Abendland« von Michael Köhlmeier, 800 eng bedruckte Seiten ich habs geschafft, großes Buch. Ebenso »Die Wissenden«, der erste Band von Mircea Cartarescus Trilogie »Orbitor« (insgesamt 1?500 Seiten). Mark Z. Danielewskis verschachtelter Postmodernismus-Mammutroman »Das Haus« ist allerdings fürs Erste auf dem Nachttisch liegen geblieben. Dafür: die knapp 1?400 Seiten von Littells SS-Roman mit Furcht und Schrecken bewältigt.
Und es geht weiter im Großformat. Für den Herbst steht ein Tausendseiter des ehrgeizigen Uwe Tellkamp in Aussicht (»Der Turm«). Und wenn am Horizont etwas gewaltig rumpelt, dann ist es wohl der neue Pynchon (»Gegen den Tag«): 1600 Seiten. Das sind etwa 50 Stunden hochkonzentrierte Lesezeit. »Ich bin 30 Spielfilme« könnte man als Werbe-Banderole um den für Mai angekündigten Roman binden.
Nietzsche nannte Wagners Musikdramen einmal »Lastwagen nach dem Himmelreich«. Die erwähnten Romane könnte man als Schwertransporter in den Lesehimmel bezeichnen. Und es gibt offenbar immer mehr davon. Die Literatur geht in diesen Jahren gewaltig in die Breite. Wir leben wieder in epischen Zeiten. Romane von 200 Seiten wirken beinahe schon kümmerlich, ein bloßer Lese-Snack.
Handelt es sich um Trotzreaktionen der angeblich untergehenden Lesekultur? Ist der dicke Roman ein ähnliches Phänomen wie der bullige, spritfressende Geländewagen? Wo jeder weiß: Eigentlich würde es auch ein sparsamer Kleiner tun? Wohl kaum, denn auch im Jugendbuch (»Harry Potter«, »Tintentod«) werden vitale Zyklen vorgelegt, bei denen Zwölfjährige Marathon-Lesestrecken bewältigen, die die Kondition von Proust-Lesern erfordern.
Aufseiten der Autoren sind hohe Ambitionen im Spiel. Wer in der ersten Liga mitspielen will, muss irgendwann ein Großwerk vorlegen. Im harten Kampf um die Aufmerksamkeit des Betriebs verspricht der Tausendseiter zum Alpharomantier der Saison zu werden und diese womöglich zu überleben.
Aber wer hat überhaupt die Zeit für diese Bücher? Statistisch dürfte es solche Leser gar nicht geben. Wo doch der Durchschnittsbürger pro Tag knapp vier Stunden fernsieht, ebenso lange im Internet surft und nach Feierabend auch den Lockungen der Event-Kultur nicht widerstehen kann. Von zeitintensiven Beschäftigungen wie Kinderaufzucht und Partnerschaft ganz zu schweigen. Der Wucht-Wälzer steht wie ein Monolith aus einer anderen, entschleunigten Welt im Sperrgebiet der alltäglichen Anforderungen unangepasst, uneffizient. Faszinierend anders.
Offenbar gibt es eine (neue?) Szene von unverdrossenen Lesern, die aus der medialen Blödel- und Quasselkultur ausgestiegen sind. Sie wissen, dass die Großwerke etwas Unvergleichliches leisten. Es sind Lebensbegleiter für Wochen. Der Reiz besteht darin, dass man von seinen Tagesgeschäften immer wieder zurückkehrt in ein literarisches Paralleluniversum. Man kann auf Dauer heimisch werden in einem solchen Buch. Das ist eine Erfahrung, wie sie keine andere Kunstform bietet. Den Leser freut es, aber es gibt auch Leidtragende bei der Renaissance der Lese-Dinos: die freien Kritiker. Angesichts des Lektüreaufwands nähert sich ihr Stundenlohn dem eines bolivianischen Lastenschleppers.
Gibt es wieder mehr Leser, die sich gern auf lange Lektüren einlassen? Diskutieren Sie mit uns!