Impressionen von der Buchmesse in Algier

„Wir arbeiten nach Gefühl“

14. November 2007
Redaktion Börsenblatt
Der Buchmarkt des Landes ist dramatisch unterentwickelt, die Verleger haben keinen funktionierenden Verband, Vertrieb und Bestellwesen sind unbekannt, ein VLB ist inexistent, die Buchhandlungen rar und schlecht ausgestattet, ein Bibliothekswesen erst in den Kinderschuhen, Statistiken und Bibliographien Fehlanzeige, eine strukturierte Leserschaft nicht vorhanden. Adolf Wild hat sich auf der Buchmesse in Algier umgeschaut, die vergangenen Freitag zu Ende gegangen ist.
Es ist alle Tage wie Samstagnachmittag auf der Frankfurter Buchmesse: Gedränge, Geschiebe, kein Durchkommen. Nur sind wir weit weg davon in dem Ausstellungskomplex Pins Maritimes von Algier, wo vom 31. Oktober bis 9. November die SILA, die 12. Internationale Buchmesse des großen Maghreb-Landes, abgehalten wird. Angesichts dieser Masse von Besuchern kann man nur von einem überwältigenden Erfolg sprechen, doch ist dieser nur die Kehrseite einer andauernden Misere. Der Buchmarkt des Landes ist dramatisch unterentwickelt, die Verleger haben keinen funktionierenden Verband, Vertrieb und Bestellwesen sind unbekannt, ein VLB ist inexistent, die Buchhandlungen rar und schlecht ausgestattet, ein Bibliothekswesen erst in den Kinderschuhen, Statistiken und Bibliographien Fehlanzeige, eine strukturierte Leserschaft nicht vorhanden. Aus all dem resultiert, dass die Verlage auch keine Werbung machen, keine Prospekte drucken und keine Programme verschicken. Neue Titel werden kaum angekündigt. Fast sind sie Betriebsgeheimnis. Wer Bücher erwerben oder auch nur einmal in großer Anzahl in die Hand nehmen will, der muss auf diese Buchmesse gehen. Sie ist eine Verkaufsmesse, Rabatte locken den Käufer. Hier kann er endlich einmal zugreifen und seine Plastiktüten füllen. Es muss für lange Monate reichen. Das Angebot ist beeindruckend. Alle Sparten sind abgedeckt. Immerhin sind 559 Verlage aus 27 Ländern vertreten, davon 163 aus Algerien selbst. Da die ausgestellten Bücher – so eine neue Vorschrift – nicht älter als fünf Jahre sein dürfen, wird das Mitschleppen eines verstaubten Altbestandes vermieden. Der Bedarf an wissenschaftlicher Literatur, fachbezogenen Werken und Studienbüchern steht allem anderen voran. Hier haben die französischsprachigen Verlage aus dem Hexagon und Belgien fast ein Monopol. Auch der deutsche Wissenschaftsverlag Springer grast auf dieser Weide, wenn auch nur mit einheimischer Standbesetzung. Aber auch die bunte Welt der Kinderbücher nimmt breiten Raum ein. Aufgeregt angesichts des Angebots stöbern viele Mütter für ihren Nachwuchs in den Regalen. Belletristik ist da nur ein Randbereich. Trotzdem gibt es eine ganze Reihe von Verlagen, die ein anspruchsvolles Programm vorlegen. Das Haus Casbah ist da als großes Traditionsunternehmen mit vielen Neuerscheinungen zu nennen. Die Befreiungsgeschichte wird in vielerlei Memoirenbänden aufgearbeitet. Mehr als 50 Titel darf ohnehin niemand ausstellen. Für den Staatsverlag ANEP scheint das aber nicht zu gelten. Quasi offiziell ediert und reediert er im großen Stil, so die gesammelten Werke des diesjährigen Laureaten des Buchhändlerpreises, Rachid Boudjedra, in französischer und arabischer Sprache (in deutscher Übersetzung im Verlag Donata Kinzelbach). Der Aufsteiger des Jahres ist der Verlag Barzakh. Das junge und dynamische Verlegerpaar Sofiane Hadjadj und Selma Hellal verbindet literarische Qualität mit künstlerischer Aufmachung in eindruckvoller Weise. Maïssa Bey, die in Deutschland mit dem LiBeratur-Preis ausgezeichnet wurde, gehört zu seinen Autoren. Der Verleger selbst steuert einen Krimi bei, offenbar ganz allgemein ein beliebtes Genre. Unter den eingangs geschilderten Bedingungen ein ehrgeiziges literarisches Programm auf die Beine zu stellen, ist ein hohes Wagnis. Der Absatz ist auf jeden Fall beschränkt. 1000 Exemplare gelten als Renner, 1500 Stück als Bestseller. Zielgruppenarbeit ist unmöglich. Man arbeitet – wie der Verleger Mohamed Bouillatabi sagt – einfach „nach Gefühl“. Das ist höchst riskant angesichts steigender Kosten. Auch der Höhenflug des Euro ist eine Gefahr. Mit ihm klettern die Papierpreise ins Uferlose. Da gleichzeitig viele Buchhandlungen von anderem Kommerz verdrängt werden, ertönt allenthalben der Ruf nach dem Staat. Der müsse den „Mord am Buch“ verhindern, wie Freha Benhamadi, der Leiter des größten Literaturverlags Dar El Gharb in Oran, es zuspitzt. Ein Glücksfall ist es da, dass in diesem Jahr Algier zur Kulturhauptstadt der arabischen Welt ausgerufen wurde. Das Kulturministerium legte dazu ein großzügiges Subventionsprogramm für insgesamt 1 001 (!) Titel auf. Bücher über das nationale Kulturerbe und den Unabhängigkeitskampf des Landes stehen dabei im Vordergrund. Es profitieren jedoch auch viele andere. Alle hoffen auf eine Fortführung dieser Zuschüsse. Nur „massive Staatsintervention“, nicht zuletzt über das Unterrichtswesen, könne verhindern, dass Generationen von Nichtlesern heranwüchsen, so Sofiane Hadjadj. Es gibt noch eine andere Gefahr, und die fällt vom ersten Augenblick schockartig ins Auge. Das ist die überwältigende Präsenz der religiösen Verlage. Ihre Stände drücken die anderen regelrecht an die Wand. Ihre Regale sind dicht gefüllt mit aufwändig ausgestatteten Büchern. Berge von Kartons werden laufend ausgepackt und die Bücher und Tonkassetten regelrecht wie Brötchen abverkauft. Offenbar sind sie billig oder billig gemacht, durch wen, bleibt unklar. In großen Plastiksäcken wird alles hinweggeschleppt zum Weiterverkauf in der Provinz. Es handelt sich, so wird uns gesagt, um vorwiegend integristische Literatur. Die Verherrlichung des Djihad und der Aufruf zur Gewalt sind allerdings verboten. 50 Titel sind angeblich offiziell indiziert. Insofern mussten die Islamisten zurückweichen und die Regeln des friedlichen Versöhnungsprogramms akzeptieren. Es fragt sich, für wie lange. Zumindest ihre Kundschaft tritt selbstbewusst auf. Die Bärtigen tragen frommem Einheitslook aus weißem Kaftan, Käppi und Sandalen. Die Frauen sind tief verschleiert. So bestimmen sie das Bild, auch wenn sie wohl nicht wirklich die Mehrheit sind. Im vorigen Jahr hatte man den Religiösen die Haupthalle ganz überlassen. Alle übrigen teilten sich eine zweite Halle. Diese Dominanz wollte man diesmal aufbrechen, indem man die Standzuteilung völlig durchmischte. Dadurch sind aber jetzt die Bärtigen überall. Man ist von ihnen umzingelt. Der Unmut darüber findet sich sogar in den Spalten der relativ freien Presse. Yasmina Khadra, der als Star von einem Interview zum anderen eilt, empfindet diese Nachbarschaft als verstörend. Jeder blicke nur starr am anderen vorbei. Man fragt sich aber, wohin dann mit den Wahhabiten. Tiefe Gräben in einer zerrissenen Gesellschaft! Dass auch der Staat dem Frieden nicht traut, zeigt sich an dem immensen Sicherheits- und Kontrollsystem, das überall aufgebaut ist. Schon das Taxi, das sich dem Messegelände nähert, wird überprüft. Ist man erst einmal vor Ort, so folgt eine Taschenkontrolle und Sicherheitsschleuse der nächsten. Uniformierte sind überall postiert. Selbst die Innentoiletten der Hallen sind geschlossen. Sie wären der ideale Ort für einen Anschlag. Immerhin herrscht in der Hauptstadt seit einem halben Jahr völlige Ruhe. Totalüberwachung ist der Preis dafür. Den Blick für Positives darf man sich aber nicht verstellen lassen. In einer zum Literaturcafé firmierten Sonderhalle läuft während der gesamten Messe ein Vortrags- und Diskussionsprogramm, das freier kaum sein könnte. Gewiss verläuft es für unsere Begriffe bisweilen etwas ungeordnet. Wer letztlich auf dem Podium sitzt, bleibt immer eine Überraschung. Aber immerhin trifft die ganze intellektuelle Elite sich hier, um über „Kultur und Globalisierung“, „Kultur und Medien“ und vieles mehr zu debattieren. Ein besonderer Akzent wird mit dem Programmpunkt „Weibliche Stimmen“ gesetzt. Mit sichtbarem Stolz werden hier zehn Autorinnen aus vier arabischen Ländern präsentiert. Ihre Modernität soll Vorbild sein. Auch Ausländer finden sich bei diesen Podien, die meisten aus dem Libanon, der Ehrengast der Messe ist. Deutschland eng verbunden ist darunter der große Lyriker Fuad Rifka, der gerade ein halbes Jahr am Berliner Wissenschaftskolleg verbrachte. Auch die einzige anwesende deutsche Verlegerin, Donata Kinzelbach aus Mainz, hat hier ihren Auftritt. Eingeladen hat sie das Goethe-Institut in Algier. Kinzelbach, die sich seit 20 Jahren ganz auf maghrebinische Literatur in deutscher Übersetzung spezialisiert hat, stellt ihren Verlag vor und diskutiert über algerische Gegenwartsliteratur und ihre Rezeption in Deutschland. Die Medien beachten sie stark. Als Frau und als Deutsche hat sie alle Aufmerksamkeit, zumal die gesamte deutsche Verlagswelt durch Abwesenheit glänzt. Ihr Besuch wird deshalb als Ehre empfunden. Nachzutragen bleibt, dass bei all diesen Informations- und Diskussionsveranstaltungen die bärtigen Frommen im Publikum ausnahmslos fehlen. Der Austausch von Argumenten ist ihre Sache nicht. Anzumerken ist auch, dass das staatliche Fernsehen der Buchmesse viel Platz einräumt. Schon im Frühstücksprogramm werden Autoren interviewt, Bücher vorgestellt und Verlegern das Wort erteilt. Auch dies ist eine Art Förderung, die allen nutzt, nicht zuletzt den Autoren in ihrer – trotz Brotberuf – oft prekären Situation. Die Messe hat im Übrigen auch ein leitmotivisches Motto. Es hieß „Freiheiten und Vorstellungswelt“ (Libertés et Imaginaire). Das sollte durchaus so gemeint sein wie es klang. Der Regierungsbeauftragte für die Messe, Ahmed Boucenna, hatte im Vorfeld schon den Ton vorgegeben. Man wolle die „befreienden Kräfte der arabischen Gegenwartsliteratur ins Licht setzen“. Diejenigen Autoren sollten herausgestellt werden, die „die Freiheit des Denkens und das Verlangen nach Befreiung der arabischen Gesellschaften gefeiert haben“. Die Leitartikler folgten ihm allenthalben und priesen die emanzipatorische Kraft des Wortes. So weit, so gut. Als aber an einem Abend, wo fast die gesamte Intelligenzia zusammen sitzt, bekannt wird, Präsident Musharraf habe in Pakistan das Kriegrecht verhängt, da ist die Zustimmung einhellig. „Das ist die einzige Sprache, die sie verstehen“, ist übereinstimmende Meinung. Hehre Ideale, Freiheitspathos und dann raue Wirklichkeit. Antworten sind nicht einfach. Als einzige Vertreterin der deutschen Verlagsszene war die Verlegerin Donata Kinzelbach aus Mainz auf der 12. internationalen Buchmesse in Algier. Das Goethe-Institut Algier hatte die Verlegerin aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums des Verlags Donata Kinzelbach eingeladen, der als einziger in Deutschland auf Literatur aus dem Maghreb in deutscher Übersetzung spezialisiert ist.