Wir lieben Bücher, das ist nun mal so. Nicht immer leidenschaftlich, aber auch nicht beiläufig. Eher so, wie man Verwandte liebt: mal mehr, mal weniger, zwischendurch auch mal gar nicht, zumeist aber unbezweifelbar und selbstverständlich. Bücher gehören dazu, und man hängt an ihnen.
Es stimmt: Daran ist nichts Ungewöhnliches. Busfahrer lieben Busse, Schweinezüchter Schweine, Ärzte Patienten – und unsereins eben Bücher, das ist normal. Auffällig ist höchstens, dass es auch viele Ärzte gibt, die Bücher lieben, während wir mit dem Patienten an sich (außer wir sind grad selbst einer) wenig am Hut haben, von Schweinen ganz zu schweigen. Vielleicht sind Bücher eher wie Busse: Sie sind praktisch, und an ihnen wie in ihnen gibt’s immer was zu lesen, und nicht zuletzt kommt man mit ihnen irgendwie weiter. Außerdem hat man bei beiden das Gefühl, sie seien eigentlich ein bisschen zu teuer. Ansonsten sind sie aber sehr verschieden, man muss das jetzt gar nicht näher erklären.
Bücher haben zudem einen großen Vorteil, und das nicht nur gegenüber den genannten anderen Beispielen: Sie sind eher klein, und sie sind Stapelware. Das heißt, man kann sie sehr gut aufeinanderlegen, sie verhalten sich, wenn man’s nicht übertreibt (aber das gilt ja zum Beispiel auch für Patienten), völlig ruhig, und das im Ernstfall über Jahre.
Bücher haben eben einfach ein patentes Format. Oder soll man sagen: etwas Praktisches? Eine gute Figur? Am befriedigendsten zeigt sich das jedenfalls vor einem vollen Bücherschrank. Und da Bücherschränke sozusagen von Natur aus eigentlich immer voll sind, gibt es kaum etwas Befriedigenderes, als wenn man ein Buch nimmt, zwei andere im Regal etwas auseinanderspreizt und das dritte – mit Mühe, aber doch – dazwischenschiebt. Nichts schöner, als ein Buch auf diese Art zum Verschwinden zu bringen und zugleich für alle Ewigkeit aufzubewahren. Für lange Zeit wird sich von da an seine Existenz darauf beschränken, dort ein wenig Staub zu sammeln. Bis man durch systematisches Suchen oder irgendeinen Zufall – mit Mühe, aber doch – es wieder herauszieht, zu neuem Gebrauch.
Ich will jetzt gar nicht davon anfangen, dass man solch schöne Erfahrungen mit dem E-Book nie machen könnte – zum einen ist diese Verachtung und Verächtlichmachung des E-Books schnöde und blöd, zum anderen sind sie ja alles Mögliche, diese hübschen Dinger, aber Bücher sind sie nun wirklich nicht. Noch etwas zeichnet echte Bücher gegenüber ihren elektronischen Derivaten aus, ich muss da allerdings ein wenig ausholen: Also, Lesen ist ja nicht immer ganz einfach, und, was in diesem Zusammenhang nicht überraschen wird, umso schwieriger, je schwieriger der Text ist. Es ist daher mehr als verständlich, dass man Büchern ansehen möchte, dass sie gelesen wurden. Nicht zu sehr, aber doch. Es ist schließlich ein Ausweis von Aneignung, Arbeit und Leistung, kurz, man sieht dem Ding gern an, dass es seinem eigentlichen Zweck zugeführt wurde. Was uns wieder zu Bussen, Schweinen und Patienten führt, die ja auch zu ihrem Lebenszweck wollen.
Wie auch immer: Wir lieben Bücher, auch wenn mancher Modernist finden mag, sie hätten so etwas Tantenhaftes. Ich finde hingegen, darauf gehen wir jetzt am besten gar nicht mehr ein.