Die Sonntagsfrage

Wie funktioniert Schreiben in einfacher Sprache?

Die Edition naundob in Berlin veröffentlicht Literatur in einfacher Sprache. Verlegerin Uta Lauer erklärt, welche Zielgruppen sie anspricht und wie einfache Sprache funktioniert.

Uta Lauer, Verlegerin der Edition naundob

Uta Lauer, Verlegerin der Edition naundob © privat

Bislang werden Menschen mit Leseschwächen und Lernschwierigkeiten gerne Kinderbücher empfohlen mit dem Argument "Die Texte sind leichter verständlich". Das stimmt zwar, aber als erwachsener Leser fühlt man sich nicht ernst genommen, denn die Inhalte der Kinderbücher bilden nun mal nicht die Lebenswelten von Erwachsenen ab. Darauf reagiert unser Verlag und bietet Belletristik für Erwachsene, Originalliteratur für unterschiedliche Zielgruppen: für alte Leute, die sich nicht mehr so gut konzentrieren können, für Menschen mit Behinderungen, für Menschen mit Migrationshintergrund, die Deutsch lernen wollen.

Es gibt Bücher mit Themen wie Freundschaft oder mit Hunden, da fühlen sich viele angesprochen, bei anderen Büchern spricht die Lebenswelt eine bestimmte Gruppe an. Menschen mit Behinderungen etwa leben oft in Parallelwelten, sie wohnen in speziellen Wohnheimen, werden in spezielle Werkstätten gefahren, sind viel unter sich. Aber welcher Roman spielt denn in einer Behindertenwerkstatt? Solche Lücken versuchen wir zu schließen.

Einfach ist nicht gleich einfach

Das Schreiben in einfacher Sprache muss man trainieren – denn einfach ist nicht gleich einfach. Was ist ein schweres Wort? Das kommt auf die Zielgruppe an. Das Wort „Aufenthaltserlaubnis“ etwa ist für Migranten keineswegs schwer, die Begriffe „Antrag auf Eingliederungshilfe“ oder „Schwerbehindertenausweis“ sind für Behinderte nicht schwer, sie kennen sie. Für Andere dagegen sind es schwierige Wörter, ebenso Fremdwörter. Lange Satzkonstruktionen und Schachtelsätze hingegen gilt es in allen Büchern zu vermeiden. Ich lasse die Manuskripte deshalb immer von Lesern der angedachten Zielgruppe prüfen und verändere bei Einwänden dann noch mal.

Anfangs habe ich Autorinnen mit einfacher Sprache aktiv gesucht, inzwischen bekomme ich Manuskripte angeboten. Bei manchen ist das Thema super, aber die Autorinnen sind mit der einfachen Sprach noch nicht so vertraut. Dann beginnen beide Seiten zu lernen – die Autorin lernt, wie einfache Sprache funktioniert, ich lerne Diplomatie und Konfliktmanagement (denn es braucht ja Fingerspitzengefühl, dem Autor die Kritikpunkte zu vermitteln).

Hemmschwellen abbauen

Ich bin viel in Kontakt mit karitativen Einrichtungen, mit der VHS, mit Bildungseinrichtungen, wo die Zielgruppen auf unsere Bücher stoßen. Meine Stammbuchhandlung bietet unsere Bücher an, aber die ist eher die Ausnahme. Im Buchhandel ist es ziemlich schwer, was ich zum Teil verstehe, weil die Zielgruppe gar nicht auf die Idee kommt, in eine Buchhandlung zu gehen. Und wer Lesen immer als Qual empfunden hat, möchte ja auch gar kein Buch in die Hand nehmen. Andererseits lehnen die Buchhandlungen oft ab mit dem Argument, einfache Sprache sei keine Literatur. Das sehe ich nicht so. Es wäre schön, wenn es in jeder Buchhandlung eine Ecke mit Literatur in Einfacher und Leichter Sprache gäbe. Denn oft kommen die Leute zu mir mit dem Wunsch, in eine Buchhandlung gehen zu können und zu schmökern, so wie alle anderen auch. Da ist auf beiden Seiten noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Leser, die dann die Erfahrung gemacht haben, dass sie Texte gut nachvollziehen können, dass Lesen sogar Spaß macht, die fühlen sich bereichert und ernstgenommen und fragen nach weiteren Büchern. Bei „Olga und Marie“ zum Beispiel haben sie ständig nach dem zweiten Band gefragt, dann wollten sie einen dritten. Er erscheint jetzt im Frühjahr.

 

Uta Lauer ist seit 2015 Verlegerin der in Berlin ansässigen Edition naundob (www.naundob.de). Jährlich erscheinen fünf Novitäten; lieferbar sind derzeit 14 Titel.

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