Reportage

Amazons Märchenbuch in Berlin

Die Märchenbuchaktion der Stiftung Lesen zum Weltkindertag mit den Partnern Amazon, Thalia und Hugendubel hat im Vorfeld für Aufregung gesorgt. Erst in letzter Sekunde wurden alle anderen Buchhändler ins Boot geholt. Etwa 550 unabhängige Sortimenter haben sich beteiligt, darunter 22 in Berlin. Das Börsenblatt hat sich umgesehen. SABINE VAN ENDERT

Geschenkbuch zum Weltkindertag: Eine Märchenausgabe, verlegt von Amazon und im Buchhandel verteilt

Geschenkbuch zum Weltkindertag: Eine Märchenausgabe, verlegt von Amazon und im Buchhandel verteilt © Cordula Kache Giese

Weltkindertag am 20. September in Berlin, es gab ein großes, vom Kinderhilfswerk organisiertes Fest rund um den Potsdamer Platz – allerdings erst zwei Tage später, am 22. September. Viele Berliner Kinder waren an ihrem Ehrentag mit ihren Freunden oder mit ihren Eltern auf der  "Fridays for Future"-Demonstration. 270.000 sollen es nach Angaben der Aktivisten gewesen sein, die Polizei zählte 100.000. Und was ist mit Amazons Märchenbuch, das in einer Auflage von einer Million gedruckten Exemplaren an diesem Tag bundesweit und kostenlos an die Kinder gebracht werden sollte? Das lief wie geschnitten Brot. Schon am sehr frühen Vormittag gegen 10 Uhr war die gedruckte Fassung beim Versender nicht mehr lieferbar. Die zehn Berliner Hugendubel-Filialen waren dabei, dazu 16 Thalia-Filialen und 22 Unabhängige. 

Das Amazon-Verschenkbuch wartet auf Entdecker

Das Amazon-Verschenkbuch wartet auf Entdecker © Cordula Kache Giese

Der kleine Buchladen, im Karl-Liebknecht-Haus zwischen Rosa-Luxemburg-Saal und Europäische Linke beheimatet, konzentriert sein Kinderbuchprogramm auf das alte DDR-Kinderbuch, linke Theorie, Dienstleistungen für die linke Partei wie Büchertische und Rechnungsgeschäft bringen den Umsatz. 20 Bücher hat Inhaber Göran Schöfer geordert, „um nicht dumm dazustehen und an den nächsten Händler verweisen zu müssen“, so die Begründung des Buchhändlers. Großen Aufwand betreibt er nicht – die Bücher finden in einem Regal in Bodennähe Platz und warten auf Interessenten.

 „Es ist doch schön, dass der Buchhandel auch mal etwas verschenken kann“, soBuchhändler Kai Ulbricht bei Hugendubel

„Es ist doch schön, dass der Buchhandel auch mal etwas verschenken kann“, soBuchhändler Kai Ulbricht bei Hugendubel © Cordula Kache Giese

Insgesamt 17.000 Exemplare verteilt Hugendubel, 400 davon in der Berliner Filiale in der Schloßstraße im Berliner Bezirk Steglitz. Hier gibt es eine große Bücherpyramide mit Plakat – und reichlich Andrang. Schon vor Ladenöffnung hätten sieben Schnäppchenjäger vor der Tür gewartet, berichtet Filialleiter Kai Ulbricht. Er findet das blaue Buch mit dem goldenen, weihnachtlich anmutenden Schriftzug sehr ansprechend und auch in der Mischung von neuen und alten Märchen gelungen. Märchen würden einen besonders einfachen Einstieg ins Lesen und Vorlesen liefern, meint er. In der 1.460 Quadratmeter großen Buchhandlung trägt das Kinder- und Jugendbuch etwa 14 Prozent zum Umsatz bei. Ulbricht findet die Aktion perfekt: „Es ist doch schön, dass der Buchhandel auch mal etwas verschenken kann“, sagt er.

Kundin Regine Konrad mit neuem Vorlesestoff

Kundin Regine Konrad mit neuem Vorlesestoff © Cordula Kache Giese

Das sieht Martina Tittel von der Nicolaischen Buchhandlung in Berlin-Friedenau genauso. 40 Bücher hat sie geordert, die ganz individuell verschenkt werden sollen. Eines bekommt die Stammkundin und Kinderpsychologin Regina Konrad, die ihren kleinen Patienten gern mal Märchen vorliest, „wenn es zum Konflikt passt“. Dass hier am frühen Vormittag schon der dritte Kunde nach dem Buch fragt, der eigentlich bei Amazon bestellen wollte und die Nicolaische in der Liste der teilnehmenden Buchhandlungen gefunden hat, kommt nicht so gut an. Sieht man diese „Kunden“ wieder? Kommen die nur, weil Amazon etwas verschenkt? Das ist die große Frage.

Mandy Schimmler gibt in der Schmargendorfschen Buchhandlung das Verschenkbuch aus - damit es das Gratisbuch nicht nur bei den großen Buchhandlungen gibt

Mandy Schimmler gibt in der Schmargendorfschen Buchhandlung das Verschenkbuch aus - damit es das Gratisbuch nicht nur bei den großen Buchhandlungen gibt © Cordula Kache Giese

Das „Ich schenke Dir eine Geschichte“-Buch zum Welttag des Buches, personalisiertes Pixi, Weihnachtsgabe – die Schmargendorfer Buchhandlung ist gern dabei, wenn sie ihren Kunden etwas schenken kann. Im Vorfeld der Aktion habe sie sich geärgert, dass der unabhängige Buchhandel nicht einbezogen wurde, „und zwar nicht nur vom 'bösen Wolf', sondern eben auch von den Kolleginnen und Kollegen der großen Ketten“, sagt Mandy Schimmler. Mitgemacht hat Schimmler, die in der Schmargendorfschen das Kinder- und Jugendbuch verantwortet, um ihren Kunden zu zeigen, dass es das Buch nicht nur bei den Großen gibt. Sie wolle ein Zeichen setzen, dass man miteinander arbeite und nicht gegeneinander. Ihre 20 Exemplare verteilt sie – mit Buchhandelsaufkleber und Lesezeichen versehen – direkt an ihre kleinen Kunden. Und die spielen in der 180 Quadratmeter großen Buchhandlung in Schmargendorf, einem Ortsteil von Charlottenburg-Wilmersdorf mit nach wie vor kleinstädtischem Charakter, nicht nur am Weltkindertag eine Hauptrolle.

Susanne Sultan vor dem Schaufenster ihrer Buchhandlung am Spreebogen

Susanne Sultan vor dem Schaufenster ihrer Buchhandlung am Spreebogen © Cordula Kache Giese

In Moabit im Berliner Bezirk Mitte sind auch am Nachmittag noch ein paar der 40 Bücher da, die Susanne Sultan für ihre Buchhandlung am Spreebogen geordert hat. Viele ihrer Kunden fragen direkt danach und freuen sich, dass sie noch ein Exemplar bekommen, obwohl sie so spät dran sind. Sultan, die die 70 Quadratmeter Buchhandlung vor drei Jahren übernommen hat, hat ein paar der blauen Bücher im Fenster dekoriert. Sie freut sich, dass manche Leute in ihren Laden gekommen sind, die ohne diese Aktion wohl nicht den Weg zu ihr gefunden hätten.

Bei Thalia im Ring-Center II in Berlin-Friedrichshain an der Grenze zum Bezirk Lichtenberg, einer Gegend, die sich Studenten, neu hinzugezogene junge Familien und sozial Schwächere teilen, waren die 100 Märchenbücher zu der Zeit längst weg. Filialleiterin Martina Dudaksar-Rißmann hat zwar selbst bei Schulklassen nicht jedem Kind ein Buch gegeben, sondern nur zehn pro Klasse, trotzdem hat die Nachfrage die Menge bei weitem überschritten. Nächstes Mal hätte sie gern mehr Bücher. 

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33 Kommentar/e

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  • Thomas Brausch

    Thomas Brausch

    Da ja jetzt ein schöner Artikel über diese "tolle Aktion" geschrieben und im BöBla veröffentlicht wurde, darf man wohl davon ausgehen das wieder alles heile Welt zwischen der Stiftung Lesen und dem Börsenverein ist.
    Schade, da hat der BöV es versäumt klare Position zu beziehen.

    Thomas Brausch - Die Buchhändler, 54338 Schweich

  • Max Fischer

    Max Fischer

    Sich als unabhängiger Buchhändler auf einer Internetseite
    http://www.amazon.de/buchhandlungen
    listen zu lassen, nur um ein paar Freiexemplare abzugreifen...
    Mir fehlen ehrlich die Worte.
    Das die Stiftung Lesen keine eigene Seite für die Buchhandlungen zur Verfügung gestellt hat spricht Bände. Man sieht deutlich wer das Heft in der Hand hat.

  • Alexander Vieß

    Alexander Vieß

    Sehr geehrter Herr Brausch, der Börsenverein hat sehr klar Position bezogen – zuletzt etwa in diesem NDR-Bericht: https://www.ndr.de/kultur/buch/Streit-ueber-Amazon s-Maerchenbuch-Aktion-zum-Weltkindertag,amazon382. html

    Beste Grüße
    Alexander Vieß
    (PR-Manager Börsenverein)

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Es gibt Formen der Selbsterniedrigung, die wünscht man keinem - egal, was er oder sie sich dabei denkt.

  • Lesesaal Buchhandlung

    Lesesaal Buchhandlung

    Echt jetzt?! Unabhängige Buchhandlungen machen mit? Was für ein falsches Signal! Herjee! Liebe Martina, Du hast so Recht. Frau möchte sich fremdschämen. Boykott wäre das Richtige gewesen.

  • Lisa Isenmann

    Lisa Isenmann

    Ich wäre da nicht so schnell im Vorverurteilen. Die Aktion lief bei den oben genannten Buchhandlungen offensichtlich gut. Genauso bei uns.

    Leben und leben lassen - Buchhandel betreiben und andere Buchhandlungen (anders) handeln lassen. Dann muss man sich auch nicht "fremdschämen" oder anderen "Selbsterniedrigung" unterstellen.

  • Lesesaal Buchhandlung

    Lesesaal Buchhandlung

    @Lisa Isenmann - Es geht hier nicht um leben und leben lassen - es geht hier um das Selbstverständnis einer unabhängigen Buchhandlung, die sich erst schlecht behandelt fühlt und wenn der große Bruder sich herablässt und aufgrund von Kritik sagt "Ihr Kleinen, Ihr dürft jetzt auch", mitmacht und ja sagt. Leben Sie und lassen Sie andere leben, aber dann bitte keine Kritik mehr an Amazon, Thalia, Hugendubel und Co. Die Lesesaal Buchhandlung macht nicht mit - aus dem einfachen Grund, dass 1. dieses Märchenbuch qualitativ nicht interessant ist und 2. es so wunderbare Kinderbücher von unabhängigen Verlagen gibt, die man an dessen Stelle zur Leseförderung empfehlen kann. Verschenken macht für uns nur dann Sinn, wenn man mit dem Sponsor einverstanden ist. Und das sind wir hier auf keinen Fall und vermissen auch die klare Kante vom Börsenverein.

  • Thomas Brausch

    Thomas Brausch

    @ Alexander Vieß
    Stimmt, der Börsenverein hat Position bezogen.
    Aber immer wieder der gleiche, leicht abgewandelte, Text. Immer die gleiche Aussage ("das finden wir nicht gut" etc etc.)
    Aber wo bleiben die Konsequenzen, wo sind die tatsächlichen Reaktionen?
    Warum ist unser Dachverband immer noch Mitglied bei der Stiftung?
    Was ist aus den großen Ankündigungen geworden, Konsequenzen zu ziehen?
    Die Aussagen die bislang vom Börsenverein kommen sind nicht viel mehr als "Politikersprech".
    Schade, hier hätte man mal deutlich zeigen können, das man auch auf der Seite der "Kleinen" steht.
    Mit freundlichen Grüßen
    Thomas Brausch

  • Alexander Vieß

    Alexander Vieß

    Sehr geehrter Herr Brausch, über einen Austritt aus dem Stifterrat muss der Vorstand entscheiden, das kann nicht "einfach so" gemacht werden. Deshalb steht dieser Punkt auch auf der Tagesordnung seiner nächsten Sitzung.

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Wenn die Stiftung Lesen dieses Projekt will: Bitte. Dürfen die. Die Stiftung Lesen ist Lobbyist des Lesens, nicht der Sortimentsbuchhändler. Deswegen bin ich auch nicht gegen deren Zusammengehen mit Amazon. Aber der Umkehrschluss, für mich - macht doch, was ihr wollt. Nur ganz sicher ohne mich. Wenn ich etwas verschenken möchte, tu ich das. Ich suche es dann aber selber aus.

  • Buchmarkt-Neuling

    Buchmarkt-Neuling

    Als Neuling darf man Fragen stellen, sonst wird man bekanntlich nicht schlauer.
    An @Martina Bergmann: wieso ist es Kundenservice im Sommer für die Daheimgebliebenen Einweckgläser und hübsche Klebeetiketten im Geschäft zu drapieren, aber eine Form der Selbsterniedrigung ein aktuell sehr häufig nachgefragtes Buch im Geschäft zu haben?
    Das Ziel eines Händlers, muss es doch sein das Bedürfnis seiner Kunden zu befriedigen. Wenn aktuell der Bedarf von Kunden nicht ein ausgeklügeltes literarisch wertvolles Leselernkonzept ist, sondern ein in der Presse beworbenes Gratis-Buch - warum sollte man diesen Bedarf nicht decken?
    Was habe ich als Buchhändler davon, dass ich Kunden erzähle, dass er doch zu Thalia, Hugendubel, Amazon oder doch beim Händler ein Ort weiter vorbeischauen muss?
    Ich jedenfalls kann die Entscheidung der ca. 550 unabhängigen Buchhändler gut nachvollziehen und hoffe, dass diese Entscheidung als Form des Kundenservice wahrgenommen und belohnt wird.

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    @Buchmarkt-Neuling: Wir haben keine Etiketten verschenkt. Unsere Kernzielgruppe mag (wie ich) Marmelade. Ich könnte mal ausprobieren, ob denen auch Märchen gefallen; ich glaube, ja. Aber es würde die Leute interessieren, Märchen vorgelesen zu bekommen, sich der Märchen wegen unter Menschen zu begeben. Ein Gratis-Märchenbuch brauchen die alle nicht. Und wenn doch: Ist ja dranzukommen. Sogar in Borgholzhausen hat sich jemand registriert. Fragen Sie doch mal die Kollegin, wie viele Exemplare sie herausgegeben hat.

  • Buchmarkt-Neuling

    Buchmarkt-Neuling

    @ Martina Bergmann:
    Ich verstehe, dass verschenkte Märchenbücher evtl. keinen großen Beitrag zur Leseförderung bringen. Ich verstehe aber auch alle Buchhändler die sich entschieden haben, auf die Nachfragen der Kunden, eine bessere Antwort zu haben als: "fahren sie doch nach Bergholzhausen".

    Ich hoffe im übrigen, dass die Kollegin in Borgholzhausen noch ein paar Exemplare übrig hat. Aktuell gibt es, im Online-Auktionshaus mit 4 Buchstaben, Personen die dieses Buch für den stattlichen Preis von 52€ ersteigern. Sofortkauf-Preis liegt bei ca. 40€. Bei dem Wareneinstand von 0€ dürfte sich ja wenigstens ein wenig Marge machen lassen. Wenn durch das Buch schon keiner Lesen lernt, dann vielleicht Mathe...

  • Haberkorn Daniela

    Haberkorn Daniela

    Lesezeichen ist einig mit dem Lesesaal,hier im Allgäu blieben wir konsequent,viele schöne, spannende Kinderbücher,ja.Stundenplane,Sticker, oder Schoko verschenken,Welttag des Buches ja. Aber niemand musste am Freitag mitmachen, um das Lesen zu fördern.Bei uns auf dem Marktplatz vor der Tür, Fridays vor future aber Nullnachfrage nach dem Amazontitel.

  • Lisa Isenmann

    Lisa Isenmann

    @Lesesaal Buchhandlung: Ich weiß nicht, wer hier im Vorfeld kritisiert/gejammert hat, wir waren es sicher nicht. Und so freuen wir uns über einige KundInnen mehr, die durch eine kostenlose Werbeaktion zu uns gefunden haben. Die begeistert waren von unserer kleinen, unabhängigen Buchhandlung. Und die sicher wiederkommen werden.

  • Jens Bartsch

    Jens Bartsch

    Zumindest zeigt die Hauptstadt im Karl-Liebknecht-Haus, dass zwischen „linker” Theorie und „linker” Praxis offensichtlich eine große Lücke klafft - war vorhin ein herzhafter Lacher hier!

    Mit einem fröhlich geflöteteten VENCEREMOS grüßt
    Jens Bartsch - Buchhandlung Goltsteinstraße - Köln

  • Friederike Zöllner

    Friederike Zöllner

    Wir (eine Berliner Buchhandlung) haben nicht mitgemacht. Und der überwiegende Teil der unabhängigen Berliner Buchhandlungen hat es im Gegensatz zu den hier repräsentierten Läden ebenso nicht getan. Auf eventuelle zerknirschte Gesichter wären wir erklärend vorbereitet gewesen, wenn jemand nachgefragt hätte. Es hat aber keine Menschenseele nach diesem Buch gefragt. Und wenn, auch dann hätten wir dies getan: wir hätten auf die eine Buchhandlung verwiesen, die auf der Liste steht und in unserer Nähe weilt. Das machen wir immer so, wenn wir im Sinn der Kundschaft handeln und dabei noch unsere Seelenhygiene nebst Machbarkeit der Besorgung im Blick haben. Die sich bevorratende Buchhandlung hatte Gründe, wir die unsrigen.

  • Lesesaal Buchhandlung

    Lesesaal Buchhandlung

    Guten Morgen, @Friederike Zöllner. Vielen Dank für Ihren Beitrag. Genauso ist es bei uns - wir haben nicht mitgemacht und keiner hat bis dato nachgefragt. Falls es passieren sollte, dann verweisen wir auf Kollegen bzw. bieten eine gute Alternative.

  • Büchermann

    Büchermann

    Diese Aktion - ob man sie als gelungenen, teil-gelungenen oder mißglückten Versuch der Leseförderung einstuft, ist hier völlig egal - hat in einem Punkt der Branche einen großen Bärendienst erwiesen: sie hat das Negativste in vielen kommentierenden und postenden Buchhändlern zum Vorschein gebracht. Ich kann mich nicht an ein singuläres Thema in meinen fast 20 Jahren Buchhandel erinnern, bei dem Kollegen derart gegeneinander geätzt, polemisiert und auch gehetzt haben, ironisch wurden, verbal eklig wurden, selbstgefällig-arrogant wurden oder was auch immer. Und das in teilweise öffentlich zugänglichen Foren im Internet. Ganz großes Kino - nicht! Das ist bedauerlicherweise die Branche von ihrer schlechtesten Seite.

  • Bücherfrau123

    Bücherfrau123

    @Büchermann: ich stimme Ihnen 100%ig zu! Es ist für mich nach über 30 Jahren im Buchhandel beschämend zu sehen wie sich eine Branche geradezu zerlegt.
    Ich könnte sehr vieles zum Thema Buchhandel und Amazon erzählen und nicht alles würde ein gutes Licht auf die Kollegen werfen, aber hier ist nicht der richtige Ort dafür.Jede und jeder Buchhändler ist seinem Sortiment verpflichtet und muss/kann/soll dies gestalten wie es für ihn/ sie richtig ist.

  • Lesesaal Buchhandlung

    Lesesaal Buchhandlung

    Guten Morgen, Bücherfrau, guten Morgen, Büchermann, mit Verlaub: richtig ecklig war und ist es, wenn sich Buchhändlerinnen und Buchhändler vor Neid nicht retten können, weil sie den Buchhandlungspreis nicht gewonnen haben und es ihren Kollegen nicht gönnen. Das ist schlimm. Das erste Mal war 2015 und jedes Jahr wieder die gleiche Diskussion. Hängen Sie bitte Ihre Aufregung nicht zu hoch. Schwierig ist es, wenn wir unabhängigen Buchhandlungen nicht an einem Strang ziehen, denn dann werden wir nicht ernst genommen, erreichen im Verbund nichts und das möchten Sie sicherlich auch nicht.

  • Tolle Geschichten

    Tolle Geschichten

    Auch ich bin seit dreißig Jahren im Buchhandel und auch ich möchte mal sagen: Hört doch mal auf, andere, die anders handeln, zu verurteilen. Kommt vom hohen Ross herunter, wir Buchhändler sind doch nicht die Moralapostel der Welt. Jedes Geschäft/jeder Buchhändler hat das Recht, für sich zu entscheiden, ob er dieses Buch mit verschenken möchte oder wie er handelt.
    Für den einen ist es eine gute Aktion zur Kundenbindung, für den anderen nicht. Und diese Entscheidung sollte jeder ohne Verurteilung, Beleidigungen, Verunglimpfungen für sich treffen können.

  • Georg Börsig

    Georg Börsig

    Ich diskutiere gerne mit Menschen über strittige Themen, auch mal hart in der Sache, solange alles sachlich bleibt und der Respekt vor den Anderen gewahrt bleibt. Der scheint hier in dieser Angelegenheit aber etwas verloren zu gehen.
    Im Zusammenhang mit der Teilnahme an der Märchenbuchaktion von Selbsterniedrigung der Akteure zu sprechen geht entschieden zu weit. Ich finde es auch irritierend, dass manche Personen hier anscheinend für sich in Anspruch nehmen, sie hätten die Meinungshoheit für eine ganze Branche gepachtet und wüssten ganz genau was alle zu tun oder zu lassen haben. Darüber entscheidet jede im Buchhandel in der Verantwortung stehende Person schon selbst, nach bestem Wissen und Gewissen. Es gibt eben auch Leute in der Branche, die diese Märchenbuchaktion eher pragmatisch und unaufgeregt beurteilen und versuchen etwas Positives daraus zu ziehen. Das muss einem nicht gefallen und das kann man gerne auch in Frage stellen, aber beleidigend werden muss man deshalb nicht.
    Was ich insgesamt während der Aktion so beobachtet habe und von anderen Personen aus der Branche höre, hat der Sortimentsbuchhandel durchaus Pluspunkte bei den Kunden gesammelt. Bei Amazon war das Märchenbuch schon nach kurzer Zeit am Morgen vergriffen, was viele Kunden verärgert hat. Im Sortimentsbuchhandel war es oft noch bis in die Abendstunden zu bekommen, was (zumindest bei uns) von Kunden sehr positiv beurteilt wurde. Zudem waren bei uns ca. zwei Drittel der Märchenbuchkunden Leute, die vorher noch nie unseren Laden betreten haben. Es besteht durchaus die Chance, dass sie wiederkommen. Es gab also durchaus gute Gründe sich an der Aktion zu beteiligen, ebenso wie es Gründe gab es nicht zu tun. Aber es gab keinerlei Gründe für eine derartige Zuspitzung der Auseinandersetzung. Das schadet dem Sortimentsbuchhandel mehr als es die Märchenbuchaktion vermeintlich tut.

  • Jens Bartsch

    Jens Bartsch

    @Büchermann, Bücherfrau123 u.a.

    Sorry, in diesem Forum habe ich schon schlimmere Diskussionen erlebt und ich bitte freundlich darum, nicht zu überempfindsam zu sein. Wenn sich für mich jemand fremdschämt, mir jemand Selbsterniedrigung vorwirft, so halte ich dies durchaus für Anmerkungen in einem tolerablen Maße, mit denen ich leben und ggf. hier an dieser Stelle dagegen argumentieren kann. Denn selbstverständlich kann, darf und muss jede Sortimentsbuchhandlung für sich entscheiden, was sie tut - das hat niemand in Abrede gestellt. Dass man sich für die eigene Entscheidung aber eventuell auch den ein oder anderen kritischen und auch ironischen Kommentar einfängt, dies sollte doch nicht verwundern und wirklich ein Problem sein.

    Worum geht es dem Lesesaal oder anderen ähnlich denkenden Sortimentern (auch uns): Es geht um die Solidarität unter den unabhängigen Sortimentern gegen ein Unternehmen, welches uns erklärtermaßen zerstören will. Da tut es schon weh, wie und warum manche da ausscheren. Und auch ich leide extrem darunter zuschauen zu müssen, wie sich unsere Branche komplett selbst zerlegt.

    Denn in der Tat: Das Thema „Buchhandel und Amazon“ (Danke an Bücherfrau123) bietet noch viel mehr Zündstoff als diese Diskussion, die wir hier gerade führen. Und wenn sich die Bücherfrau123 mal zwecks Gesprächs bei uns meldet, so wäre ich sehr erfreut.

    Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln

  • Büchermann

    Büchermann

    @Jens Bartsch: Nur dass wir uns da nicht falsch verstehen: 1. Ich bin nicht überempfindsam in Bezug auf mich, sondern ich moniere die Außendarstellung der Branche. Ob Frau Bergmann findet, dass ich mich selbst erniedrige oder nicht, ist mir ziemlich wumpe. Ebenso wie es Frau Bergmann egal sein wird, dass es mir egal ist. Und ich rede auch nicht von den Diskussionen auf boersenblatt.net. Ich rede z.B. von der einen oder anderen Buchhändler-Facebookgruppe (das hätte ich vielleicht expliziter dazuschreiben sollen), wo ich mit meiner Meinung, die sich ungefähr auf "Die Verteilung der Aktion auf Amazon und Filialisten ist alles andere als optimal gelaufen, aber schauen wir doch erstmal, ob die Bücher beim Leser nicht doch was bewirken können." verkürzen lässt, sehr scharf angegangen wurde. Die künstliche Empörung, in der alle versucht haben einander zu übertreffen, war m.M.n. irgendwann einfach nicht mehr dem Thema entsprechend.

  • Jens Bartsch

    Jens Bartsch

    Tja, Büchermann,

    vielen Dank für die Aufklärung. Das ist eben der Unterschied zu diesem Forum hier, bei dem Gottseidank jemand zuschaut, was (im Eifer des verbalen Gefechts) wie und in welcher Form rausgehauen wird. Aus exakt den von Ihnen genannten Gründen meide ich Facebook, weil die Verbalkeulen dort in der Tat recht schnell und sehr flach fliegen.

    Was lernen wir daraus? Buchhändler sind eben keine besseren Menschen und die von Ihnen geschilderten Probleme in solchen Foren ergeben sich dort von selbst, weil sie systemimmanent sind und solche Plattformen daher für eine manierliche Branchendiskussion schlicht kein Stück taugen.

    Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln

  • Angela Lechner

    Angela Lechner

    Ich finde die Kritik an der Aktion teilweise sehr scheinheilig. Da wird Amazon als der böse Kapitalist dargestellt, dabei verkauft jeder Buchhändler ebenso seine Produkte um am Ende des Tages Profit zu generieren und richtet sein Sortiment selbstverständlich nicht nach Literaturpreisen und Germanistik-Symposien aus, sondern nach Bestseller und besonders zahlungsbereiten Zielgruppen, wie die Esoteriker und gerne noch Nebengeschäft mit Geschenkartikeln, wie der niedlichen Faulenzer-Schokolade, die so gar nichts mit Literatur zu tun haben.

    Dennoch wird Amazon dargestellt, als sei das etwas ganz vulgäres, dass die mit Büchern - welche Sakrileg gegenüber dem "Kulturgut" - Geld verdienen wollen und natürlich nicht uneigennützige Kulturförderung betreiben. Im Gegensatz zum mitunter selbstgefälligen Buchhandel behauptet das der Versandhändler aber auch gar nicht von sich. Statt zu realisieren in welchem Paradies man lebt, viel Marge und viele Läden ausschließlich noch existieren weil es die Politik gut meint und ein Herz für den kleinen Buchhändler hat, wird so getan als sei es ein Affront, dass große Internethändler es Anno 2019 wagen da mitzumischen und auch nicht alle Verbände sofort dagegen Sturm laufen.

    Ohne die Buchpreisbindung gäbe es die meisten schlicht nicht mehr. Das ist die Realität. Statt sich immer nur über Negativmerkmale, was man im Gegensatz zu Amazon alles nicht sei, zu definieren sollte der Buchhandel sich vielleicht auch selbst neu erfinden und dabei positiv definieren. "Das haben wir schon immer so gemacht da könnte ja jeder kommen" ist ansonsten ein ziemlicher Garant dafür, dass die nächste Generation der Millenials die Buchpreisbindung politisch zur Disposition stellt und dann brennt die Hütte in der Branche.

  • Elena Kaiser

    Elena Kaiser

    Habe mit meiner Schwester bei Amazon bestellt. Weder ihre noch mein Exemplar ist angekommen. Beide hätte Amazon nicht nachverfolgbar versendet, beide Pakete verloren - Schelm, wer böses denkt.

  • Jens Bartsch

    Jens Bartsch

    @Angela Lechner

    Ich glaube, dass Sie da etwas verwechseln oder missverstehen. Kapitalisten sind wir alle, das dürfte auch kaum jemand aus unserer Branche ernsthaft bestreiten. Aus den Reihen der unabhängigen Sortimenter oder Verlage werden Sie daher nur recht selten den schlichten Vorwurf hören, dass das Unternehmen Amazon ein Kapitalist sei. Allenfalls der Vorwurf des Neo-Kapitalismus im Zuge der Digitalisierung scheint gelegentlich auf, da kann man in der Tat drüber streiten.

    Wohl aber agieren viele Unternehmen im Literaturbetrieb nicht nur nach rein betriebswirtschaftlichen Kriterien, sondern haben auch noch ein anderes Selbstverständnis bei ihrer Arbeit mit im Gepäck - das sind nicht alle, aber viele. Und bei denen ist dann durchaus oft auch ein Stück Uneigennützigkeit und – oha, Kulturarbeit mit im Spiel. Wenn einige Buchhandlungen sich nun ihr Sortiment mit u.a. niedlicher Faulenzer-Schokolade aufhübschen, so finde ich dies persönlich auch nicht unbedingt toll. Aber diese Ergänzung (weil eventuell der Buchumsatz nicht mehr reicht) mit einem Unternehmen zu vergleichen, dem es schlussendlich egal ist, ob es Bücher, Pampers oder Schusswaffen verkauft, diesen Vergleich finde ich schon arg ambitioniert. Und dies ist kein Vorwurf an Amazon! Die machen ihren Job schon verdammt gut, eben weil man in Seattle gleichzeitig für alles und nichts steht, weil man dort offensichtlich auch für gar nichts zu stehen braucht.

    Selbstverständlich behauptete Amazon bisher nicht, Kulturförderer zu sein – woher auch? Bücher verschenken in unterschiedlichen Formen (Welttag des Buches oder Tombola-Spende) viele Buchhandlungen, die Kernerarbeit, nämlich Vorlesenachmittage, Praktikumsplätze, eine aktive Leseförderung vor Ort etc. gibt es in Bad Hersfeld nicht – mmmmh?

    In der Tat lebt der deutsche Buchhandel auch aufgrund der Buchpreisbindung, ob er dies paradiesisch oder (noch) auskömmlich tut, dies ist eine Betrachtungssache. Wie lange die Politik noch ein Herz für uns hat und wie lange noch die Buchpreisbindung hält, dies ist in der Tat ungewiss. Frau Grütters wird die Letzte sein, die an dräuenden EU-Entscheidungen etwas ändern kann. Viele von uns haben aber durchaus begriffen, dass die Buchpreisbindung keine Insel der Glücksseligkeit ist. Ja, die Buchbranche muss noch viel lernen. Aber, Frau Lechner, sie tut dies bereits und zwischen dem branchenüblichen Jammern einiger und klarer Kritik anderer gilt es bitte doch zu unterscheiden.

    Weshalb, und jetzt kommen wir zum großen Missverständnis, der unabhängige Buchhandel (Sortimente UND Verlage) in dieser Form Sturm gegen Amazon läuft, dies hat eine ganz einfache Ursache und primär nichts mit Gut oder Böse zu tun. Mit Amazon steht unserer gesamten Branche und der Brancheninfrastruktur ein Unternehmen gegenüber, welches nicht wirklich Teil der Branche sein möchte. Amazons Ziel ist erklärtermaßen die komplette Disruption, also die komplette Zerstörung aller bisherigen Strukturen und aller bisher am Markt beteiligten, ob Sortiment oder Verlag.

    Können Sie sich vorstellen, dass ich Amazon nicht liebhaben kann? Können Sie sich vorstellen, dass wir solch ein Unternehmen nicht als Partner akzeptieren können? Mit denen gemeinsam in irgendeiner Form zu spielen, das heißt, sich gewaltig die Finger zu verbrennen, weil eben dann über kurz oder lang die ganze Hütte brennt!

    Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln

  • Jens Bartsch

    Jens Bartsch

    @Elena Kaiser

    uuups, das tut mir angesichts dieses persönlichen Schicksals für Sie und Ihre Schwester jetzt aber sehr leid. Alleine bleibt bei mir die Frage offen, was Sie uns in diesem Forum damit erzählen möchten. Was soll ich als Schelm darüber denken? Gibt es eine Weltverschwörung, gibt es eine Verschwörung von Amazon, von der wir alle noch nichts mitbekamen?

    SORRY: Solche Kommentare sind in dieser Diskussion komplett entbehrlich.

    Jens Bartsch - Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln

  • Buchwurm

    Buchwurm

    Mein Mitbewerber hat letztens einem Geschäft im Ort verboten ein Plakat mit meinem Veranstaltungshinweis aufzuhängen. Das ist , meiner Ansicht ein Eingriff in dessen Geschäftspolitik (des aushängenden Geschäfts). Und ebenso, finde ich dieses Veruteilen am Mitmachen bei dieser Aktion einen Eingriff in meine Geschäftspolitik. Das Amazon kein selbstloser Gutmensch ist ist klar, aber auch bei mir steht an erster Stelle der Erfolg meines Geschäfts und dann erst die anderen. Ich mache die Lesekoffer-Aktion, Lesetüte, Welttag des Buches Geschenkbuchaktion, Kindergartenausstellungen und Büchertische in Schulen, da war klar das Kunden wegen des Buches zu Weltkindertag bei mir nachfragen, also habe ich mitgemacht. Die Eltern, die bei mir waren wegen des Märchenbuches waren zu gut 2/3 noch nie bei mir und haben mich nun als Ansprechpartner für Bücher vor Ort kennen gelernt, habe sich bei mir umgesehen und auch noch etwas gekauft. Alle sind mit einem Lächeln gegangen und vielleicht kaufen Sie nun auch weitere Bücher hier im Ort und nicht beim netzkraken. Dann wäre mein Plan aufgegangen.

  • 81westley

    81westley

    @Jens Bartsch: Im Kern haben Sie Recht. In der Ausführung haben Sie die vielbeschworene Überheblichkeit unserer Branche demonstriert. Super!

  • Jens Bartsch

    Jens Bartsch

    @81westley
    Ach, 81westley,
    was möchten Sie denn in diesem Branchenforum lieber hören: Berichte von persönlichen Amazon-Erfahrungen, die schlussendlch besser auf dem dortigen Forum aufgehoben sind, oder ´ne lebhafte Diskussion rund ums große Branchenthema. Da mag ich überheblich erscheinen und sein, aber solche Kommentare führen hier an keiner Stelle weiter.
    Jens Bartsch - Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln

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