Kleinfilialisten

"Nicolibri" spannt sein Netz übers Paderborner Land

20. Januar 2020
von Börsenblatt Online
Auch Indie-Buchhandlungen expandieren, nur eben im kleinen Stil. Nicole Bettermann betreibt mittlerweile vier Läden in Ostwestfalen - und hat den Standort-Ausbau ihrer Buchhandlung "Nicolibri" bislang nicht bereut. Mehr zum Thema Kleinfilialisten: in der aktuellen Printausgabe des Börsenblatts.

Im digitalen Zeitalter müssen Buchhandlungen erfinderisch sein, um dem Handel im Netz zu trotzen. Umso mehr gilt das für Läden auf dem Land. Aber es gibt Menschen, die das nicht abschreckt: Nicole Bettermann hat vor rund 15 Jahren den Schritt von der Stadt in einen kleinen Ort gewagt. Sie tauschte eine sichere Stelle als Filialleiterin gegen den Sprung in die Selbstständigkeit ein. Inzwischen besitzt sie vier Buchhandlungen im Paderborner Umland. Und hat den Schritt bislang nicht bereut.

Immer wieder kam Bettermann an dem kleinen Ladenlokal vorbei, im Zentrum gelegen und seit einiger Zeit ohne Mieter. Die Apotheke, die dort zuvor jahrelang Medikamente verkaufte, hatte zu gemacht. Und so setzte sich eine Idee bei ihr fest: Warum sollte es nicht sie sein, die dem Laden neues Leben einhaucht? Schon länger hatte sie mit dem Gedanken gespielt, sich hier eine berufliche Existenz aufzubauen. Warum nicht in dem kleinen Örtchen Wewer, der noch zu Paderborn gehört?

In der Buchhandlung ihres Vertrauens fing alles an

Die 46-Jährige ist mit Leib und Seele Buchhändlerin. Schon als Kind las sie gerne, nach dem Abitur studierte sie zunächst Kunstgeschichte und Archäologie, merkte aber bald, dass das Studium für sie viel zu trocken und zu theoretisch war. Der Berufsberater beim Arbeitsamt schlug ihr schließlich vor, eine Ausbildung als Buchhändlerin zu machen. Damit hatte er - ohne es zu wissen - genau ins Schwarze getroffen.

Bettermann ging dahin, wohin sie ihr Weg in den vergangenen Jahren schon so oft geführt hatte: In die Buchhandlung ihres Vertrauens in ihrem damaligen Wohnort Brilon im Sauerland. Der Besitzer hatte zwar eigentlich schon einen Auszubildenden, gab ihr dennoch eine Chance – er kannte sie schließlich als eine fleißige Leserin. Bettermann nutzte die Möglichkeit, absolvierte die Ausbildung und wurde schon nach einem Jahr Filialleiterin. Über zehn Jahre hatte sie dort gearbeitet, als es sie der Liebe wegen nach Ostwestfalen verschlug. Mit ihrem Mann und ihrer inzwischen neunjährigen Tochter lebt sie im nahegelegenen Alfen. Nun sollte der Schritt in die Selbstständigkeit folgen.

Die erste Buchhandlung in Wewer

Sie hatte damals mit ihrem ersten Ladenprojekt großes Glück: Ihr Vermieter war von ihren Plänen begeistert. Bettermann hatte zudem wichtige Vorarbeit geleistet. Gut ein Jahr lang hatte sie immer wieder überlegt, alles finanziell durchgerechnet, schließlich gute Konditionen bei einer Bank gefunden. Und viele Ideen im Kopf.

Von Anfang an war ihr klar, dass ein Geschäft ausschließlich mit Büchern in dem kleinen Ort kaum eine Chance haben würde. Sie entschied sich dafür, Schreib- und Schulsachen in das Sortiment aufzunehmen. Weitere Dinge – die das Bücherlesen gemütlich machen – sollten dazukommen: So entstand eine kleine, aber feine Auswahl von Weinen und Tee sowie von fair gehandelter Schokolade. Das Konzept ging auf, der Laden läuft.

Aus eins mach vier: Borchen, Schlangen, Büren

Bettermann fühlte sich ermutigt, in den folgenden Jahren weitere Filialen im Umkreis zu eröffnen: In Borchen musste eine "Schlecker"- Filiale schließen, dort findet man seit 2013 Bücher auf 140 Quadratmetern. Dann suchte ein kleiner Buchladen in Schlangen einen Nachfolger. In Büren schließlich gab es 2017 die nächste Gelegenheit. Dort konnte sie ebenfalls eine Buchhandlung von den Vorbesitzern übernehmen.  Während Borchen und Büren noch zum Landkreis Paderborn gehören, befindet sich Schlangen schon im Nachbarkreis Lippe.

Jede Filiale ist anders, abgestimmt auf das, was in den jeweiligen Orten noch so benötigt wird. "Der Mix muss passen", meint Bettermann. Jedes Geschäft befindet sich in zentraler Lage in Orten mit jeweils weniger als 10.000 Einwohnern. Bettermann kann sie alle bequem an einem Vormittag mit dem Auto abfahren, wenn sie möchte. Alle vier Läden firmieren alle unter dem Namen "Nicolibri", angelehnt an Bettermanns Vornamen.  Und ihre Kunden verbinden damit weit mehr als den bloßen Kauf von Büchern.

Bücherparty: "Nicolibri blüht auf"

Bettermann und ihre Mitarbeiterinnen laden nicht nur zu Lesungen ein, sondern gestalten Bücherpartys. Im Frühjahr heißt es "Nicolibri blüht auf", im Herbst "Literarische Dämmerstunde".  Bei einem Glas Wein können Leser sich dabei abends gemütlich nach neuen Büchern und schönen Deko-Artikeln der Saison umschauen. Kindern bietet die Buchhandlung die Möglichkeit, sich als Mitglied eines Buchclubs Leseexemplare auszuleihen. Die einzige Bedingung: Sie sollen im Anschluss darüber schreiben, wie ihnen das Buch gefallen hat.

Zudem arbeiten die Filialen eng mit Schulen zusammen. Bettermann und ihre Mitarbeiterinnen stellen auch dort ehrenamtlich Bücher vor. Und Kindergärten können sich Bücher für Vorschulkinder ausleihen. Auf Literaturtagen hält Bettermann auch schon mal Vorträge, etwa zur aktuellen Kinder- und Jugendliteratur vor Mitarbeitern aus Büchereien oder Erzieherinnen. Seit ein paar Jahren fährt sie mit interessierten Lesern zur Buchmesse nach Leipzig. "Der Ideenordner ist voll", sagt Bettermann. Das glaubt man der umtriebigen Geschäftsfrau sofort. Und sie ist auch offen für Vorschläge ihrer Mitarbeiterinnen. "Die sind jederzeit herzlich willkommen."

Auch im  digitalen Zeitalter ist "Nicolibri" längst angekommen: Online kann man Bücher rund um die Uhr bestellen, über Facebook und Instagram werden Neuigkeiten und Büchertipps gepostet. Gerne teilen Bettermann und ihr Team auch Fotos, die zeigen, welche Bücher sie gerade lesen. Bei Bettermann sind es meistens mehrere gleichzeitig.

Eine 40-Stunden-Woche kennt sie nicht

Sie hat sehr viel Energie und Zeit in ihre Läden gesteckt - wenn es irgendwo mal nicht so gut läuft, überlegt sie gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen, was verbessert werden könnte. Eine 40-Stunden-Woche kennt sie nicht, auch ihr Mann ist selbstständig (als Metallbauer) und mehr als zehn Tage Urlaub im Jahr sind nicht drin. Dafür gönnt sich Nicole Bettermann immer mal wieder Kurztrips mit ihrer Familie, um aufzutanken. Doch obwohl die Freizeit knapp bemessen ist - tauschen würde sie nicht: "Ich möchte nichts anderes machen."