Thea Dorn zum Literarischen Quartett

"Weniger Kritikerrunde, mehr Literaturkreis"

Nicht nur das Auswahlverfahren der Bücher ändert sich komplett: Beim Literarischen Quartett soll ab dem 6. März viel mehr gestritten werden. Das ZDF erfindet das „Das Literarische Quartett“ neu: Aus der Stammbesetzung bleibt nur Thea Dorn erhalten, die als Moderatorin und Gastgeberin fungiert. Was sind Ihre Pläne?  EIN INTERVIEW VON KAI-UWE VOGT

Thea Dorn lädt ein

Thea Dorn lädt ein © ZDF / Svea Pietschmann

Frau Dorn, Sie werden Gastgeberin in der Neuauflage des Literarischen Quartetts sein. Was hat Sie bewogen den Posten anzutreten?
Der Versuchung war immens! Das Literarische Quartett ist das älteste und renommierteste Bücherformat, das es im deutschen Fernsehen gibt. Die Chance, ein solches Format prägend mitzugestalten, die läuft einem nur einmal im Leben über den Weg. Außerdem bin ich eine leidenschaftliche Leserin: Ich erinnere mich noch, da war ich vielleicht sieben oder acht, da hatte ich ein kleines blaues Lufthansa-Stoffköfferchen. Das war mein Bücherkoffer. Der war mir heilig, da durfte nichts Anderes rein. Diese extrem innige Beziehung zum Buch und zum Lesen begleitet mich also schon sehr lange.

Sie haben ja viel Erfahrung im Literaturbetrieb gesammelt und in verschiedenen Medien und Formaten gearbeitet: als Schriftstellerin, Moderatorin, Kritikerin und Kuratorin. Sie wissen natürlich, dass Gespräche über Bücher im Fernsehen visuell nicht immer sehr attraktiv sind. Wie sieht denn Ihr Konzept aus, daran etwas zu ändern?
Sie haben Recht, Fernsehen ist erst einmal ein optisches Medium. Und in der Tat streben das Medium Buch und das Medium Fernsehen nicht von sich aus aufeinander zu. Deshalb muss man schon darüber nachdenken, wie es gelingen kann, über Bücher so zu reden, dass der Zuschauer am Bildschirm bleibt. An erster Stelle steht für mich die Lust an Sprache, die Lust am Gespräch. Natürlich könnte man jetzt einwenden: Ja, warum dann nicht einfach Radio? Weil es eben einen großen Reiz hat, Menschen beim Denken, beim Miteinander-Streiten, bei ihrer Begeisterung zuzuschauen. Ein gutes, lebhaftes Gespräch hat immer etwas Szenisches. Außerdem hat das „Quartett“ nach wie vor eine erfreuliche Reichweite. Wenn wir die Mediathek-Nutzungen mit dazurechnen, kommen wir im Schnitt auf eine knappe Million Zuschauer. Die Frage, die mich am meisten beschäftigt: Wie können wir den Anstoß dazu geben, dass Bücher wieder stärker ins Gespräch kommen und nicht alle Welt sich immer nur darüber austauscht, welche Serien man gerade gucken muss? Wenn wir beim „Literarischen Quartett“ in den vergangenen Jahren einer Meinung waren, wenn ein Buch einhellig bejubelt wurde, ist uns das ja durchaus gelungen. So wurde etwa Gabriele Tergits „Effingers“ von 1951 zum ersten Mal als einer der großen deutschen Romane des 20. Jahrhunderts wahrgenommen. Zig Leute haben mich angesprochen, wie glücklich sie sind, dass dieser Roman endlich entdeckt wurde, und wie begeistert sie ihn in ihrem Freundeskreis weiterempfohlen haben. Die stärkste Herausforderung ist für mich, künftig eine größere Leserschaft auch für Bücher zu gewinnen, über die im „Quartett“ kontrovers diskutiert wird. Ich finde das eine sehr spannende Frage: Leben wir primär in einer Empfehlkultur? Oder gelingt es, ein starkes Interesse an Büchern zu wecken, die zum Streit, zum Widerspruch, zur Diskussion auffordern?

Wie soll denn das Konzept der Sendung genauer aussehen?
Unser Suchbild war weniger die Kritikerrunde, sondern eher der Lesekreis oder der literarische Salon. Es gibt nicht mehr das feste Trio, das sich für jede Sendung einen wechselnden Gast dazu holt, sondern wir wollen einen größeren Kreis an spannenden Leuten aufbauen, die leidenschaftliche Leser sind und das Talent und die Lust mitbringen, unterhaltsam klug über Bücher zu reden. Das neue Format erlaubt, eine Vielzahl von unterschiedlichen Menschen zu versammeln, was uns angesichts einer zunehmend heterogenen Gesellschaft deutlich zeitgemäßer erscheint. Da es aber natürlich schwierig ist, zehn oder gar zwanzig Diskutierende auf einmal ins Fernsehen zu setzen – dann bräuchten wir die ganze Nacht – werden unsere Gäste in wechselnden Konstellationen antreten. Was die jeweiligen Sendungen angeht, bleibt aber alles beim Quartett: vier Menschen, vier Bücher.

Wie sieht es denn hinter den Kulissen aus? Da arbeiten ja mit Sicherheit eine ganze Menge Leute mit an der Marke „Literarisches Quartett“. Wie viel Einfluss können Sie da nehmen? Wie kann man sich diese Arbeit vorstellen?
Es gibt einen sehr engen Austausch zwischen der Hauptredaktion Kultur, die beim ZDF in Mainz angesiedelt ist, der Kulturredaktion hier in Berlin und natürlich mir. Ich erlebe die Zusammenarbeit als äußerst produktiv und anregend. Da herrscht weder eine Gralshüter-Mentalität, noch soll die Sendung partout auf jugendlich getrimmt werden. Dafür erlebe ich eine große Bereitschaft zu Analysen, was sich im Literaturbetrieb, im Leseverhalten geändert hat, seit das Quartett vor 32 Jahren erfunden wurde. Wir sind uns einig in dem Wunsch, dass sich das „Quartett“ künftig verstärkt als Debattenformat verstehen soll, und zwar sowohl was das Literarische, als auch was das Gesellschaftlich-Politische angeht.

Also suchen Sie künftig die Bücher für Ihre Gäste aus?
In der Vergangenheit war es so, dass die Teilnehmer sich bei der Redaktion gemeldet haben, sobald sie ihr jeweiliges Wunschbuch für die nächste Sendung gefunden hatten. Die Redaktion hat natürlich Hinweise auf bestimmte Titel gegeben bzw. ein Veto eingelegt, wenn plötzlich eine Liste mit vier französischen Romanen oder vier Büchern aus demselben Verlag zustande gekommen wäre. Dennoch herrschte hier ein gewisser fröhlicher Wildwuchs. Da versuchen wir, etwas stärker strukturierend einzugreifen bzw. auf die Relevanz der ausgewählten Bücher zu achten. Zu Beginn einer jeden Saison setzen sich die Redaktion und ich zusammen, um die Verlagsvorschauen zu sichten. Wir erstellen eine Art Longlist mit Titeln, die uns vielversprechend erscheinen, dann bestellen wir Fahnen bzw. PDFs und lesen. Parallel dazu überlegen wir, welche Gäste für welche Bücher die richtige Besetzung sein könnten.

Hört sich ganz schön sophisticated an!
Das ist tatsächlich nicht ganz unkompliziert, aber bei der ersten Sendung hat diese Methode schon mal wunderbar funktioniert. Das Prinzip, dass jedes Buch, das im „Quartett“ besprochen wird, einen Paten hat, der es verteidigt, wollen wir unbedingt beibehalten, d.h. umgekehrt: Wir können einen Titel aus redaktioneller Sicht noch so spannend finden, wenn er keinen Paten findet, kommt er nicht vor. Und natürlich können die Gäste von sich aus Bücher ins Spiel bringen, die sie für triftiger oder geeigneter halten. Denn selbst wenn wir hier in Berlin mit preußischem Arbeitseifer und Sorgfalt ans Werk gehen: Niemand kann alle der vielen tausend literarischen Neuerscheinungen im Blick haben, die jedes Jahr auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erscheinen. Da brauchen wir auch die Leselust und Kompetenz unserer Gäste.

Sie haben angedeutet, dass die Buchauswahl stärker von der Redaktion ausgehen wird. Wie wollen Sie den Mix gestalten? 

Wir werden es nicht dogmatisch handhaben, aber die Orientierungsregel sieht so aus: In jeder Sendung sollte es einen breitentauglichen deutschsprachigen Titel und einen breitentauglichen internationalen Titel geben, wobei wir mit „breitentauglich“ keine Titel meinen, die von vornherein Bestseller-Listen-Kandidaten sind. Wir meinen Bücher, von denen wir annehmen, dass sie die Chance auf eine breite Leserschaft haben, wenn es uns denn gelingt, sie ins Gespräch zu bringen. Außerdem sollte in jeder Sendung ein Buch dabei sein, bei dem es sich eher um eine Entdeckung handelt, etwa weil der Autor nicht oder nicht mehr sehr bekannt ist. Und wir versuchen, alte Bücher wiederzuentdecken. Dabei kann es sich entweder um Neuausgaben oder Neuübersetzungen von Klassikern handeln, aber auch um Bücher, die neu zu entdecken sich aus unserer Sicht lohnt, weil sich in ihnen gegenwärtige Themen auf interessante Weise spiegeln. So werden wir in der ersten Sendung über „Vor Rehen wird gewarnt“ von Vicky Baum reden – ein Roman von 1951, der erzählt, wie sich weibliche Schwäche, wenn sie systematisch genug ausgestellt wird, in ein höchst effektvolles Herrschaftsinstrument verwandelt. Im Kontext der MeToo-Debatte scheint mir das eine spannende Lektüre zu sein.

Kommen Sie bei dem ganzen Stress, bei dem ganzen Lesen überhaupt noch selbst zum Schreiben?
Momentan nicht wirklich. Das ist der Preis, den zu zahlen ich bereit sein muss. Das betrübt sowohl meinen Verlag als auch mich, zumal ich im Herbst mit einem Band Erzählungen begonnen hatte. Die liegen jetzt auf Eis. Vielleicht komme ich im nächsten Jahr wieder an meinen eigenen Schreibtisch, aber in diesem Jahr werde ich mich erst einmal ganz dem widmen, was andere geschrieben haben.

 

Das Literarische Quartett

Am 6. März geht das „neue“ Literarische Quartett um 23 Uhr im ZDF auf Sendung: Gäste sind Vea Kaiser, Jakob Augstein und Marion Brasch.

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