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Heute keine Konferenz

8. November 2007
Redaktion Börsenblatt
Im Leipziger Literaturhaus erzählte der britische Autor Michael Frayn hinreißend komisch vom Niedergang der Fleet Street. Als Jahrmarkt der Eitelkeiten stand das Herz des britischen Zeitungswesen unserer modernen Medienwelt offenbar kaum nach.
Michael Frayn, 1933 in London geboren, ist Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer – ein Multitalent, so fleißig wie erfolgreich. Seit Mitte der siebziger erschrieb er sich mit Theaterstücken seinen Ruf als Autor hochintelligenter und philosophischer Kommödien. „Der nackte Wahnsinn“, ein Stück über eine Theaterprobe auf und hinter der Bühne, wo Kunst und Leben aufeinanderprallen, wurde 1982 zu seinem ersten internationalen Hit. Auch einige der zahlreichen Romane, die Frayn seit Mitte der sechziger Jahre veröffentlichte, liegen auf deutsch vor, unter anderem „Das Spionagespiel“ (Hanser 2004), für den der Autor 2002 mit dem Whitbread Novel Award ausgezeichnet wurde. Der Schweizer Verlegerin Sabine Dörlemann blieb es vorbehalten, ein übersehenes Kleinod aus dem Jahr 1967 auszugraben: Frayns Roman „Gegen Ende des Morgens“ führt zurück ins Swinging London am Ende der Sechziger – und an den Ort, an dem einst seine Karriere als Journalist beim „Guardian“ und beim „Observer“ begann: die legendäre Fleet Street, Synonym für die britische Zeitungsindustrie. Das Leipziger Literaturhaus, vorletzter Ort von Frayns kleiner Tournee durch Deutschland und die Schweiz, erlebte eine kleine Sternstunde: Wolfgang Engel, Leipzigs scheidender Schauspiel-Intendant, las Passagen der mit staubtrockenem britischem Humor gwürzten fiktiven Karriere-Geschichte von John Dyson, der als Ressortleiter für ‚Kreuzworträtsel und Vermischtes’ einer verschnarchten Tageszeitung vom großen Fernsehruhm träumt. Und Michael Frayn? Erzählte so aufgeräumt, wortgewaltig und witzig von seinen Tagen in der Fleet Street, dass die zwei Stunden im Haus des Buches Journalistik-Studenten locker mehrere Oberseminare Mediengeschichte hätten ersparen können. Seit Rupert Murdoch das von endlosen Gewerkschaftskämpfen blockierte Traditionsviertel mit seinem Imperium verließ, waren die letzten Tage der Fleet Street gezählt – Tage, in denen man, so Frayn mit leicht verklärtem Blick, noch in kiloschwere Schreibmaschinen-Ungetüme aus dem letzten Jahrhundert hackte und in den umliegenden Pubs trinken konnte, bis der Boden wackelte – um anschließend „tausend Wörter über den bestürzenden Verfall der Sitten zu schreiben“. Hochprozentiges hat offenbar auch in den frühen Tagen des britischen Fernseh-Talks eine zentrale Rolle gespielt: Gilt heute das vorzeitige Verlassen von Quasselrunden als Königsdisziplin, drohte das Ganze damals schon im sinniger Weise „hospitality room“ genannten Vorbesprechungszimmer zu enden: „Bei der Zahl der Drinks, die da ausgeschenkt wurden, war’s ein Wunder, dass man es bis ins Studio schaffte.“ Tempi passati. Oft wurde Frayn von Kollegen glaubhaft versichert, dass es sich bei der von ihm geschilderten Zeitung um den „Guardian“ handle; andere wußten: Es kann nur der „Observer“ sein. Frayn, sybilinisch: „Ich würde sagen, die Zeitung steht für sich, wie das nun mal so ist bei fiktiven Gebilden.“ Einige Eigenschaften seines Protagonisten John Dyson, das immerhin verriet Frayn, habe er von John Silverlight, Leitartikler des „Observer“, ausgeborgt. Der offensichtlich nie etwas davon merken wollte, auch als die ganze Zeitung ihn schon aufzog. Frayn lüftete das „Geheimnis“ mit britischem Understatement: Im Nachruf auf den geschätzten Kollegen.