Branchenparlament tagt zum ersten Mal

8. November 2007
Redaktion Börsenblatt
Um zehn Uhr findet heute im Frankfurter Goethehaus das erste Branchenparlament des Börsenvereins statt. Das Gremium löst die Abgeordnetenversammlung ab. Themen sind unter anderem Szenarien zum Buchmarkt 2020, Beitragsgerechtigkeit und Preisbindung. Boersenblatt.net berichtet live von der ersten Sitzung.
10 Uhr Heinrich Riethmüller, Vorsitzender des Sortimenter-Ausschusses, eröffnet das Branchenparlament. "Wir hatten lange Zweifel, ob wir mit der Einrichtung des Branchenparlaments das richtige tun", so Riethmüller. "Nun ist es geboren, unser Kind - ein Gremium, in dem wir offen und fair die wichtigen Themen der Branche diskutieren werden und uns kräftig die Meinung sagen wollen." Erstes Thema der Versammlung ist ein Blick auf den Buchmarkt im Jahr 2020. In Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut Sinus Sociovision hat der Börsenverein Szenarien für die Zukunft erarbeitet. Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, führt in das Thema ein. "Wir sind uns einig, dass wir in einer Zeit des Umbruchs leben." Als Stichworte nennt er Web 2.0, Blogs, Digitalisierung. "Das Internet ist allgegenwärtig und wird alles beeinflussen. Beim Treffen zwischen dem Börsenvereinsvorstand und Buchhandels-Azuis vorgestern in Seckbach hat einer den schönen Satz gesagt: ,Das Internet durchfließt mich'." Die Änderungen würden dramatisch und drastisch sein, ohne dass man genau sagen könne, wie sie sein werden. Die entscheidende Frage sei nicht das Überleben des Buches, sondern die, wie die Wertschöpfungskette zwischen Autor und Leser aussehen werde. "Wir müssen vorbereitet sein, was in der Zukunft passiert." Das erfordere den Willen, aber auch ein Zeitbudget. "Es reicht nicht, die Vergangenheit fortzuschreiben. Die Zukunft wird so oder so geschehen, ob mit oder ohne uns." Daher habe sich der Börsenverein aufgemacht, um die Zukunft zu ergründen. Man habe sich der Szenario-Technik bedient und Signale identifiziert, die darauf hindeuten, wie sich die Gesellschaft in der Zukunft entwickeln könnte. Dann habe man begonnen, das auf den Buchhandel herunterzubrechen. "Es geht hier nicht um den sprichwörtlichen Blick in die Kristallkugel, sondern um wissenschaftliche Analyse: Wie könnte sich die Gesellschaft entwickeln?" "Der Börsenverein sieht das als Dienstleistung für Sie, aber auch als wichtigten Faktor für unsere politische Arbeit." 10 Uhr 20 Michael Schipperges von Sinus Sociovision erläutert die Szenarien für den Buchmarkt 2020 Untersucht werden sollte beispielsweise, unter welchen Rahmenbedingungen der Buchhandel tätig sein werde. "Es geht hier um Denken auf Vorrat." Schipperges zeigt einige aktuelle Trends auf: Der Wandel in der Medienwelt: Die mediale Vernetzung werde immer höher, ständig kämen neue Medien hinzu. Grenzen würden verschwinden. Die Frage, was Wirklichkeit ist, sei immer schwerer zu beantworten. "Das, was ich durch die Medien mitbekomme, erhält einen gleichen Stellenwert wie das Selbst-Erlebte." (Reality-Sampling) Gesellschaftliche Strömungen: Work hard, play hard - eventuelll eine materialistische Orientierung. Suche nach sicheren Informationen. Wettbewerbsorientierung und Selbstmobilisierung. Suche nach Sicherheit und Orientierung. (Möglicherweise eine Rückkehr zu alten Tugenden, auch in der jungen Generation) Die aktuelle gesellschaftliche Hauptdynamik: Regrounding. Das ist der Wunsch nach (etwas) mehr Konstanz, Verlässlichkeit und Struktur, Konzentration auf Bereiche, die man persönlich direkt beeinflussen und gestalten kann. Bei der Mediennutzung gebe es Verschiebungen, aber das Lesen von Büchern habe immer noch eine große Bedeutung. Joop de Vries, Sinus Sociovision, erläutert die unterschiedlichen Szenarien: Der Schwerpunkt liege auf drei soziokulturellen Szenarien. Die Szenarien beschrieben das "Business Environment". Wie ein Unternehmen reagiere, sei seine Strategie. Die Technologie mache alles möglich, und die Menschen entschieden, wie es weitergeht. "Die Gesellschaft akzeptiert nicht alles, was neu ist." de Vries beschreibt drei Szenarien: Free is fair Shared destiny Metamorphosis Free is fair: Ein ergebnisorientiertes Szenario Die Menschen werden in Zukunft noch mehr nach Leistung und Erfolg streben - eine the-winner-takes-it-all-Gesellschaft. Die Politik werde der Wirtschaft noch mehr Gestaltungsspielraum geben. Die Globalisierung wird weiter fortschreiten. Gefragt seien talentierte, motivierte Menschen. Es ist eine Welt, in der Macht sehr wichtig ist. "Viele Menschen möchten dieses Szenario nicht sehen, aber es passiert." Shared destiny Menschen entdecken, wie wichtig das Gemeinsame ist. Das Streben nach sozialer Harmonie und Gerechtigkeit wird stärker. Es wird nicht mehr Wachstum um jeden Preis angestrebt. Die gesellschaftliche Macht wird untrennbar verbunden sein mit sozialer Verantwortung. "In dieser Welt ist vor allem die bürgerliche Mitte sehr wichtig." Metamorphosis Die Gesellschaft wird von externen Entwicklungen angetrieben. Man entwickelt sich imer mehr zu einer Informations- und Wissensgesellschaft. Die Welt werde immer komplexer und weniger vorhersehbar. Alte Gewissheiten und Regeln verlieren ihre Gültigkeit. Die Menschen werden immer mehr Eigenverantwortung übernehmen und sich in vielfältigen Netzwerken zusammenschließen. Die Welt wird zum globalen Dorf. Free is fair heruntergebrochen auf den Buchmarkt Kommerzielle Erfolge (gestützt durch Werbung, Sponsoren) und Größe sind entscheidend. Alles hängt vom Marketing ab (Awarness, Markenbildung, Zielgruppen-Segmentierung) Shared Destiny Die Buchbranche repräsentiert einen wichtigen Bestandteil unserer gemeinsamen Kultur und unseres geistigen Erbes. Buchhandlungen sind gesellschaftlich anerkannte Institutionen, die nicht nur eine Ware verkaufen Metamorphosis Das traditionelle Verständnis von Buch ist überholt. Die Branche verkauft verlagsgenerierte Inhalte im Kontext der sich entwickelnden Wissensgesellschaft. Die Menschen nutzen und beherrschen die vielfältigsten Formen von neuer Technologie. Wie sehen wir die Wirklichkeit? Die Szenarien gehen aus von Mindsets und Mental Maps, die heute schon vorzufinden sind. Wir alle interpretieren die Wirklichkeit. Die Einschätzung der Realität ist unterschiedlich und ändert sich mit der Zeit Häufig besteht ein deutlicher Unterschied zwischen dem wahrscheinlichen und wünschenswerten Szenario (free is fair ist nicht die Welt, die die Leute sehen möchten). Michael Schipperges erläutert, was wäre, wenn die Zukunft für den Buchmarkt vorhersehbar wäre: Free is fair: Man muss im freien Wettbewerb ökonomisch bestehen. Der kulturelle und der Bildungsauftrag werden für die Gesellschaft besonders wichtig (denn es muss auch jemand dafür einstehen) Shared destiny: Man muss dazu beitragen, Bücher als gemeinsames kulturelles Erbe zu positionieren. Lesen in der Schule ist eine Voraussetzung für Erfolg im Leben. Gleichwohl sind Effizienz und Wirtschaftlichkeit wichtige Themen Metamorphosis: Das Buch wird eines unter vielen Medien sein. Das Kulturgut Buch muss anschlussfähig bleiben an die sich verändernden Mediengewohnheiten Vorschläge, die aus den Szenarien folgen: Verlags- und Buchhandelswesen ist ein Wirtschaftsfaktor für und in Deutschland. Die Buchbranche muss permanent an der Optimierung der Wirtschaftlichkeit arbeiten. Die Buchwelt ist mehr als Business. Bücher sind als Träger von Kultur, Wissen, Bildung und Lernen das Leitmedium der Gesellschaft. Die Buchbranche gestaltet als Experte für Publizität den Wandel der Medienwelt aktiv mit und gibt Impulse. 11 Uhr 15 Die Diskussion ist eröffnet: Heinrich Riethmüller: "Es scheint mir, als würde free ist fair immer bedeutender. Was können kleinere Buchhandlungen in so einem harten Markt tun?" Schipperges: "Kleine Buchhandlungen haben natürlich eine Chance. Sie müssen sich aber genau überlegen, für wen sie das richtige Angebot haben." Die Kundenorientierung spiele eine ganz wichtige Rolle. Gottfried Honnefelder: "Das Ergebnis hat eine gewisse Fazination. Sie haben das Buch definiert als Ware, aber es hat auch Inhalt, Geist etc. Wie aber verhalten sich die Ergebnisse mit der Entwicklung, dass jedermann freien Zugang zu allem Wissen haben soll? Zum free flow of information? Wieso sollte Information dann überhaupt noch ein Handelsgut sein?" de Vries: "Diese Frage ist je nach Szenario unterschiedlich zu beantworten. Im Moment wird noch experimentiert. Im Moment ist es noch zu früh, etwas zu sagen." Thomas Bez: "Die Ergebnisse sind sicherlich unterschiedlich je nach Altersstruktur. Gibt es darüber Aufschlüsselungen?" Schipperges: "Es gibt nicht so viele Unterschiede nach Altersgruppen, wer welche Szenarien präferiert." Matthias Ulmer: "Ich bin ehrlich gesagt etwas unglücklich. Sie bauen einen Zwiespalt auf zwischen Geld und Geist, Ordnung und Freiheit, sozial und Kapital. Das hat uns in der Diskussion bislang nie weiter gebracht. Wir haben fatalerweise auch das Problem, dass wir immer sagen, wir stehen für den Geist, müssen aber auch Geld verdienen. Wichtiger wäre es mir, sich dazu zu bekennen, dass wir immer sowohl als auch sind und immer beides tun müssen." Es gebe keinen Markt ohne Gesellschaft und umgekehrt. "Wir müssen Geld und Geist zusammenbringen. Die Szenarien sind für mich Plattitüden, die mich nicht wirklich weiterbringen. Aus der Zuspitzung der Positionen wird für uns keine Erkenntnis erwachsen." Rainer Nitzsche: "Es ist eine gewisse Enttäuschung zu merken. Ich habe ein Gruselkabinett erwartet, zumindest eine Geisterbahnfahrt. Es sieht so aus, als seien wir nicht zufrieden damit, dass wir eine gute Zukunft haben werden. Die Szenarien waren gar keine Szenarien, sondern das, womit wir es tagtäglich zu tun haben." Karl-Peter Winters: "Ich bin etwas enttäuscht, weil ich gehofft habe, man könnte noch etwas konkretere Schlussfolgerungen für die Zukunft treffen. Mit den Szenarien beschäftigen wir uns jetzt schon. Bei der Frage aber, wie man sich darauf einstellt, ist das wenig befriedigend." Beim Fachbuch etwa sei die Entscheidung schon gefallen, allerdings nicht für das Geschäftsmodell. Die ein oder andere Richtung sei schon eingeschlagen. Eigentlich müsse man viel genauer fragen, um welche Produkte es gehe. "Am meisten interessieren würde mich die Frage, welche Geschäftsmodelle in den drei Szenarien funktionieren. Und die Frage, wie sich die Rolle der Autoren ändert. Kann es sein, dass Verleger völlig überflüssig werden?" de Vries: "Wir reden hier über sehr komplexe Zusammenhänge." Schipperges: "Wir haben die naheliegendsten Schlussfolgerungen herausgestellt. An einem Punkt ist unsere Expertise beendet. Dann müssen Sie Entscheidungen treffen. Wir geben einen Orientierungsrahmen und eine gemeinsame Sprache vor." Manfred Keiper: "Für mich sind es keine Szenarien, sondern die Positionen des Neoliberalismus und der verträglichen Globalisierung. Worüber wir eigentlich disutieren sollten, ist, wie wir mit diesen beiden Positionen im Buchmarkt umgehen." Helmut Dähne: "Wir haben es hier nicht mit Szenarien zu tun, sondern mit Empfindungen. Es ist hübsch, das zu sehen. Es wird nichts daraus folgen. Das einzige: Nimm den Häuserkampf an und setze Dich durch." Matthias Heinrich: "Wenn sich jeder in seiner Wettbewerbssituation einschätzt, kommt man genau zu diesen Szenarien. Man muss sich in der Zeit beweisen, in der wir sind." Eine Empfehlung zum Thema Buchmarkt 2020/Szenarien wird nach dem Verlauf der Diskussion nicht formuliert. 12 Uhr 30 Zweites Thema: Beitragsgerechtigkeit Matthias Ulmer Herr Borsche hat ja in Berlin Zahlen genannt. Demnach werden 34 Prozent der Beiträge zum Börsenverein von kleineren Unternehmen erbracht, die nur acht Prozent der Umsätze machen - was seiner Argumentation nach ungerecht ist. Man kann auch anders herum fragen: 72 Prozent der Mitgliedsunternehmen zahlen nur 34 Prozent der Beiträge - ist das gerecht? Hinter Borsches Zahlen steht der Gedanke, eine Beitragsstaffel wäre gerechter, wenn alle annähernd den gleichen Anteil vom Umsatz zahlen. Man kann auch andere Maßstäbe für Gerechtigkeit anlegen. Zum Beispiel die Umsatzrentabilität; oder Gewinn bzw. Vermögen, das wäre dann vielleicht die Leistungsgerechtigkeit. Ich finde, die Aufgabe des Staates ist es umzuverteilen. Das muss aber der Verband nicht auch noch tun. Der ist ja nicht ein Sozialverein. Ein Verband erbringt Infrastrukturleistungen. Die kommen nur zustande, wenn und solange allle so viel zahlen, wie es ihnen diese Leistungen wert zu sein scheinen. Gerecht ist für mich, dass jeder von uns den gleichen Nutzen aus seinen Verbandsbeiträgen ziehen kann. Die Rentabilität meines Beitrags sollte gleich sein wie der der anderen Mitglieder. Das wäre Beitragsgerechtigkeit. AG Beitragsstruktur soll sich mit der Frage des Nutzens unserer Mitgliedschaft stärker beschäftigen. Mehr Klarheit gewinnen darüber, wie sich der vom Verband generierte Nutzen über die Mitglieder verteilt. Dann kann auch der Verband eine Arbeit systematischer bewerten. Vorteile haben wir alle nur, wenn die Kleinen erkennen, dass sie ohne die Großen nichts können, und die Großen erkennen, dass sie ohne die Kleinen keine Legitimation haben. Uwe Fischer: Grund der Beitragsreform war nicht eine Gerechtigkeitsdebatte, sondern fehlende Geldmittel. Die Gerechtigkeit war nicht der Anstoß. Die Ursache dafür, dass die Mittel nicht mehr reichen, ist eine Entwicklung in unserer gesamten Branche. Mit geht es darum, dass wir in fast allen Verbänden eine ähnliche Beitragsstaffel haben wie wir; nur eine so weite Spreizung wie bei uns ist etwas Besonderes. Die Entwicklung sollte schon in Richtung einer faireren Umsatzproportionalität gehen. Das Aufbegehren der vielen Kleinen ist auch Zeichen der Unzufriedenheit mit der Beitragsstruktur. Ich fände es nur fair, wenn diejenigen Unternehmen, die einen enormen Einfluss in der Branche inzwischen haben, auch diesem Einfluss entsprechend ihre Beiträge zahlen. Ob wir bestimmte Leistungen in Anspruch nehmen oder nicht, ist Unterscheidung jedes einzelnen Unternehmens. Aber die gebrachten Leistungen sind doch im Interesse aller. Ich erwarte einfach einen faireren Beitrag: Das heißt, dass die, die breite Schultern haben, auch mehr schultern, als die, die schmale Schultern haben. Karl-Peter Winters: Wie weit sind eigentlich die Mitglieder des Börsenvereins belastet? Das ist zunächst eine numerische Frage. Dann muss man sehen: Wie sieht das aus mit der Kosten-Nutzen-Relation? Ab einer gewissen Größe der Unternehmen ist ja bei vielen Leistungen auch eigene Expertise vorhanden. Man muss sich klar darüber sein: Es gibt nicht DIE Gerechtigkeit. Eine Beitragsstaffel ist der Kompromiss, der von einer überwiegenden Zahl der Mitglieder für akzeptabel gehalten wird. Die Akzeptanz der Beitragsstaffel ist ein Zeichen dafür, ob ein Verband noch funktioniert oder nicht. Wenn man den Kompromissweg verlässt, wird es problematisch. Zur Solidarität: Wir wären alle längst nicht mehr im Verband ohne die Überzeugung, das Solidarität sinnvoll und nötig ist. Höhere Belastungen der Stärkeren sind schon eine Solidaritätsfrage. Man muss nur sehr sensibel ausloten: Wo sind deren Grenzen? Das kann man nicht in einer Debatte klären. Da muss man sehr sensibel Einzelgespräche führen. Zum Vergleich mit den Steuern, die der Staat erhebt: Aus dem Staat kann man nicht austreten, aus dem Börsenverein leider schon. Ulmer: Wir haben zuviel nur scheinbares Wissen: wie viele kleine Unternehmen etwa wie intensiv die Rechtsberatung in Anspruch nehmen. Das sind alles nur gefühlte Werte. Deshalb: Wir müssen gemeinsam Informationen erstellen für eine bessere sachliche Grundlage unserer Diskussion. Ruth Klinkenberg: Wir sind doch eigentlich schon viel weiter als wir glauben. Es gibt doch längst eine Arbeitsgruppe mit dem schönen Namen "Nutzen und Leistungen" oder so ähnlich. Wir können der Arbeitsgruppe den Auftrag geben, daran weiterzuarbeiten. Aber wir sollten nicht wieder von vorne anfangen. Wir haben ja auch schon zwei große Mitgliederbefragungen dazu gemacht. Wir sollten uns vor einer nochmaligen Umfrage hüten. Michael Busch: Ich kann Ihnen da nur zustimmen, liebe Frau Klinkenberg. Ich habe in dieser Arbeitsgruppe körperlich gelitten wie ein Hund, und ich kann Ihnen nur sagen: Ich stehe maximal für eine weitere Sitzung zur Verfügung. Es ist diskutiert worden bis zum Erbrechen. Was es garantiert nicht braucht, ist eine Arbeitsgruppe. Diese ganze Gerechtigkeitsdebatte können Sie führen, lieber Herr Ulmer, bis der Arzt kommt. Wir müssen auch mal gucken, dass wir irgendwann eine Diskussion an den Punkt bringen. Ich bin an den Punkt gekommen, ob ich überhaupt noch mal an so einer Arbeitsgruppe mitmachen würde. Irgendwann ist Redaktionsschluss. Wir haben die Diskussion angefangen, weil vielleicht in der Zukunft das Geld nicht mehr reichen soll. Inzwischen war die BAG - da hätten wir uns die ganze Diskussion klemmen können. Da müssen wir uns mehr mit beschäftigen: Was tun wir eigentlich mit dem Geld, damit es größeren Nutzen stiftet? Aber dieses ,ein bisschen mehr oder weniger' bringt uns nicht nach vorne. Helmut Dähne: Ich kann nur zustimmen. Bloß keine weiteren Arbeitsgruppen. Ich warne dringend davor, ständig nur über Gerechtigkeit und Solidarität zu diskutieren. Solidarität ist so ein schönes Wort, für das man Beifall kriegt - genau so wie für Jugend, Mütter, Kinder. Das ist alles schischi. Vorschlag: keine weiteren Untersuchungen, sondern ein klares Modell auf der Grundlage schon vorliegender Erkenntnisse. Stephan Jaenicke: Herr Dähne, ich finde das zynisch zu sagen, wir hätten im Verband überhaupt keine Solidarität. Die kleineren Unternehmen leisten einen Großteil der Finanzierung des Verbandes. Wir geraten in ein paar Jahren vielleicht in eine Diskussion, dass wir hier neu über Beiträge reden müssen, weil viele Kleine nicht mehr da sind oder ausgetreten - und weil uns dann ihre Beiträge fehlen. Ich denke deshalb, eine gewisse Umverteilung zugunsten der Kleineren wäre ein wichtiges und richtiges Signal des Verbandes an diese Mitgliedergruppe. Karl-Peter Winters: Ich kann das schon gut nachvollziehen, was Sie sagen, Herr Jaenicke. Ich möchte noch einmal aufgreifen, was Herr Ulmer vorhin sagte: Wir haben wirklich nicht genügend Klarheit darüber, welche Leistungen vom Verband eigentlich erbracht werden und wie wir sie quantifizieren können. Damit sich die kleineren Mitgliedsunternehmen nicht irgendwann als Verlierer der Entwicklung fühlen, sollte der Börsenverein noch deutlicher machen, welche Hilfestellungen er gibt. Mein Thema ist: nicht noch mehr fummeln an den Beiträgen, sondern schauen, wie man die Interessen der Mitglieder noch besser wahrnehmen kann. Matthias Ulmer: Herr Dähne, also Paulskirche ist schischi, unsere ganze Kulturarbeit ist schischi - wenn Sie das so nennen, dann bin ich ganz froh darüber, in einem Schischi-Verband zu sein. Sie sagen immer alle: Bloß nicht noch eine AG. Ich frage Sie: Wo sind denn die Ergebnisse der bisherigen AGs? Wir haben soch noch gar keine sinnvollen Resultate. Stichhaltiges, bewertbares material ist doch noch nie dabei herausgekommen. Das Branchenparlament empfiehlt dem Börsenvereinsvorstand am Ende dieser Diskussion, zusätzliche Aktivitäten zum Nutzen für seine Mitglieder und zur Kommunikation des Nutzens in Angriff zu nehmen. Drittes Thema: Preisbindung Erste Rednerin: Elisabeth Ruge, Verlegerin des Berlin Verlags Ich wundere mich darüber, dass in der allgemeinen Öffentlichkeit das Ende der Buchpreisbindung in der Schweiz gar nicht recht wahrgenommen wurde. Was passiert nun in der Schweiz? Experten zucken mit den Schultern und sagen: Schauen wir uns das doch mal an. Ich finde diese Antwort ziemlich skurril. In England hat man in den letzten zehn, zwölf Jahren ganz eindeutig gesehen, was passiert: Der unabhängige Buchhandel - und mit ihm viele kleine Verlage - ist in London und nicht nur dort so gut wie verschwunden. Und es gibt in England auch eine Art Sterben der qualitätvollen Filialisten. Sie treffen in den großen Shops heute auf eine Atmosphäre, die ich als tot bezeichnen würde. Viele Menschen, die dort verkaufen, haben wenig Interesse an dem, was sie dort verkaufen. Deshalb sehe ich den großen Vorteil der Buchpreisbindung in Deutschland auch daran, dass unsere Filialisten und all die kleineren Verlage nicht so unter Druck geraten wie etwa in England. Dort können viele Verlage ihre Programme gar nicht mehr vorstellen - oder allenfalls einer einzigen Person, nicht mehr aber auf Börsen vor vielen Einkäufern. Uns im Berlin Verlag ist es gelungen, zuletzt auch eine Reihe von Büchern am Markt kräftig zu verkaufen, die nicht in den Bestsellerlisten auftauchten. Das geht aber nur, so lange man Ansprechpartner hat auch bei den großen Filialisten. Hier in Deutschland gibt es eben auch bei den großen Filialisten noch viele Leute, die gute Buchhändler sind und ein ernsthaftes Interesse haben an dem einzelnen Buch. Wir kennen noch die so genannten Buchhändlerbücher, also diejenigen Titel, die erst von Buchhändlern stark gemacht werden. Ich mag mir das gar nicht vorstellen, wie wir mit unserem Programm überleben sollten in einer Welt, in der es die Buchpreisbindung nicht mehr gibt. Es wäre wichtig, dass wir noch stärker mit diesem Anliegen in die Öffentlichkeit gehen. Manfred Keiper, Buchhändler in Rostock: Ohne Buchpreisbindung würden wir auch unsere gute Kultur des ,schönen Buches' aufs Spiel setzen. Thomas Bez, Zwischenbuchhändler, Umbreit: Der Zwischenbuchhandel steht für die Vielfalt der Landschaft, aber er lebt auch von ihr. Ohne die Vielfalt und Vielzahl der Buchhandlungen würden die Funktionen des Zwischenbuchhandels überflüssig. Es könnte morgen schon fünf nach zwölf sein. Ob vielleicht manch einer schon seinen Plan in der Schublade hat, wie es am Tag eins nach dem Fall der Buchpreisbindung weitergehen soll? Matthias Ulmer: Die Preisbindung ist ausschließlich von innen bedroht. Wir kennen die Themen: Remittenden, Mängelexemplare und Gebrauchtbücher, Restauflagen. Verleger reden voller Überzeugung für die Preisbindung, aber zuhause im Betrieb läuft zur gleichen Zeit ein Vertriebsleiter rum, der rein umsatzgesteuert agiert. Die Frage ist, wie lange Politiker uns und unser Bekenntnis noch ernst nehmen. Wir sollten sagen: Remittenden und Gebrauchtbücher sind keine Ware mehr. Sie haben ihr Verfallsdatum erreicht. Sie sind ein Fall fürs Papier-Recycling. Heinrich Riethmüller appelliert an die Verleger, sich zu wehren: Sie werden immer abhängiger von den ganz großen Filialisten, die ihre enorme Einkaufsmacht ausspielen. Mich wundert das Stillhalten der Verleger, dass da nicht mehr passiert. Warum gibt man den "50 plus"-Konditionenforderungen der Großfilialisten einfach nach? Damit finanzieren Sie die extreme Flächenexpansion und damit den Verdrängungswettbewerb, der bereits begonnen hat. Manfred Keiper: Dass nicht nur der Umsatz maßgeblich sein darf für die Konditionen, die Verlage dem Buchhandel einräumen, wird von zu vielen Verlagen heute nicht mehr gesehen. Oliver Voerster, KNV: Die Themen, die die Preisbindung gefährden, gibt es schon seit vielen Jahren in gleicher Weise. Die Frage ist, wie öffentlich wir darüber diskutieren wollen. Man kann manche Gefahr auch heraufbeschwören. Vielleicht sollten wir manchmal etwas diplomatischer mit den Dingen umgehen. Ruth Klinkenberg: Was die Rabattspreizung angeht, müssen die Verleger hier endlich reagieren. Da wüsste man doch ganz gerne mal, wo die Unterstützung der Verlage für uns Buchhändler wirklich liegt. Jürgen Horbach, Vemag: Wir Verlage waren lange Zeit in der Situation der wirtschaftlich Stärkeren. Diese Zeiten sind vorbei. Wir sehen uns heute Großabnehmern gegenüber, die natürlich mit uns verhandeln. Man ist als der wirtschaftlich Schwächere auch erpressbar - was ja dann auch genutzt wird. Die Appelle an uns Verlage sind schön und gut. Aber was wollen wir machen? Der öffentliche Aufruf zu einer Kartellbildung kann es ja wohl nicht sein. Thomas Bez: Der Aufruf, sich gesetzeskonform zu verhalten, ist doch kein Kartell. Rainer Nitsche mit einer hübschen Anekdote: Ein großes Augsburger Unternehmen wollte einen unserer Titel in der Schweiz verkaufen und dort um 15 Prozent billiger anbieten. Es wollte deshalb von uns auch einen 15 Prozent höheren Rabatt: also nicht mehr 40, sondern 55 Prozent. Wir haben kurz überlegt und dann gesagt: Okay, die kriegen 15 Prozent weniger Rabatt, also 25 Prozent. Unser Buch ist dann für die Schweiz von denen nicht bestellt worden. Ich habe allerdings gehört, dass einige andere Verlage den entsprechenden Forderungen durchaus nachgekommen sind. Tenor der abschließenden Empfehlung: Das Branchenparlament bestärkt alle drei Sparten des Buchhandels, die Paragraphen des Gesetzes zur Buchpreisbindung in ihrer täglichen Arbeit zu beachten. Es fordert den Börsenverein auf, Verstöße gegen die Preisbindung zu rügen und öffentlich bekannt zu machen.