Zwischen Pop und Propaganda – Das Buch in China. Die Themen

12. November 2007
Redaktion Börsenblatt
Die Zeiten, als in China nur Maos Schriften und wenige ideologische Werke auf dem Nachttisch liegen durften sind seit langem vorbei. Zweifelhaft ob die Menschen sich früher dafür interessierten – heute spielt Propagandaliteratur keine bedeutende Rolle mehr im Alltag der Chinesen.
Das Themenspektrum ist in China mittlerweile bis auf wenige sensible Ausnahmen annähernd so breit gefächert wie in anderen Industrienationen. Klassische chinesische Literatur oder internationale Belletristik – Reiseführer oder Fitnessratgeber – Populärwissenschaftliche Sachbücher oder Bücher zur Weiterbildung – chinesischen Lesern steht eine große Auswahl zumindest in den modernen Buchhandlungen der großen Städte zur Verfügung. Es lassen sich drei Bereiche unterscheiden. Fast die Hälfte des Umsatzes auf dem Buchmarkt wird mit Schulbüchern getätigt. Kein Wunder, bei 300 Millionen Menschen unter 18 Jahren. In China wird Bildung darüber hinaus traditionell ein hoher Stellenwert eingeräumt, so dass die nicht vorhandene Lehrmittelfreiheit nicht so stark ins Gewicht fällt. Immer mehr chinesische Verlage wollen an dem Markt mit 122 Millionen Grundschülern und knapp 96 Millionen Mittel- und Oberschülern teilhaben. Der Schulbuchsektor ist aber vollkommen in staatlicher Hand. Für die chinesische Regierung kommt eine Öffnung dieses sensiblen Bereichs bislang nicht in Frage. Einen weiteren großen Themenbereich bilden Fachbücher für das berufliche Vorankommen. Der Großteil dieser Bücher stellen Werke zu Naturwissenschaften, Technik und Computer dar. Bedingt durch die Entwicklung hin zu modernen Technologien und der Ausbreitung des Internets, waren 2004 allein 25.000 bis 29.000 Computertitel auf dem Markt. Weitere wichtige Felder sind Maschinenbau und Architektur. Zusätzliches berufliches Interesse besteht an Medizinbücher und Büchern für die Rechtswissenschaften. Zwar sind die durchschnittlichen Auflagen eher gering - zwischen 1.000 und 5.000 Exemplaren - dafür werden diese Bücher zu einem hohen Ladenpreis verkauft, da die Zielgruppe Ärzte und Anwälte zu den Besserverdienern gehören und auf die berufliche Weiterbildung angewiesen sind. Gerade im medizinischen Bereich sind Werke zu den neuesten Entwicklungen der Schulmedizin gefragt. In den Rechtswissenschaften bedingt die Schaffung eine neuen Rechtssystems ständigen Weiterbildungsbedarf. Schließlich gibt es noch den Bereich der Sachbücher und Belletristik, also Bücher die vorrangig für den privaten Gebrauch angeschafft werden und der Unterhaltung oder Information dienen. Der Bereich Belletristik umfasst neben traditioneller chinesischer Literatur natürlich auch fast alle internationalen Bestseller, wie z.B. Dan Browns Sakrileg. Zeitgenössische deutsche Literatur hat es in China jedoch schwer. Dies ist bekanntermaßen aber ein Phänomen, das nicht nur in China auftritt. Auf dem Kinderbuchmarkt hatten deutschsprachige Werke in den letzten Jahren mehr Erfolg. Das erfolgreichste deutschsprachige Lizenzprojekt war mit Abstand „Tiger Team“ von Thomas Brezina im Terzio Verlag, das von Zhejiang Juvenile und Children’s Book Publishing House in Kooperation verlegt wird. Mehr als 30 Bände der Serie und 2,6 Millionen Exemplare wurden in China verkauft, im April 2005 stand die Serie auf den ersten drei Plätzen der Kinder- und Jugendbuchbestsellerliste. Das Interesse an deutscher Kinder- und Jugendliteratur hat zwei Gründe: zum einen gilt sie als qualitativ und pädagogisch hochwertig, zum anderen ist der Bedarf an guter Kinder- und Jugendliteratur in China mangels nationaler Alternativen stark ausgeprägt. Die chinesische Verlagsbranche unternimmt allerdings große Anstrengungen, diesen Mangel auszugleichen. Durch den Einkauf von Lizenzen und der Entwicklung eigener Programmlinien haben chinesische Verlage im Kinder- und Jugendbuchbereich stark aufgeholt. Außerdem wuchs der Markt für Comics in den letzten Jahren stark. Bislang waren vor allem Comics aus Amerika, Japan und Europa stark vertreten, chinesische Titel machten nur 5 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Allerdings wurde von chinesischen Verlagen versucht, an dem wachsenden Markt teilzuhaben. Das Hebei Fine Arts Publishing House investierte z.B. massiv in ein Zentrum für die Produktion und Herstellung chinesischer Comics. Der Verlag gilt seitdem als Spezialist für Comics in China. Ein weiterer Trend zeigt sich beim Lesealter: Bislang galten Comics als Bücher für Kinder und Jugendliche. Zunehmend werden Comics jedoch in China von Erwachsenen gelesen, da die Themenvielfalt und Qualität der anspruchsvollen Comics in den letzten Jahren stark stieg. Für Erwachsene werden durch den steigenden Wohlstand Management- und Wirtschafts-Ratgeber, Reiseführer sowie Life-Style-Bücher immer attraktiver. Der Markt wächst, und besteht mittlerweile aus 20.000 verschiedenen Titeln. Gerade in diesem Bereich besteht großes Interesse an westlichen Übersetzungen wie der US-amerikanische Bestseller „Who Moved My Cheese“, der mehr als zwei Millionen mal in China über den Ladentisch wandere, Raubdrucke nicht eingeschlossen. Dieser Markt zeigt jedoch mittlerweile gewisse Sättigungstendenzen. Internationale Autoren und ein gelungenes Layout sind mittlerweile absolute „must haves“. Schließlich erfreuen sich Bildbände in jüngster Zeit steigender Beliebtheit, da das verfügbare Einkommen steigt, die Menschen weniger Zeit zum Lesen haben, und repräsentative Bildbände den oft so wichtigen Status erhöhen können. In diesem Sinn ist der chinesische Leser gar nicht so verschieden vom deutschen Leser. Das Angebot in einer gut sortierten chinesischen Buchhandlung in einer der Großstädte steht dem Angebot eines Buchkaufhauses in Deutschland also in nichts nach. Auf dem Land ist das Angebot allerdings weit kleiner. Dies ist vor allem ein Problem des unterentwickelten Vertriebssystems, welches in einem der folgenden Beiträge angesprochen wird. Wie es einem Buch ergeht, wenn es die Buchhandlung verlassen hat, erfahren Sie im nächsten Beitrag: Vielleser und Analphabeten. Lesegewohnheiten in China.