Interview

"Eine andere Perspektive auf Werk und Person"

14. Januar 2009
von Börsenblatt
Gehen die Verfasser von Briefen davon aus, dass ihnen die Nachwelt über die Schulter blickt? Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger berichtet über Briefwechsel-Editionen im Zeitalter der elektronischen Post und die Arbeit an der Korrespondenz zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld. Mehr über neu erschienene Briefbände können Sie in der morgigen "Börsenblatt"-Ausgabe lesen.
Man stellt sich die Herausgabe von Briefwechseln als Kärrnerarbeit vor – von der aber doch einige Faszination ausgeht. Richtig? Raimund Fellinger: Unsere Ausgaben sind ja in der Regel personale Briefwechsel – wo wir auch die Antworten haben. Da finde ich natürlich das Wechselspiel zwischen den Briefschreibern spannend. Entsteht mit der Zeit ein imaginäres Gespräch über Jahrzehnte, so etwas wie eine Republik der Geister? Fellinger: Das ist das eine. Man bekommt aber auch mit, wie Bücher entstehen. Nicht nur ästhetisch. Man gewinnt eine andere Perspektive auf das Werk und die Person, auf die Verlagsgeschichte. Sind Briefwechsel Teil des Werks? Fellinger: Selbstverständlich! Schon bei den klassischen Ausgaben im 19. Jahrhundert, allerspätestens im 20. Jahrhundert, gab es immer eine Abteilung ‚Briefe’. Das waren dann zumeist die, die der Autor geschrieben hat. Erleben wir gerade eine größere Aufmerksamkeit für Selbstzeugnisse aller Art, damit auch für Briefe? Fellinger: Man könnte argumentieren, dass eine Textgattung erst richtig in den Blick tritt in dem Moment, wo sie im Verschwinden begriffen ist. Objektiv gibt es ja einen Bruch in den Korrespondenzen, den man seit Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts spürt und der mit leichteren Reisemöglichkeiten, dem Telefon, dem Siegeszug der E-Mail zu tun hat. Wobei es keinen Grund für Kulturpessimismus gibt: Letztlich leben selbst E-Mails – zumindest formal – immer noch davon, dass sie Charakteristika von Briefen imitieren. Briefe enthalten oft intime private Details aus dem Leben der Verfasser, die posthum ins Scheinwerferlicht geraten. Gibt es Grenzen für den Herausgeber? Fellinger: Eine klare Grenze ist natürlich der Schutz von Persönlichkeitsrechten. Da muss man dann halt ab und zu Sätze auslassen und die Lücken kennzeichnen. Uns Leser treiben nicht nur hehre philologische Motive, manchmal sind wir einfach nur neugierig ... Fellinger: Klar. Aber machen wir uns auch da nichts vor: Bei vielen Briefen, die etwa Uwe Johnson oder Thomas Bernhard mit Siegfried Unseld tauschten, gingen die Verfasser beim Schreiben davon aus, dass ihnen die Nachwelt über die Schulter blickt. Die im 18. Jahrhundert aufgekommene Theorie, dass Briefe der vollkommenste, intimste und unverstellteste Ausdruck des Inneren ihrer Verfasser seien, ist doch inzwischen ziemlich überholt. Zumindest, wenn es reflexiv wird, schreibt man auch mit Blick auf eine Öffentlichkeit. Welchen Stellenwert haben Brief- und Briefwechsel-Editionen bei Suhrkamp? Fellinger: Wir haben in vielen Fällen das Gesamtwerk von Autoren – den kompletten Celan, Johnson, Bernhard oder Koeppen. Wenn man deren Briefwechsel als entweder unmittelbar zum Werk gehörend oder gleich nach dem Werk kommend begreift, ist es klar, dass man die Bücher macht. Wenn es dann noch Glücksfälle wie den zum Bestseller gewordenen Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan gibt – um so besser. In der Regel sind die verkauften Auflagen sehr viel kleiner – bei oft gewaltigem editorischem Aufwand. Wie bekommt man die Bücher zu einem auch fürs allgemeine Publikum noch tragbaren Preis auf den Markt? Fellinger: Wir haben bisher das Glück, dass wir auf Archive wie das Johnson-Archiv und das Archiv der Peter-Suhrkamp-Stiftung an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt, das Thomas-Bernhard-Archiv oder das Max-Frisch-Archiv zurückgreifen können. Die Bücher als Verlag ganz allein zu stemmen, wäre fast ausgeschlossen – da würde ein Bachmann/Celan-Briefwechsel gerade ausreichen, einen weiteren Band mitzufinanzieren. Durch die Zusammenarbeit mit den genannten Archiven ist es möglich, Briefbände zu edieren, ohne allzu große Löcher ins Verlagsbudget zu reißen. Der von Ihnen herausgegebene Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld war bereits fürs Mai 2008 angekündigt – nun kommt er im Frühjahr 2009. Eine Sisyphos-Arbeit? Fellinger: Während der Arbeit am Buch ist bei mir einfach viel Arbeit dazugekommen. Ich bin ja nicht nur Herausgeber und Lektor dieses Bandes, sondern auch Cheflektor bei Suhrkamp. Das andere ist: Der Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld hat eine ganz eigentümliche Struktur. Sobald sich die beiden einigermaßen gut verstehen, werden Briefe ausgetauscht. Sobald aber zunächst völlig unüberbrückbar scheinende Differenzen auftreten, trifft man sich. Wir haben im Laufe der Arbeit gemerkt, dass wir auf einen Briefwechsel zusteuern, der das Entscheidende nicht enthält! Da Siegfried Unseld seit 1970 aber auch eine Chronik über alle Begegnungen mit Bernhard geführt hat, haben wir in einem zweiten Schritt versucht, auch die Gespräche zwischen den beiden zu dokumentieren. Damit haben wir uns natürlich noch eine ordentliche Portion Arbeit eingehandelt ... Bedauern Sie, dass Sie mit Ihren Autoren heute hauptsächlich per E-Mail und Telefon verkehren? Fellinger: Sie können mich ja für verrückt erklären, aber Siegfried Unseld hat, als er 50 Jahre im Verlag gearbeitet hat – das war im Januar 2002 – über die Zukunft von Suhrkamp gesprochen. Bei dieser Gelegenheit hat er die Kollegen im Lektorat gebeten, die E-Mails von und an Autoren auszudrucken und aufzubewahren. Man wird nicht alles dokumentieren können – aber es wird weiter dokumentiert! Andere machen das bestimmt auch. Und irgendwann wird das Frankfurter Goethe-Museum dann, wer weiß, die E-Mails von Steidl und Grass ausstellen. Vielleicht werde ich mir das dann, in hohem Alter, mit der Lupe angucken können... Dr. Raimund Fellinger, seit 1979 Lektor im Suhrkamp Verlag, hat unter anderem den Briefwechsel zwischen Siegfried Unseld und Uwe Johnson herausgegeben. Der von Raimund Fellinger, Martin Huber und Julia Ketterer herausgegebene Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld ist für März 2009 angekündigt.