Schreibweisen der Gegenwart

„1.000 Geschichten sind nicht genug“

1. November 2007
Redaktion Börsenblatt
Ingo Schulze eröffnete die „Leipziger Poetikvorlesungen“.
Kein Zweifel, die Latte liegt hoch: Seit Ingeborg Bachmann im Wintersemester 1959/60 über „Fragen zeitgenössischer Dichtung“ sprach, gehören nicht wenige der „Frankfurter Poetikvorlesungen“ zum poetologischen Kanon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Neben der traditionsreichsten und berühmtesten Reihe ihrer Art haben sich Poetikvorlesungen mit je unterschiedlicher Ausrichtung etabliert – von Heidelberg und Bamberg bis Duisburg und Mainz pflegt man das öffentliche Nachdenken über Literatur, lassen Autoren ihr Publikum an literarischen Arbeitsprozessen teilhaben, berichten vom Zusammenhang zwischen Leben und Schreiben. Nun also: Leipzig. In der alten Buchstadt, so formulierte es Hans-Ulrich Treichel, muß eine solche Tradition erst noch gleichsam „protestantisch erarbeitet“ werden. Das Deutsche Literaturinstitut und die Kulturstiftung des Freistaats Sachsen setzten zum Auftakt ihrer neuen, unter dem Motto „Schreibweisen der Gegenwart“ stehenden „Leipziger Poetikvorlesungen“ auf einen bei Kritik wie Lesevolk in Ost und West gleichermaßen hoch im Kurs stehenden Autor - und damit auch ein wenig auf Nummer sicher: Ingo Schulze wurde am Reformationstag aus der römischen Villa Massimo ins herbstliche Sachsen eingeflogen. Manchmal kann eine Frage genau so wichtig wie der Beginn des Schreibens selbst sein: „Wären Sie bereit, uns ihr Manuskript anzuvertrauen?“ Seit Ingo Schulze sie 1994 von seiner Lektorin, die inzwischen auch seine Verlegerin ist, gestellt bekam, sagt er auch öffentlich von sich: „Ich schreibe.“ Die „33 Augenblicke des Glücks“ waren ein toller Start. Bis er sich „Schriftsteller“ nennt, sollten noch einige Jahre ins Land gehen. Schulze weiß nur zu gut, dass Literatur immer komplexer ist als das Reden über sie – doch am Ende war die Lust, den Antriebskräften und Wiederständen seines bisheriges Schreibens, den damit einher gehenden Veränderungen der eigenen Sicht auf die Welt einmal konzentriert, im Zusammenhang nachspüren zu können, größer als alle Skrupel. „1000 Geschichten sind nicht genug“ – so, nach einer Erzählung des von ihm verehrten Wolfgang Hilbig, hatte Ingo Schulze seine Vorlesung überschrieben, die nach ausgedehnten Präliminarien (Treichel: „Die Leipziger Vorlesungen sollten nicht als ‚Leipziger Vorreden’ in die Annalen eingehen.“) wohltuend locker und selbstironisch daherkam. Statt aufgepfropfter Meta-Theorien ein spannender Werkstattbericht, eine Zeitreise: Die Tagebucheintragungen und ersten unbeholfenen Gedichte des 13jährigen Dresdner Schülers, der nach der Biermann-Ausbürgerung augenreibend erkennt, dass Verse offenbar ein ganzes Staatswesen ins Wanken bringen können; die seltsamen „Kopfwäsche-Vorstellungen“ des jungen Altenburger Dramaturgen, die reifende Gewißheit, dass das „Eigentliche“ nicht in Anekdoten aufgeht. Das literarische Verstummen des umtriebigen Nachwende-Geschäftsmanns, dem über den Zahlen die Worte abhanden gekommen waren. Die wundersame Geburt des Schriftstellers Ingo Schulze im fremden St. Petersburg, Ossip Mandelstams „Armenische Reise“ wie ein Brevier in der Tasche, Puschkin, Dostojewski und die Stimmen der Moskauer Konzeptualisten im Ohr – plötzlich stellten sich die Geschichten ein. Schulze begriff: Nicht um alte oder neue Erzähltechniken geht es, sondern um die jeweils angemessenen oder unangemessene. „Meine kopernikanische Wende: Ich war als Autor nicht mehr die Sonne, sondern der Sputnik.“ Lange nachdem er begonnen hatte, im Ton Raymond Carvers über den Nachwende-Osten zu schreiben, macht der Döblin-Preisträger einen Zufalls-Fund bei Döblin: Es gilt, den Stil aus dem Stoff kommen zu lassen. Doch eine Novelle über das Dresden der späten DDR im Stil von Stefan Zweig, Thomas Mann oder Musils „Törless“ will und will nicht vorwärts kommen. „Postdissidentisches Schreiben“, eine Sackgasse. Erst nach und nach reift die Erkenntnis, dass sich das Gestern nur in Verschränkung mit der heutigen Welt einfangen läßt – die Arbeit an „Neue Leben“, Schulzes Opus magnum, dauert mehr als sieben Jahre. Am Ende klappt’s auch mit der Novelle. Mit dem Band „Handy“ schließlich, dessen Geschichten den großen Roman zeitlich einrahmen, wird der Versuch unternommen, das Kunstförmige des Erzählens zum Verschwinden zu bringen, mit größtmöglicher Differenziertheit ein Höchstmaß an Wirkung zu erreichen. Literatur, weiß Schulze, ist nicht dafür gemacht, die Dinge zu erklären – doch für die Gesellschaft als Ganzes und den einzelnen Menschen sind Geschichten (über)lebensnotwendig. Scheherazade allein kann’s nicht richten: „Geschichten werden von Erzähler und Zuhörer, Schreiber und Leser gemeinsam geschaffen. Weder 1000 noch 1001 sind genug.“ Das Publikum im vollbesetzten Saal des Alten Leipziger Rathauses applaudierte lange und herzlich: Premiere geglückt; nachzulesen demnächst in einem Sonderband der Edition Suhrkamp.