Buchtage Berlin: Jahresbericht des Börsenvereins

"Mehr Veränderung war nie"

Vorsteher und Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins berichteten der Hauptversammlung von den Arbeitsschwerpunkten des vergangenen Verbandsjahres. Was beide, Heinrich Riethmüller wie Alexander Skipis gleichermaßen betonten: Mehr Veränderung war nie. Das zeigten auch die weiteren Vorstandsberichte aus Fachausschüssen und Landesverbänden.

Teilnehmer bei der Hauptversammlung

Teilnehmer bei der Hauptversammlung © Tobias Bohm

Der Tübinger Buchhändler Heinrich Riethmüller ließ unter dem Stichwort Veränderung die wichtigsten Nachrichten der letzten Monate Revue passieren: Die Fusion der Buchhandelsunternehmen Thalia und Mayersche; die Insolvenz des Zwischenbuchhändlers KNV; die am Ende geglückte Reform des EU-Urheberrechts.

Wirtschaftlich habe sich die Lage der Branche 2018 stabil entwickelt, in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres könnten sich die Unternehmen sogar um eine gut vierprozentige Umsatzsteigerung freuen. "Zuversicht macht sich breit", stellte der Geschäftsführer der Osianderschen Buchhandlung fest. Man beobachte "einen Trend zu bewusstem Einkauf jenseits von Amazon".

Heinrich Riethmüller

Heinrich Riethmüller © Tobias Bohm

Der Branche komme eine wachsende Suche "nach verlässlichen, gesicherten Informationen" zugute. Ebenso lasse sich eine "Sehnsucht nach Entschleunigung und persönlichem Austausch" beobachten − Entwicklungen, die dem Buch und dem Buchhandel entgegenkommen.

Aber der Vorsteher machte auch auf ein Thema aufmerksam, bei dem er in der Branche noch viel Luft nach oben sieht: das nachhaltige, klimaneutrale Produzieren und Handeln mit Büchern. Es reiche nicht aus, sich zu diesen Zielen zu bekennen, "wir müssen auch überzeugend handeln", forderte Riethmüller. Dies sei ein Anspruch von immer mehr umweltbewussten Käufern, dem sich die Branche zu stellen habe. "Wir müssen auch in unserer Logistik effizientere Strukturen finden."

Alexander Skipis

Alexander Skipis © Tobias Bohm

Das Stichwort "Veränderung" stand auch im Zentrum des Berichts von Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis. Auf dem Gebiet des Urheberrechts, in der politischen Arbeit des Börsenvereins seit Jahrzehnten "das Thema schlechthin", habe man mit der Verabschiedung der EU-Urheberrichtslinie einen wichtigen Erfolg erzielt. "Diese Richtlinie ist nun die Ermächtigungsgrundlage für eine Verlagsbeteiligung an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften", erläuterte Skipis. Er rechne mit einer zügigen Umsetzung seitens der Bundesregierung in nationales Recht.

Langfristig schätzt der Hauptgeschäftsführer, selbst Jurist, dass die andauernden Abwehrkämpfe der Buchbranche gegen immer mehr urheberrechtliche Schranken eher schwieriger als einfacher werden könnten. Treiber der Entwicklung seien immer neue, umfassendere Ansprüche der digitalen Gesellschaft an den freien Zugang zu Inhalten. "Deshalb brauchen wir langfristig einen Plan B im Urheberrecht."

Zu den Erfolgen der Lobbyarbeit im letzten Jahr zählte Skipis auch den reduzierten Mehrwertsteuersatz auf elektronische Verlagsprodukte, zu dessen nationaler Umsetzung jetzt ein Entwurf des Finanzministeriums vorliege. Skipis geht davon aus, dass die reduzierte Mehrwertsteuer noch in diesem Jahr kommen werde.

Erfreulich in der Lobby-Bilanz des Börsenvereins sei auch die Einrichtung des Deutschen Verlagspreises, der 2019 erstmals von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters vergeben wird.  "Mit ihm und dem Deutschen Buchhandlungspreis haben wir nun eine angemessene Unterstützung durch die Bundesregierung", sagte Skipis. "Mehr als nur ein Preis" ist für ihn der ab 2020 jährlich zu vergebende Deutsche Sachbuchpreis. "Mit diesem Preis können wir besonders gut zeigen, dass unsere Branche einen wichtigen Beitrag zum Gelingen einer freien, demokratischen Gesellschaft leistet."

Mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters sei er in Gesprächen darüber, ob es sinnvoll sein kann, für die kommende Legislaturperiode ein Konzept für eine gesamthafte Literaturpolitik zu formulieren − zu deren Komponenten dann auch die Preise gehören würden.

Topthema Ökologie: Berichte aus den Fachausschüssen

Neu in diesem Jahr: Nicht nur Vorsteher und Hauptgeschäftsführer berichteten diesmal auf der Hauptversammlung von der Arbeit des Börsenvereins, sondern alle Mitglieder des Vorstands gaben Einblick in das, was den Verband aktuell beschäftigt, ob im Haupt- oder im Ehrenamt.

Christiane Schulz-Rother

Christiane Schulz-Rother © Tobias Bohm

Die Fachausschüsse setzen dabei die "spartenpolitische Klammer", wie es die Berliner Buchhändlerin Christiane Schulz-Rother (Tegeler Bücherstube) formulierte, als Vorsitzende des Sortimenter-Ausschusses im Vorstand vertreten.

Bei den Sortimentern ganz oben auf der Agenda:

  • Ökologie, denn nachhaltiger Buchhandel sei mehr als Folienverzicht, so Schulz-Rother. Es gehe auch um Transport, Herstellung, Energieverbrauch, Remissionen.
  • VLB-TIX: Das Vorschausystem müsse weiter ausgebaut werden, so Schulz-Rother: „Der SoA appelliert an die MVB, alle Ressourcen in Projekt zu bündeln.“
  • Leseförderung
  • Digitalisierung der Abrechnungsprozesse: „Der EAN-Code muss den BWA-Satz ablösen.“
  • Der Austausch mit anderen Buchhändlern auf internationale Ebene in der Interessenvertretung EIBF, etwa rund um das Thema Geoblocking.
Nadja Kneissler

Nadja Kneissler © Tobias Bohm

Was die Verleger derzeit in Atem hält, berichtete Nadja Kneissler (Delius Klasing), Vorsitzende des Verleger-Ausschusses:

  • Die Europäische Copyright-Richtlinie, die nun in nationales Recht umgesetzt werden muss. "Ich bin skeptisch, ob das ein reiner Spaziergang wird", so Kneissler, die damit rechnet, dass die Gegner der Richtlinie (Stichwort "Uploadfilter") erneut auf die Straße gehen werden: "Gerade sind wir in Brüssel ins Ziel gelaufen – doch in Berlin werden wir als VA bald wieder am Start stehen."
  • Übersetzernormvertrag: Die frisch getroffene Vereinbarung sei wichtig für die Verlage, so Kneissler, „weil wir den Schulterschluss mit unseren Urhebern, unseren Autoren und Übersetzern brauchen“
  • Umweltfreundliche Buchproduktion: Der Folienverzicht ist auch für die Verleger nur ein erster kleiner Schritt – und Nachhaltigkeit das drängendste Thema nach Urheberrecht und VLB-TIX: „Wir haben nicht nur eine kulturelle Verantwortung, sondern auch Verantwortung für unsere Erde,“ so Kneissler.
Stephan Schierke

Stephan Schierke © Tobias Bohm

Stephan Schierke, Vorsitzender des Ausschusses für den Zwischenbuchhandel ging kurz auf die KNV-Insolvenz ein ("Wir sind froh, dass wir da stehen, wo wir jetzt stehen") und legte weitere Themen der Branchenlogistiker nach:

  • Das neue Verpackungsgesetz lasse Bücher nicht ausnahmslos außen vor: "Bücher sind systembeteiligungspflichtig – immer dann, wenn man nur ein Stück verschickt." Mit entsprechenden Folgen für die Branche.
  • Die neue Logistikumfrage offenbart für Schierke Privatkundenstrukturen mitten im B2B-Geschäft: Mehr als die Hälfte aller Bestellpositionen bei den Verlagsauslieferungen würden nur ein einziges Exemplar umfassen (Details zur Logistikumfrage lesen Sie hier).
  • Den Ausbau von VLB-TIX will der Ausschuss weiter kritisch, aber konstruktiv begleiten.
  • Zum Thema Schutzfolie habe der Ausschuss keine einheitliche Meinung, "aber das Pendel schlägt eher in eine unpopuläre Richtung aus", wie Schierke berichtete: "Denn wir fürchten eher Schaden als Nutzen. Dennoch halten wir es für unsere Aufgabe, uns weit über die Folie hinaus mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen."
Helmut Stadeler

Helmut Stadeler © Tobias Bohm

Projekte und Themen auf Länderebene

Verleger Helmut Stadeler, aktuell als Sprecher der Landesverbände im Vorstand vertreten, brach in seinem Bericht eine Lanze für die föderale Struktur des Börsenvereins aus Bundesverband und Landesverbänden: "Dass vieles gut läuft, ist auch dieser Struktur zu verdanken", so Stadeler.

Er verwies beispielsweise auf die gemeinsame Roadshow zur KNV-Insolvenz, die durch die Landesverbände tourte. "Wichtig ist, dass nicht nur ein Hauptamt für uns tätig ist, sondern dass wir auch als Ehrenamt die Dinge vorantreiben." Den Mitgliedern ein Stück Heimat zu bieten, sie zum Mitmachen zu animieren, das gelinge den Landesverbänden.

Anja Bergmann

Anja Bergmann © Tobias Bohm

Anja Bergmann, Regionaldirektorin in NRW (wo es seit der Fusion mit dem Bundesverband keinen Landesverband, sondern eine Regionalgeschäftsstelle gibt), betonte, dass auch der Schwerpunkt ihrer Arbeit die Nähe zum Mitglied sei – mit elf Regionaltreffen in den vergangenen Monaten und vielen persönlichen Besuchen. Sie berichtete unter anderem vom Landesentscheid des 60. Vorlesewettbewerbs, bei dem das Regionalbüro die nordrhein-westfälische Staatskanzlei als Gastgeber gewinnen konnte – und von der traditionellen Azubi-Schifffahrt, die in diesem Jahr an Land geht, auf einem Indoor-Campingplatz in Bonn.

Was der Börsenverein alles macht, lässt sich auch im ausführlichen Jahresbericht nachlesen. Zum Download geht es hier.

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