180. Hauptversammlung

Rede von Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder

15. Juni 2007
Redaktion Börsenblatt
"In Kreuzberg, also in unmittelbarer Nähe zu unserem heutigen Tagungsort, wurde vor gut 100 Jahren einer der großen unbekannten Dichter des letzten Jahrhunderts, Peter Karl Höfler, geboren. Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts – inzwischen hatte er sich umbenannt in Jesse Thoor – schrieb er ein herrliches Gedicht, das wie eine Momentauf-nahme des heutigen Börsenvereins wirkt." Lesen Sie hier die gesamte Rede.
Erlauben Sie mir, Ihnen die sechs Zeilen dieses Gedichts als Kurzfassung meines Jahresberichts, den ich Ihnen zu geben habe, vortrage: In einem Haus In einem Haus, auf feinem Tannenreiser, sitzen ein Bettelmann und ein Kaiser. Beide summen und lachen und trinken Und reden laut und leise und winken. Ein volles Jahr rollt über das Dach. Ein volles Jahr rollt über das Dach. Ein volles Jahr ist vergangen seit der letzten Hauptversammlung. Gewiss, das Interesse am Buch ist in den letzten Jahren nicht mehr so selbstverständlich gewachsen wie in vergangenen Jahrzehnten. Doch nach vier Jahren Stagnation und Rückgang (2001 – 2004) konnten wir 2006 zum zweiten Mal wieder eine leichte Steigerung im deutschen Buchhandel verzeichnen. Das ist ermutigend, auch wenn wir wissen, dass sich diese Entwicklung Bettelmänner und Kaiser wohl ungleich zu teilen haben. Ob in diesem insgesamt positiven Resultat nur die steigende Konjunktur zum Ausdruck kommt, oder ob sich ein struktureller Wandel abzeichnet, wird sich bereits im zweiten Halbjahr herausstel-len. Jedenfalls sind bisher unsere Befürchtungen, dass – trotz notwendiger Rationalisierung bei zunehmender Konzentration - alles stromlinienförmiger werde, nicht eingetroffen; das meiste blieb so vielfältig, wie wir es wünschen. Doch der Bücherfluss verläuft nun einmal nicht in einem geraden, breiten Strom, seine Scheitellinie ergibt sich aus vielen einzelnen Mäandern – und nicht umgekehrt. Das gilt auch für die buchhändlerischen Ereignisse des abgelaufenen Vereinsjahres – ich habe, stellvertretend für viele, 20 Tage der Chronologie der laufenden Ereignisse herausgegriffen, und bin neugierig, welches Bild Sie daraus gewinnen: Am 23. Mai finden in Berlin die Buchhändlertage 2006 statt. Die anwesenden 600 Verleger und Buchhändler empfinden das Jahrestreffen als Erfolg. Norbert Lammert hält eine denkenswerte Abschlussrede zur Selbstverantwortung und notwendigen Selbstkon-trolle der Branche im Hinblick auf die vom Gesetz gegebenen Privilegien. Der Vorsteher kündigt an, die inneren und äußeren Regeln der Branche zum 1. Dezember 2006 zu novellieren. Am 24. Mai beschließen der Aufsichtsrat der Börsenvereins-Beteiligungsgesellschaft BBG und der Vorstand des Börsenvereins das Projekt VTO – Volltextsuche online. Am 23. Juni wird in Frankfurt der Bundessieger im Vorlesewettbewerb des Deut-schen Buchhandels ermittelt. Am 1. August werden – fast unbemerkt von der Öffentlichkeit – aus Verlagskauf-leuten Medienkaufleute für digitale und Printprodukte. Das Berufsbild passt sich der Gegenwart an. Am 17. August meldet dpa, dass sich Weltbild und Hugendubel zur DBH Buch Handels GmbH & Co. KG zusammenschließen. Am 13. September treffen sich auf Einladung der Bundesministerin für Forschung und Bildung, Annette Schavan, Vertreter der Bibliotheken, der wissenschaftlichen Forschungsinstitutionen und des Börsenvereins, um über die unterschiedlichen Einstellungen zur Urheberrechtsnovellierung zu sprechen. Am 20. September beschließt der Länderrat des Börsenvereins, die Beitragsstaffel zu ändern und mehr Beitragsgruppen einzuführen. Die Deckelung soll aufgehoben werden. Ziel ist mehr Beitragsgerechtigkeit, vor allem für die kleineren Mitglieder des Börsenver-eins. Am 2. Oktober verleiht der Börsenverein im Frankfurter Römer zum zweiten Mal den Deutschen Buchpreis an Katharina Hacker. Der Preis ist bereits mit der zweiten Vergabe international anerkannt. Am 8. Oktober verleiht der Börsenverein in der Frankfurter Paulskirche den Frie-denspreis des Deutschen Buchhandels 2006 an Wolf Lepenies. Am 9. Oktober meldet die Frankfurter Buchmesse mit 285.000 Besuchern einen neuen Besucherrekord. Am 9. November beschließen die Abgeordneten der 116. Abgeordnetenversamm-lung im Goethehaus ihre Selbstauflösung. Am 5. Januar 2007 treffen sich auf dringliche Einladung des Vorstehers im Frank-furter Buchhändlerhaus der Vorstand des Börsenvereins, der Aufsichtsrat der BBG, der Vorstand des BAG-Vereins und der Aufsichtsrat der BAG-GmbH. Einziges Thema ist, wie die überschuldete BAG vor der Insolvenz bewahrt werden kann. Die Börsenvereinstochter MVB stellt ein Darlehen in Höhe von 3 Millionen Euro zur Verfügung. Am 18. Januar sprechen sich in München die auf der Jahrestagung der Publi-kumsverlage versammelten Verleger für das „Münchner Modell“ aus - als Branchenrege-lung zur Übersetzervergütung. Am 23. Januar diskutieren Wissenschaftler, Verleger und Bibliothekare in Berlin über das Publizieren zwischen Open Access und Urheberrecht. Am 26. Januar lehnen die deutschen Verlage den am 24. Januar vom Kabinett verabschiedeten Gesetzesentwurf zur Umsetzung der Enforcement-Richtlinie der Europäischen Union ab. Am 15. März wird aus der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Buchhandlungen (AUB) ein Verein, der die Interessen des unabhängigen Sortiments vertreten will. Am 21. März eröffnet in Leipzig die Buchmesse. Bis zum 25. März werden 127.000 Besucher die Buchmesse als Lesefest gefeiert haben. Der Vorsteher überreicht bei der Eröffnung den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung an Gert Koenen und Michail Ryklin. Am 24. März treffen sich auf der Leipziger Buchmesse die Mitglieder der BAG zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung. Sie nehmen die Darlehenszusage des Börsenvereins an und beschließen, bis zur nächsten Mitgliederversammlung der BAG möge der BAG-Vorstand neben dem sogenannten „Kölner Modell“, das der BAG-Vorstand gemeinsam mit dem Börsenverein in Köln erarbeitet hatte, weitere Zukunftsmodelle für die BAG ausarbeiten und zur Entscheidung vorlegen. Das Ergebnis ist bekannt; ich komme darauf zurück. Am 23. April findet in Deutschland der Welttag des Buches statt – erstmals als Dachkampagne „Welttag des Buches – hier und überall“. Am 1. Mai beginnt Bettina Münzberg ihre Tätigkeit als Leiterin des Berliner Büros. Zuvor haben der Geschäftsführer der MVB, Ronald Schild, der Chefredakteur des Börsenblatts, Dr. Torsten Casimir, und die Geschäftsführerin des Sortimenter-Ausschusses, Dr. Kyra Dreher, ihre Tätigkeit aufgenommen. Am 2. Mai lehnt der Schweizer Bundesrat das Ausnahmegesuch des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes und des Börsenvereins zum Erhalt der Buchpreis-bindung ab. In der Schweiz fällt die Buchpreisbindung. Am 11. Mai meldet Thalia, dass die Gruppe im kommenden Jahr die Buchabteilun-gen in 89 Karstadt Warenhäusern übernehmen wird. Am 14. Juni findet in Berlin eine Mitgliederversammlung der BAG statt. Die Marksteine des Berichtsjahres sind diffus. Aber soviel wird deutlich: Das Buch hat sich ganz offensichtlich behauptet und als stark erwiesen, und das nicht nur in seinem kulturellen Eigenwert, sondern auch in seiner politischen Relevanz und in seinem wirtschaftlichen Gewicht. Das gilt für den Weg des Buches in die digitale Informationswelt wie für seine Selbstbehauptung angesichts der urheberrechtlichen Zumutungen, die aus der Politik kamen. Es gilt aber auch für zusätzliche Verwertungsformen – wie z.B. die Sondereditionen der Presseverlage und die Entdeckung des gebrauchten Buches als Handelsobjekt. Beides könnte m.E. Anlass sein, über die seit Jahren ungenutzte wirtschaftliche Kraft der Backlist nachzudenken – im stationären Buchhandel, aber auch in den Verlagen – ehe andere diesen Markt endgültig besetzen. Und nicht zuletzt hat sich das Buch als stark erwiesen durch seine öffentliche Wirkmächtig-keit – ich erinnere nur an den überragenden Erfolg des neuen Deutschen Buchpreises. So weit, so gut. Doch die eben aufgezählten Ereignisse sind keine Leistungsschau, sie zeigen auch, was wir im vergangenen Vereinsjahr nicht erreicht haben: Geschwindigkeit. Geschwindigkeit ist die zurückgelegte Strecke in der Zeit. Oder vornehmer ausgedrückt: die Ableitung des Ortes nach der Zeit. Wo standen wir vor einem Jahr? Wo stehen wir heute? Wo werden wir in einem Jahr stehen? Wir müssen erheblich Geschwindigkeit aufnehmen für eine marktwirtschaftliche Lösung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft, um politische Reaktionen zu vermeiden, wie denen, mit denen wir seit dem vergangenen Sommer mühevoll zu kämpfen haben. Die Auseinandersetzungen um das Urheberrecht sind für Urheber und Verlage überwiegend Abwehrkämpfe gewesen. In diesem harten Ringen, sei es um den sogenannten Zweiten Korb oder um die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen im Internet, hat der Börsenverein seine ganze öffentliche Kraft in die Waagschale werfen müssen, um unserer Branche lebensnotwendige Rahmenbedingungen zu erhalten. Ich bin sehr froh darüber, dass es uns an zwei entscheidenden Stellen gelungen ist, über Bündnisse politische Gestaltungsmöglichkeiten zu gewinnen. Die nach Monaten intensiven Formulierens an der „Leipziger Verständigung“ fixierten gemeinsamen Standpunkte von Börsenverein und Deutschem Bibliotheksverband haben uns in Berlin Durchsetzungskraft verschafft. Mit der vom Schriftstellerverband, dem deutschen P.E.N. und dem Börsenverein veröffentlichten "Frankfurter Mahnung" haben wir für unsere Anliegen öffentliches Echo und Zustimmung erhalten. Wie sich das Urheberrecht weiter entwickelt, wird nicht nur an der Kraft unserer Argumente, sondern auch an unserer Fähigkeit hängen, auch Kompromisse zu schließen und Bündnisse einzugehen. Wir müssen erheblich schneller werden beim Aufbau von Volltextsuche online. Wenn ich mir die Anzahl der Verlage anschaue, die bisher Titel in VTO eingestellt haben, wenn ich mir anschaue, in welchem Verhältnis zum Umfang ihrer jährlichen Novitäten oder gar zu ihrer Backlist diese Verlage Titel eingestellt haben, dann muss ich unwillkürlich an den König des Evangeliums denken, der zum Hochzeitsessen seines Sohnes einlädt, Ochsen und Mastvieh schlachtet, und seine Gäste gehen statt dessen auf den Acker oder ihren Geschäften nach. (Wer nachlesen möchte: Matthäus 22.4) Und wenn wir feststellen, dass wir bereits seit Jahren ein neues VLB brauchen - und wir brauchen es heute und nicht morgen – dann liegt meines Erachtens auf der Hand, dass wir für VTO ein verbessertes Geschäftsmodell benötigen, ein ähnlich solidarisches Geschäftsmodell wie für das VLB. In diese Richtung sollte die MVB ihr Angebot ändern und entwickeln, denn VTO wird nur ein Erfolg, wenn wir alle – unabhängig von der unterschiedlichen Wichtigkeit einer digitalen Datenbank für das einzelne Mitglied im Augenblick – beteiligt sind und das erzeugen können was digitaldeutsch so schön traffic heißt. Auch wenn eine solidarische Teilnahme uns in der Aufbauphase Geld kosten wird, müssen wir uns zu dieser historischen Investition entscheiden. Und wir brauchen mehr Verständnis für unsere Übersetzer – auch wenn deren Vertreter seit Jahren uneinsichtig sind. Und wir brauchen die gleich hohe Geschwindigkeit, uns auf die Folgen der Branchenkon-zentration einzustellen, wie diese Konzentration sie selbst vorlegt. Stattdessen diskutieren wir mit Lust und Ausdauer über den Wert der Unabhängigkeit buchhändlerischer Abrechnungsverwaltung. Und wir brauchen im Verhältnis von Bund und Ländern einen kühnen Griff, um eine wirkliche Reform mit maßgeblichen Vorteilen und Einsparungen zu beginnen. Die Suche nach ausgleichenden Wegen lädt zu sehr zum Hinhalten ein - wir sollten eine solche Einstellung nicht weiter hinnehmen. Das alles sind Beispiele. Wir haben – um im physikalischen Bild zu bleiben – noch nicht die optimale Betriebstemperatur für das buchhändlerische System von morgen – für unsere wirklichen Probleme. Es scheint, als verbräuchten wir zuviel Energie für die Beschäftigung mit uns selbst, für unsere eigenen, manchmal nachbarschaftlichen, aber immer hausgemachten Probleme, bei der sich unsere Betriebstemperatur in unnötige Hitze umsetzt. Geschwindigkeit ist ja auch die Ableitung der Energie nach dem Impuls. Jenseits der optimalen Betriebstemperatur ergeben sich niedrigere Wirkungsgrade, und Überhitzung ist mit Zerstörungsrisiken des Systems verbunden. Deshalb ist meine herzliche Bitte an Sie: Lassen Sie nicht zu, dass die Toleranzgrenzen unseres Systems überschritten werden. Lassen Sie nicht zu, dass wir unsere Konzentrati-on auf die wichtigen, vor uns liegenden Aufgaben verlieren. Schon jetzt ist der Verlust an Geschwindigkeit, den wir in diesem Frühjahr durch die Vorgänge bei der BAG erlitten haben, erheblich – das Hauptamt kann ein Lied davon singen. Ob bei der BAG, ob im Ausgleich des Bundes mit den Ländern, ob bei VTO oder dem VLB - lassen wir nicht zu, uns gegen unseren Willen und gegen die Regeln der Klugheit von partikularen Interessen instrumentalisieren zu lassen. Es gibt nach wie vor im Börsenverein einen feinen Sinn dafür, was für uns alle gut und richtig ist. Und dem sollten wir Raum verschaffen. Ich wünsche uns allen eine erfolgreiche Hauptversammlung 2007.