganze hat mein Bewusstsein verändert: Es ist nicht nur die Einsicht, dass auf nichts, nicht mal die Technik, Verlass ist. Sondern auch, dass ich, gemeinsam mit meinem tollen Team, auch extreme Situationen meistern kann.

Das Bewusstsein eines Menschen zu verändern, ist schwierig. Der Kopf ist träge, wir mögen unsere eingeübten Denkmuster und Gewohnheiten, sie vermitteln uns Sicherheit und Stabilität. Komfortzone – gefällt mir! Aber manchmal gibt es einen Knall, einen Schock. Etwas bricht zusammen, zerfällt, und wir müssen neu denken. Oder wir begegnen einem eindrucksvollen Menschen, dessen Ideen uns begeistern. Wir betrachten ein Bild, sehen einen Film oder lesen ein Buch, das uns aufrüttelt. Und manchmal wird aus dem Nachdenken eine tiefe Beschäftigung und es kommt zu einer langsamen Veränderung unseres Denkens.

Ein Gefühl der Schockstarre hatten Sie sicher alle am 14. Februar, als Sie die Nachricht hörten, KNV sei insolvent. Der größte Buchlogistiker, ein Unternehmen, mit dem so gut wie jeder aus der Branche in irgendeiner Art zusammenarbeitet, konnte plötzlich nicht mehr zahlen. Was ist mit meinen offenen Rechnungen aus dem Weihnachtsgeschäft? Kann ich meine Kunden weiterhin zuverlässig mit Büchern versorgen? Diese und andere Fragen schossen uns durch den Kopf.

Wenn Gewissheiten wegbrechen, wird es schwierig und unbequem. Und es drängt uns zu Entscheidungen und zum Handeln. In den Wochen, die auf den Insolvenzantrag von KNV folgten, habe ich eindrucksvoll gesehen, wie solidarisch unsere Branche ist, wie sehr wir – trotz aller berechtigten wirtschaftlichen Eigeninteressen – an einem Strang ziehen. Nicht zuletzt wegen der großen Kooperationsbereitschaft von Ihnen allen und Ihrer Entscheidung für eine solidarische und starke Branche ist die Restrukturierung von KNV auf einem guten Weg. Wir sind optimistisch, dass der Insolvenzverwalter zukunftsfähige Lösungen präsentieren wird.

Ich denke aber auch an die Situation vor genau einem Jahr: An dieser Stelle haben wir Ihnen im vergangenen Juni die Studie 'Buchkäufer – quo vadis?' vorgestellt. 6 Millionen Buchkäuferinnen und Buchkäufer sind innerhalb von fünf Jahren verloren gegangen, weniger als die Hälfte der Deutschen kaufen noch Bücher. Und die befragten Buchabwanderer bescheinigten uns, dass wir sie mit unseren Angeboten und unserer Ansprache nicht mehr erreichen. Das saß. Angekratzt die über Jahre und Jahrzehnte gehegte Überzeugung, dass wir schon alles richtig machen. Die Medien vermeldeten darüber hinaus die vermeintlich düstere Botschaft. Die sogenannte 'Käuferschwundstudie' war in aller Munde. Einige haben diese Berichterstattung kritisch gesehen. Die Angst kam auf, sowohl wir als auch die Medien wollten die Krise heraufbeschwören. Aber die Krise war ja da und es war wichtig, ihr ins Auge zu sehen. Es hat auch mich selbst gezwungen, aus meiner Komfortzone herauszukommen und mich zu fragen: Was können wir in unseren Geschäften noch besser machen, wann ging der Kontakt zu manchen Kunden verloren?

Aber wo stehen wir heute, ein Jahr später? Die Studie hat Bewegung ausgelöst: Verlage und Buchhandlungen, wir alle, haben uns so intensiv mit unseren Kundinnen und Kunden auseinandergesetzt wie wohl nie zuvor. Wir haben verstanden, dass wir die Menschen mit unseren Maßnahmen nicht mehr erreichen. Und wir haben angefangen, Lösungen zu entwickeln: Buchhandlungen haben ihre Läden umgestaltet, neue Veranstaltungsformate aufgesetzt oder etwa über Instagram zu gemeinsamen Lesezeiten aufgerufen. Verlage haben ihre Zielgruppen durchleuchtet, neue Erzählformate ausprobiert, ihr Marketing angepasst. Das letzte Jahr hat den besagten Bewusstseinswandel eingeläutet. Wir müssen zu unseren Kunden, dorthin, wo sie sich bewegen. Dort müssen wir in ihnen wieder die Sehnsucht nach dem Lesen und die Begeisterung für Bücher entfachen. Die jüngste Marktentwicklung legt nahe, dass wir damit auch bei etlichen Menschen etwas bewegt haben. 300.000 Käuferinnen und Käufer konnten wir im letzten Jahr zurückgewinnen – und das vor allem bei den 20- bis 49-Jährigen. In den Altersgruppen, in denen wir zuvor die meisten Leserinnen und Leser verloren haben. Der Branchenumsatz ist seither steigend. Machen wir weiter so!

Der heutige Tag kann ein weiterer Mosaikstein in dieser Entwicklung sein. 'Und morgen das Buch?' Mit dieser Frage ist dieser Kongresstag überschrieben. Experten aus Wissenschaft und Marketing und zwei Autorinnen geben Ihnen Impulse dazu, was Lesen bewirken kann, wie wir Leserinnen und Leser erreichen und was die Rolle von Autorinnen, Autoren und der gesamten Buchbranche in unserer Zeit sein kann. Nutzen Sie den Tag und lassen Sie sich inspirieren.

Anregungen für eine Veränderung des Denkens geben auch die Trägerinnen und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. In diesem Jahr habe ich wieder die Ehre, Ihnen zum Auftakt der Buchtage Berlin zu verkünden, wer in diesem Jahr den Friedenspreis erhält. Es ist in diesem Jahr eine Persönlichkeit, die einen wichtigen Beitrag zu einer äußerst drängenden Thematik leistet – einem Thema, bei dem ein Bewusstseinswandel dringend erforderlich ist.

Wir zeichnen am 20. Oktober in der Paulskirche einen Mann aus, dem es gelingt, uns die Schönheit und gleichzeitig Zerbrechlichkeit unseres natürlichen Lebensraums zu zeigen. Der den Raubbau an der Natur ebenso dokumentiert wie ihre faszinierende Unberührtheit. Und der uns damit zeigt, wie schützenswert unsere Erde ist. Es ist ein Mann, der gleichzeitig den Menschen in den Fokus nimmt. Der an die schlimmsten Orte der Welt reist, um Zeuge von Vertreibung, Leid, Hunger und Tod zu werden. Und der uns all das im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen hält.

Meine Damen und Herren, ich spanne Sie nicht länger auf die Folter. Der Mann, den der Stiftungsrat in diesem Jahr zum Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels gewählt hat, ist der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado.

© Tobias Bohm

Laut seiner Begründung zeichnet der Stiftungsrat 'mit ihm einen Bildkünstler aus, der mit seinen Fotografien soziale Gerechtigkeit und Frieden fordert und der weltweit geführten Debatte um Natur- und Klimaschutz Dringlichkeit verleiht. Zugleich hat Sebastião Salgado mit seinem 'Instituto Terra' eine Einrichtung geschaffen, die einen direkten Beitrag zur Wiederbelebung von Biodiversität und Ökosystemen leistet.

Mit seinem fotografischen Werk, das in zahlreichen Ausstellungen und Büchern veröffentlicht ist, nimmt er die durch Kriege oder Klimakatastrophen entwurzelten Menschen genauso in den Fokus wie jene, die traditionell in ihrer natürlichen Umwelt verwurzelt sind. Dadurch gelingt es Sebastião Salgado, Menschen weltweit für das Schicksal von Arbeitern und Migranten und für die Lebensbedingungen indigener Völker zu sensibilisieren.

Indem der Fotograf seine aufrüttelnden, konsequent in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder als 'Hommage an die Größe der Natur' beschreibt und die geschändete Erde ebenso sichtbar macht wie ihre fragile Schönheit, gibt Sebastião Salgado uns die Chance, die Erde als das zu begreifen, was sie ist: als einen Lebensraum, der uns nicht allein gehört und den es unbedingt zu bewahren gilt.'

Ich freue mich und bin stolz, dass wir in diesem Jahr Sebastião Salgado ehren dürfen. Wir als Buchhandlungen und Verlage können mithelfen, das Werk solcher engagierter Menschen zu verbreiten, die Diskussion über ihre Anliegen anzuregen und ihre Botschaften bis in die Kapillaren der Gesellschaft zu tragen. Wir können viele Menschen erreichen, einige zum Nachdenken bringen – und beim einen oder anderen ein Umdenken herbeiführen, einen Bewusstseinswandel.

Unsere Erde, unsere Gesellschaft, unsere Branche sind das, was wir aus ihr machen – nehmen wir es in die Hand!"

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1 Kommentar/e

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  • Dorothea Thomé

    Dorothea Thomé

    Ja, wir müssen aus unseren Erfahrungen lernen. Das heißt auch, dass wir lernen, dass die Drei-Monate-Zahlungspause (bei Insolvenzen) richtig schlimme Auswirkungen hat. Wie wäre es mit einem Monat????

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