Literaturhaus Frankfurt

Kampfabstimmung: Joachim Unseld ist neuer Vorsitzender

23. Juli 2015
Redaktion Börsenblatt
Der Literaturhausverein in Frankfurt hat einen neuen Vorsitzenden. In einer Kampfabstimmung gegen Rainer Weiss setzte sich Joachim Unseld - in Abwesenheit - mit großer Mehrheit durch.

Vorausgegangen war eine Mitgliederversammlung, auf der die unterschiedlichen Auffassungen zur Zukunft des Literaturhauses, insbesondere aber zu seiner jüngeren Vergangenheit nach dem angekündigten Ausscheiden seiner Leiterin Maria Gazzetti deutlich zur Sprache gekommen waren. Dabei rückte die Rolle des bisherigen Vorstands im Umgang mit Gazzetti mehr und mehr ins Zwielicht.

Insbesondere die Debattenbeiträge der drei Frankfurter Verleger KD Wolff, Vittorio Klostermann und Klaus Schöffling ließen deutlich werden, dass in der Mitgliedschaft auch weiterhin hohe Sympathie für Gazzettis Literaturhaus-Konzept besteht. Die Literaturwissenschaftlerin, die seit 1995 für das Programm Verantwortung trägt, hatte sich stets leidenschaftlich dafür eingesetzt, den Charakter des Hauses nicht der Notwendigkeit zu opfern, höhere Beträge an Sponsorengeldern einzuwerben.

Am Rande einer ausverkauften Lesung von Juli Zeh gestern Abend berichteten mehrere Beteiligte der Mitgliederversammlung gegenüber boersenblatt.net von gewachsenem Misstrauen und Unverständnis für das Vorgehen des alten Vorstands in der Personalfrage Gazzetti. Offensichtlich haben die Stadt Frankfurt als Hauptträger des Literaturhaus-Etats sowie Teile des Vereinsvorstands die Wirkung der Nachricht vom beabsichtigten Weggang Gazzettis im Sommer 2010 unterschätzt. Vorbereitet worden war ursprünglich - in der Erwartung einer beherrschbaren Diskussion - die Wiederwahl des alten Vorstands en bloc und per Akklamation.

Das ging gründlich schief. Erheblicher Unmut über zu viel Kalkül und zu wenig Kommunikation hatte sich aufgestaut und kam in der Mitgliederverammlung zum Ausbruch. Klaus Schöffling wird in der Presse heute mit dem Befund "erschreckende Kaltschnäuzigkeit" zitiert. Spätestens mit Klartext wie diesem stehen die Gräben und menschlichen Unzulänglichkeiten in der Literaturszene der Bankenstadt ab sofort zur Besichtigung frei.

Als Irrtum erweist sich auch - und nicht zum ersten Mal und nicht nur in Frankfurt - die schlichte Vermutung kommunaler und privater Geldgeber, man könne das Sprechverhalten von Bediensteten in Kultureinrichtungen dauerhaft unter Kontrolle halten. Zu lebendig die Geister, als dass sie sich auf die Vorgaben bloßer Vertragsverhältnisse verpflichten ließen. An dieser Stelle berührten sich das kluge Gespräch zwischen Schöfflings Autorin Juli Zeh und dem Journalisten Denis Scheck gestern, in dem es viel um die richtige Balance von Freiheit und Sicherheit ging, aufs Trefflichste mit den Eskalationen des Gazzetti-Streits vom Vorabend: Kommunikative Sicherheit ist in Kulturdisputen selten zu haben.

Nun muss also neu gedacht werden. Das Etat-Problem ist nach der Mitgliederversammlung nicht kleiner geworden. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet in ihrer heutigen Ausgabe, für die Programmarbeit des kommenden Jahres stünden rund 82.000 Euro weniger als im Jahr 2008 zur Verfügung. Ein Konzept für ein wirksames Fundraising, das die Finanzprobleme an der Schönen Aussicht lösen hilft, muss dringender denn je vorgelegt werden. Welche Ideen Joachim Unseld dabei verfolgt, wird er rasch darlegen müssen. Dass er seine Arbeit an der Zukunft mit Teilen des alten Vorstands beginnt, glaubt im näheren Umfeld des Hauses kaum einer.

Bereits öffentlich gemachte Spekulationen über einen eventuellen Verbleib Maria Gazzettis als Programmleiterin in Frankfurt könnten sich als vorschnell erweisen. So tief sitzt bei ihr die Enttäuschung über die Vorgänge der letzten Zeit, dass selbst eine augenblickliche Euphorie über den Verlauf einer Versammlung in der "guten alten kritischen Tradition Frankfurts", wie gestern jemand resümierte, bei Gazzetti wohl doch nicht langfristig trägt.

Zwar haben sich die Mitglieder des Vereins eindrucksvoll zu Wort gemeldet und ein Stück Autonomie des Hauses vor dem politischen Durchgriff zurückerobert. Viel zu klar bleibt aber für die des Streitens müde Leiterin sichtbar, dass der Umgang mit der Stadt nach den Entwicklungen in dieser Woche nicht einfacher wird; dass die wirtschaftlichen Probleme mit dem schönen Haus an problematischem Standort in nächster Zeit eher wachsen als schrumpfen dürften; dass auch gute Ideen nicht ohne Zahlungen auskommen.

Das Thema "Frankfurt als Literaturstadt" wird lange nicht zur Ruhe kommen. Es muss allerdings weitaus qualitätvoller, kollegialer und herzenswärmer moderiert werden, als dies allem Anschein nach in den vergangenen Monaten geschehen ist.