Drei Fragen hat das Börsenblatt den Buchhändlern und Verlegern gestellt:
1. Im Zeitalter von E-Commerce und Digitalisierung scheinen die Interessen der drei Sparten immer schwerer abgrenzbar. Die angestammten Rollen von Buchhändlern, Zwischenbuchhändlern und Verlagen ändern sich, neue, branchenfremde Wettbewerber mischen mit. Wie ist Ihre Einschätzung zu diesen Entwicklungen und wohin werden diese Entwicklungen führen?
2. Geben Sie der so genannten "alten Ordnung" innerhalb der Branche noch eine Chance?
3. Gemeinwohl vor Eigenwohl - so ungefähr wurde es im Branchenparlament formuliert. Teilen Sie solch eine Ansicht oder hat das mit freiem Wettbewerb wenig zu tun? Wenn solch eine Formel gilt, dann für alle Marktteilnehmer oder sind vor allem die großen Player in der Lage, autonom zu agieren?
Und hier die Antworten:
Karl Peter Winters, Vorsitzender des Verleger-Ausschusses
Die Wirtschaftsbetriebe des Börsenvereins sind zur Unterstützung der gesamten Branche gedacht und ein wichtiges Instrument im Wettbewerb, auch zu Wettbewerbern außerhalb der Branche. Libreka! ist ein zentrales Instrument in diesem Konzept, um die Gesamtbranche für das digitale Geschäft besser aufzustellen.
Wenn es dabei zu Überschneidungen zu der Geschäftstätigkeit einiger Mitgliedsunternehmen kommt, muss diese Wettbewerbsposition möglichst gering ausfallen. Im Interesse der Gesamtbranche und der ganz überwiegenden Zahl der Mitgliedsunternehmen müssen solche Überschneidungen aber hingenommen werden, wenn auf diese Aktivität der Wirtschaftsbetriebe nicht verzichtet werden kann.
Eine ganz andere Frage ist allerdings, ob eine solche Aktivität angesichts der technologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen überhaupt erfolgreich und rentabel sein kann. Das ist aber eine ganz andere Frage als die Grundsatzfrage, ob die Wirtschaftsbetriebe Mitgliedsunternehmen überhaupt Konkurrenz machen dürfen. Für diese Frage ist allein das Gesamtinteresse der Branche von Bedeutung.
Matthias Heinrich, Vorsitzender des Ausschusses für den Zwischenbuchhandel
1. Als Lackmustest wird jetzt im Verband die Entwicklung um das Thema E-Commerce herangezogen. Unsere Branche macht in ihren alten Strukturen mit funktionierenden und bewährten dreistufigen Strukturen über 9 Milliarden Umsatz. Sollte also das aktuelle Thema und die wirtschaftliche Bedeutung des Verkaufs von E-Books wirklich dazu genutzt werden, alles Bewährte in Frage zu stellen?
Entscheidend wird letztlich bei allen Entwicklungen sein, wohin sich der Kunde wendet - da können sich alle Marktteilnehmer auf den Kopf stellen. Wenn sich im Vorfeld jetzt die Branche zerfleischt, sehe ich darin keinen Sinn. Ein deutsches Sprichwort meint sinngemäß, es muss ein kalter Winter sein, wenn ein Wolf den andern frisst. Die gefühlte Kälte scheint mir gerade stärker als die auf dem Thermometer angezeigte.
2. Die drei Sparten sind gut beraten, nicht die Individualität als Heilsbringer zu sehen. Die Dreistufigkeit unseres Berufsverbandes mag punktuell für Dissens sorgen, in Summe wird aber immer die Schlagkräftigkeit des Gesamtverbunds eine Stärke sein. Alleine für die Lobbyarbeit hat die gemeinsame Sache unschätzbare Vorteile.
3. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, dass ungezügelter Wettbewerb verbunden mit Egoismus und Maßloßigkeit katastrophale Folgen haben kann. Wenn Gemeinwohl als Wert und Bestandteil eines moralisch und wirtschaftlich sauberen Miteinanders und Wettbewerbs definiert wird, braucht es das Gemeinwohl zwingend. Wird das Wort Gemeinwohl allerdings nur pathetisch zur Durchsetzung von individuellen wirtschaftlichen oder politischen Interessen missbraucht, hat das etwas Heuchlerisches.
Matthias Ulmer, Vorstandsmitglied im Verleger-Ausschuss
1. Die Rollen der drei Sparten ändern sich überhaupt nicht. Es ändern sich nur die Geschäftsmodelle einzelner Branchenteilnehmer. Aber es war schon bei Gründung des Börsenvereins im 19. Jahrhundert so, dass Verlage als Versandbuchhändler, Buchhändler als Verlagsbuchhandlung agierten und dass Zwischenbuchhändler nebenher Verlage betrieben und auch als Einzelhändler tätig waren. Mit unseren Fachausschüssen trennen wir die Belange theoretisch sauber nach ihren Funktionen, auch wenn die Mitglieder fast alle in ihrem praktischen Handeln die Spartengrenzen überschreiten. Das halte ich für normal, auch in der Zukunft.
2. Der Börsenverein ist ein Verband, in dem sich die Mitglieder zusammenfinden, weil sie gemeinsam mehr erreichen können als alleine. Der Konsens ist immer dann einfach, wenn die Gefährdung von außen groß ist. Wenn es dagegen so aussieht, als könnte man in internen Verteilungskämpfen mehr herausholen als im gemeinsamen Agieren nach außen, dann ist das eigentlich ein gutes Zeichen dafür, dass die Branche insgesamt nicht bedroht ist. An Stelle der Gemeinschaftsinteressen treten dann die wirtschaftlichen Interessen der einzelnen Unternehmen. Auch das erscheint mir ungeheuer banal. Das ist ein Grundphänomen kollektiven Handelns. Libreka! ist offensichtlich an dem Punkt, an dem es nicht mehr um die Frage geht, ob man das überhaupt schafft, sondern darum, wer jetzt den größten Teil davon abbekommt. Ein gutes Zeichen, finde ich.
3. Das Gemeinwohl wird nur dann verfolgt, wenn es langfristig dem Eigenwohl dient. Hier einen Gegensatz oder ein entweder-oder zu formulieren ist ein Fehler. Problematisch wird es, wenn aufgrund von mangelndem langfristigen Denken die Bedeutung des Gemeinwohls für das Eigenwohl nicht erkannt wird. Das kann mich zur Verzweiflung bringen. Aber wer sich in irgend einem Verband engagiert muss sich in dieser Hinsicht ein dickes Fell zulegen. Die große Mehrheit er Menschen steckt mit den Gedanken im Alltag und schert sich wenig um langfristige Perspektiven. Deshalb ist kollektives Handeln eben auch ein Glücksfall, wenn es gelingt.
Im konkreten Fall wäre ich dankbar, wenn man bei der Wahrheit bliebe: Der ursprüngliche Auftrag der Mitglieder an den Verband enthielt von Anfang an auch ein E-Commerce-Modul. Dem hat der Ausschuss für den Zwischenbuchhandel zugestimmt. Ich halte es für legitim, dass man das heute bei den Barsortimenten strategisch neu bewertet und sich aus Wettbewerbsgründen wünscht, dass es dieses E-Commerce-Modul nicht gibt. Der Zwischenbuchhandel muss also die beiden anderen Sparten darum bitten, dass eine Änderung der Strategie bei libreka! beschlossen wird. Davon müssen wir Verlage und Sortimenter überzeugt werden. Mich haben die Barsortimente bisher noch nicht davon überzeugen können, dass eine solche Strategieänderung für die Branche von Vorteil wäre.
Michael Busch, Mitglied im Sortimenter-Ausschuss
1. Die Verschiebung der Vertriebswege ins Internet ist eine Entwicklung, die aus den geänderten Kundenbedürfnissen resultiert. Diese Veränderungen beim Einkaufsverhalten der Kunden sind ein Fakt, den wir nicht beeinflussen und auch nicht ändern können. Statt abzuwarten, wie sich das Ganze weiter entwickelt und uns über Entwicklungen zu beklagen, die eine lieb gewonnene Vergangenheit gefährden, sollten wir keine Zeit mehr verlieren und die Veränderungen nutzen. Daraus Ideen zu entwickeln, wie wir diese Veränderungen aktiv mitgestalten und somit auch nachhaltig für uns nutzen können – das nutzt der ganzen Branche.
2. Uns den neuen Herausforderungen aktiv zu stellen bedeutet auch, dass wir uns zwingen müssen, die althergebrachten Blickwinkel und Handlungsmuster zu verlassen und dabei gleichzeitig die Frage nach dem Nutzen für den Kunden in den Vordergrund zu stellen. Darauf aufbauend sollten wir dann die gegebenenfalls unterschiedlichen Interessenlagen in diesem Sinne klären und eventuell auch bestehende Rollen neu definieren – dabei sollte sich jeder auf seine Stärken konzentrieren als zu versuchen, das Rad komplett selber neu zu erfinden.
Der Börsenverein kann hier mit seiner Plattform libreka! eine wichtige Rolle einnehmen, um im Sinne des gemeinsamen Ansatzes - der sich letztlich in der Dreistufigkeit manifestiert - gerade für viele kleineren Verlage und Buchhandlungen Hilfestellungen zu geben. Hierbei gilt es die Grenze zwischen Plattform und Marktakteur präventiv zu beachten, um wichtige Mitglieder nicht zu kompromittieren.
3. Wir sind auch als Einzelunternehmen immer Teil des Ganzen und können daher nie völlig autonom agieren – auch nicht als große Player, wie die Thematik der Preisbindung in der Schweiz gezeigt hat. Trittbrettfahren alleine reicht nicht. Daher geht es am Ende immer um beides, Gemeinwohl und Eigenwohl.
Auch ein gesundes Maß an Wettbewerb muss es allein schon deshalb immer geben, weil unsere Kunden diesen mit ihrem zunehmend heterogenen Einkaufsverhalten einfordern. Wir sollten die im Branchenparlament angesprochenen Konfliktlinien deshalb konstruktiv nutzen, um daraus Strukturen zu zeichnen, auf deren Basis wir das hohe gut der Dreistufigkeit des Börsenvereins erhalten und uns den Veränderungen erfolgreich stellen können. Die großen Player sehe ich dabei durchaus in der Verantwortung, nicht nur zum Eigenwohl sondern auch für das Gemeinwohl Neues auszuprobieren und an der ein oder anderen Stelle Geld in die Hand zu nehmen, um nach Möglichkeiten zu suchen, die Kunden trotz der geänderten Anforderungen an die Branche zu binden.
Die so genannten Kleineren werden dann im Nachgang auch davon profitieren, denn am Ende nutzt es uns allen, wenn wir unsere Zukunft nicht wesentlich von branchenexternen Anbietern gestalten lassen. Diesen kapitalen Fehler der Musikindustrie brauchen wir nicht unreflektiert zu wiederholen. Ein gutes Beispiel ist hier aus meiner Sicht das Wirken der AG Pro, in der spartenübergreifend und unabhängig von der Betriebsgröße gemeinsame Standards zur Rationalisierung entwickelt und - wie ich an vielen Stellen mitbekomme – umgesetzt werden. Warum soll uns dies nicht auch an anderer Stelle gelingen?
Oliver Voerster, Mitglied im Ausschuss für den Zwischenbuchhandel
Durch die Verbindung von drei Sparten unter einem Berufsverband ist der Börsenverein ein besonderer Berufsverband, wie es ihn wohl so in nur sehr wenigen Branchen gibt. Über fast zwei Jahrhunderte hat dies in der Buchbranche funktioniert und sicherlich immer wieder zu einer besonderen Wirkung gebündelter Branchenkräfte in alle Richtungen geführt. So wurden in der Vergangenheit bei bedeutenden Themen wie der Preisbindung, der Verteidigung vor der EU-Kommission für Wettbewerb etc. wichtige Erfolge für unsere Buchbranche errungen.
Im Gegensatz hierzu hat man in der Schweiz in den letzten Jahren miterleben dürfen, was passiert, wenn eine Branche in ihrer Interessensvertretung nach außen uneinheitlich auftritt. Auch in Zukunft wird es Themen geben, die alle drei Sparten in gleicher Richtung verfolgen und es wird Themen geben, wo Interessensgegensätze der Sparten ausdiskutiert und geklärt werden müssen. Solche Diskussionen bedeuten aber nicht gleich, dass generell die Interessensvertretung von drei Sparten unter einem Berufsverband in Frage gestellt werden muss.
Es gehört doch eigentlich zur demokratischen Existenz eines Parlaments, dass dort unterschiedliche Meinungen und Zielsetzungen vorgestellt und diskutiert werden. Seit Bestehen unseres Branchenparlaments wurde dort kaum konträr diskutiert, da man immer versucht hat, am Vortag in den jeweiligen Ausschüssen die Themen so weit vorzubereiten und in spontanen Abstimmungsrunden zwischen den Ausschussvorsitzenden zu koordinieren, dass man am Folgetag unter Anwesenheit der Branchenpresse möglichst ein einheitliches Bild abgibt.
Die Mitglieder des Branchenparlaments, aber auch die anwesende Presse sollten eine parlamentarische Diskussion zulassen, ohne dass man die Grundsätze unseres Berufsverbands gleich in Frage stellt. Für die Diskussion von Interessensgegensätzen innerhalb des Börsenvereins würde ich mir folgendes wünschen:
1. Es sollte eine möglichst große Sensibilität aller Beteiligten bestehen, wenn die wirtschaftlichen Interessen von Mitgliedern des Börsenvereins tangiert sind.
2. Der Börsenverein und seine Wirtschaftsunternehmen sollten nicht weiter in ein Wettbewerbsverhältnis zu seinen Mitgliedern treten.
3. Wenn die wirtschaftlichen Interessen von Mitgliedern tangiert sind, sollten die Aktivitäten auf ein Level begrenzt werden, bei dem sich alle Sparten und Mitgliedsunternehmen wiederfinden. Dabei sollte eine Abwägung der Interessen der Allgemeinheit, aber auch von einzelnen Mitgliedsunternehmen selbstverständlich sein. Dominiert das Interesse der Mehrheit deutlich den Schutz von Einzelnen oder Minderheiten, besteht die Gefahr, dass einzelne Mitgliedsunternehmen sich nicht mehr in ihrem Berufsverband entsprechend vertreten fühlen.
Im vorliegenden Fall besteht, wie von Herrn Winters hervorgehoben, ein Konsens über die Funktion von libreka! als Contenthost und Volltextsuche. Lediglich im dem nicht existenziell notwendigen Bereich der Handelsfunktionen, die bei einigen Mitgliedsunternehmen im Sortiment schon bestehen und von Zwischenbuchhändlern seit Jahren schon als Dienstleistung zur Verfügung gestellt werden, besteht Klärungsbedarf.