Apéro
Der Vorstand des Börsenvereins hat also eine ganz große Flagge gehisst. Darauf steht, nicht mehr übersehbar: BILDUNG. Untertitel: Zukunft. Vielleicht lässt sich die Haltung, in der das Leitungsgremium des Verbandes sich für die neue Vorstandsperiode diesen Schwerpunkt gesetzt hat, am treffendsten als produktive Beunruhigung bezeichnen. Vieles ist fraglich geworden in diesem Bereich, weniges selbstverständlich geblieben. Man sieht klar und sagt es auch: Die Zukunft der Branche hängt weniger am Buch oder am Kunden als vielmehr am Buchhändler von morgen.
Wer will den Job noch machen? Und warum? Und wie wird er demnächst aussehen, dieser Job? Nachwuchsthemen, Fragen zur Motivation der Berufswahl, zu den Leidenschaften, zu den Aussichten, zu den richtigen Lerninhalten und methoden, sind lange Zeit nicht gut genug belichtet worden in der Branche. Aber jetzt!
Vorsuppe
Wer in der Mensa der Seckbacher Buchhändlerschulen schon mal zu normalen Bedingungen gefrühstückt hatte, wird am Dienstag Abend aus dem Staunen nicht herausgekommen sein: Sechs weiß eingedeckte Tische füllten den Raum, darauf überall echter Blumenschmuck, die exakt gefalteten Servietten waren aus Stoff, nicht aus Papier. Man wurde sehr freundlich in Empfang genommen und zu seinem Platz geführt. Dort natürlich Tischkärtchen. Die Auszubildenden solche, die gerade in Seckbach unterrichtet werden, aber auch eingeladene Gäste von Ausbildungsbetrieben aus vielen Ecken der Republik saßen bereits. Alle waren neugierig aufeinander. Und darauf, ob das, was geplant war, auch funktionieren würde.
Geplant war: Vorstand meets Azubis. Das Motto für einen coolen Abend, würde man meinen, geht anders.
Vorsteher Gottfried Honnefelder, der zuvor noch die 340. Vorstandssitzung des ehrwürdigen Börsenvereins am nicht minder ehrwürdigen Großen Hirschgraben in bewährt fordernder Routine geleitet hatte, war ohne Krawatte gekommen. Er habe sie sich abgebunden zum Zeichen dafür, dass man in unverkrampfter Atmosphäre miteinander ins Gespräch kommen wolle: wirklich nice casual.
Eine Auszubildende am Tisch trug unter ihrem Jackett, das ohne weiteres als Business-Textil durchgeht, eine feine weiße Bluse: mindestens mal casual nice.
Hübsch konträre Entspannungsübungen. Über allem lag ein wenig die erwartungsvolle Nervosität eines ersten Abends, der den Verabredeten wichtiger ist als irgend so ein blind date heutiger Prägung und Unverbindlichkeit.
Zwischengang
Grußworte gab es. Monika Kolb-Klausch, seit einem Vierteljahr Bildungsdirektorin des Börsenvereins, hatte die Runde zusammengebracht. Auf diesen Abend haben wir uns hier in Seckbach seit Wochen gefreut, sagte sie. Dass das keine Floskel war, merkte man ihr an.
Gottfried Honnefelder erinnerte sich an seine persönlichen vier Wochen auf dem idyllischen Campus: Buchhandels-Crashkurs für Führungskräfte, sein Einstieg in die Branche vor 33 Jahren. Musik-Sessions in der Kuhle, Duschen in grün-orangen Nasszellen (die damals noch mit ß geschrieben wurden), Betriebswirtschaft im Schnellverfahren, Trinken in fröhlichen Runden. Jedenfalls eine schöne Zeit.
Apropos historisches Ausgreifen: Jemand fragte irgendwann, ob es so ein Zusammentreffen von Vorständen und Nachwuchs überhaupt je einmal gegeben habe. Die Antwort von Heinrich F. Otto, dem quasi Immer-schon-Schulleiter da oben, kam prompt und saß: Ja, 1962. Das muss man kurz einwirken lassen 45 Jahre war in Sachen intergenerationeller Geselligkeit nicht viel gelaufen im Verband. Um ein Fazit hier vorwegzunehmen: Das dritte Treffen dieser Art soll vor 2052 steigen. Prognose: Könnte klappen.
Hauptspeise
Sagen Sie nichts Ungefährliches. Das langweilt. Sagen Sie nur die gefährlichen Dinge, denn die bringen uns weiter. So lautete Honnefelders Erwartung an den Abend, insbesondere an die jüngere Hälfte der Tischgesellschaft. Und er gab mit dieser gänzlich ernst gemeinten Einladung zu gefährlichem Denken einen guten Ton vor für das, was folgen sollte. Was der Börsenverein für ein Gebilde sei und was man dort so treibe, müsse sie, die Auszubildenden, nicht sonderlich interessieren, argumentierte der Vorsteher. Sie müssen sich darum kümmern, Klarheit darüber zu bekommen, weshalb Sie gerade den Beruf des Buchhändlers ergreifen wollen und keinen anderen. Diese Frage, die Ergründung der Berufswahl, sei die Zukunftsfrage für unsere Branche. Ein vehementer Aufruf zur Debatte.
Er wurde angenommen. In dem sich nun entwickelnden Gespräch, das der pädagogische Leiter in Seckbach, Thomas Casagrande, quicklebendig moderierte, galten schon bald keine Denk- und Formulierverbote mehr. Nur ein paar Auszüge:
Zum Beispiel in Sachen Internet: Wer dessen kreative Möglichkeiten heute immer noch nicht nutzt, dem ist nicht mehr zu helfen. (Verleger-Vorstand Karl Peter Winters) Die Frage ,Wie haltet ihrs mit dem Internet? ist eigentlich nicht richtig gestellt. Das Internet durchfließt unser ganzes Leben. Es gehört einfach zu allem dazu. (Auszubildender Michael Latta, Buchhandlung Dörfler-Schwab in Hockenheim) Wenn ihr Internet besser könnt als euer Chef, ist das die beste Art, euren Arbeitsplatz zu sichern. Der Chef wird euch dann nicht kündigen. (Karin Schmidt-Friderichs, Vorsitzende des Ausschusses für Berufsbildung im Börsenverein)
Zum Beispiel in Sachen Buch (Leitmedium oder was?): Gibts eigentlich im Verband Bestrebungen, das Buch wieder cooler zu machen? (noch einmal Michael Latta)
Zum Beispiel in Sachen Berufsplanung: Warum gehen so viele nach der Ausbildung wieder raus aus dem Buchhandelsberuf? (Viola Taube, Buchhändlerin in Nordhorn und stellvertretende Vorsteherin des Börsenvereins) Der Vorwurf, wir würden nicht im Beruf bleiben, ist nicht fair. Uns wird nach der Ausbildung doch oft keine Chance gegeben. Uns bleibt also gar nichts anderes übrig, als uns weiterzuqualifizieren. (Henrike Meier von der Buchhandlung Graff in Braunschweig) Wir brauchen eine größere Offenheit und Mobilität der jungen Leute, sich auf Neues einzulassen. Da müssen Sie auch einmal bereit sein, für eine Weile vom Freund oder der Freundin getrennt zu leben. Dieser Sinn für Lehr- und Wanderjahre ist uns leider verloren gegangen. (Heinrich Riethmüller, Osiandersche, Vorsitzender des Sortimenter-Ausschusses)
Der ,war of talents hat schon begonnen. Sie werden eine heiß umworbene Generation sein. (noch einmal Karin Schmidt-Friderichs)
Soweit hier die bloß kleine Skizze eines zweistündigen Austauschs. Azubis meet Vorstände: Es wurde auch zum Treffen treffender Gedanken. Man muss nur recht hohe Erwartungen hegen, dann passiert so etwas auch.
Dessert und Absacker
Gegen elf am Abend ging man nein, nicht etwa heim, sondern rüber ins Campus-Café Libresso. Zum Weiterdiskutieren. Es gab Kaffee und anderes. Und eine gute Erfahrung zu machen: Ein Vorstand ist nicht (nur) eine Institution in Menschengestalt, sondern im Glücksfall einfach ein Gegenüber, mit Fragen und Antworten und Meinungen und, vor allem, mit Neugier. Und manchmal sogar einer mit Seckbacher Vergangenheit
Das Reden über Bildung, den Schwerpunkt der gerade beginnenden Arbeit des neuen Börsenvereinsvorstands, ist am Dienstagabend in Seckbach ein Stück konkreter geworden. Man hat vieles angesprochen, vom Wandel der Medien und der Medienkonkurrenz über die neuen Lesertypen bis hin zu den Vertriebswegen der digitalen Welt. Naturgemäß geht an einem solchen Abend nicht mehr als das. Aber Vertiefung ist versprochen. Und sie beginnt schon hier bei uns in Kürze im Azubi-Blog.
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