Es ist Sommer in der Hauptstadt, zumindest dem Kalender nach. Wer kann, ist im Süden, wenigstens im Schrebergarten, und auch die Kultur scheint Ferien zu machen. Im Literarischen Colloquium indes herrschte am Samstag Hochbetrieb: Bereits zum fünften Mal hat das LCB 20 kleine Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an den Großen Wannsee geladen: Von A 1 aus München bis zu den Berliner Verbrechern, von den Hör-Labels Supposé und Speak low bis zum eben Hermann-Hesse-bepreisten Leipziger Poetenladen. Während in der Bar erste Rieslinge entkorkt werden und der hungrige Literaturfreund auf der Terrasse zwischen der Bratwurst „Vom Winde verweht“ sowie den Grilltellern „Walser“ und „Grass“ (doppelte Menge, doppelter Preis) wählen kann, stellen sich die Verlage im Saal vor – 15 Minuten für Präsentation, Gespräch oder Lesung sieht das strenge Zeitmanagement vor.
An den im Erdgeschoss der Wannsee-Villa aufgebauten Verlagsständen hat das Publikum die Möglichkeit, seine Lieblings-Literatur direkt vom Erzeuger zu erstehen: Von der 670 Euro teuren, nur mit weißen Leinenhandschuhen zu berührenden Kollaboration Max Mareks mit der Dichterin Monika Rinck (Edition Sutstein) bis zu den fein gestalteten 6-Euro-Lyrikbändchen des Hochroth Verlags, die Marco Beckendorf im Bauchladen feilbietet. Lesungen, kollegiale Gespräche, etwas Branchen-Gossip und die Tuchfühlung mit den Lesern - lohnt sich der Aufwand auch für die von weit her angereisten Verlage? „Der finanzielle Ertrag ist überschaubar, mit etwas Glück ist die Fahrkarte wieder drin“, meint Frank Berninger (A 1). „Dennoch sind Veranstaltungen dieser Art unglaublich wichtig, weil wir hier die seltene Gelegenheit haben, unsere Programme in voller Breite zu präsentieren.“ Unisono werden die Veranstalter für ihre perfekte Organisation gelobt: Vom An- und Abtransport der Bücher bis zu kalten Getränken, Schere, Klebebandrolle und anderen hilfreichen Kleinigkeiten am Stand wird nichts dem Zufall überlassen.
Am Ende dieses schönen Tages, die kaum je gesehene Sonne sinkt jetzt, wie zum Trotz, doch noch postkartenidyllisch in den See, hat die Verlegerin Margitt Lehbert (Edition Rugerup; gefühlt 1000 Gespräche) endgültig die Stimme verloren, während die Verleger-Kinder von Luxbooks und Poetenladen selbstvergessen zwischen den Ständen ihrer Eltern spielen. A 1-Mann Berninger wird bei Freunden in Berlin unterkommen und der Berichterstatter hat sein letztes Bargeld längst in Bücher umgesetzt, nicht mal ein Krautsalat „Dshamilja“ ist jetzt noch drin. Hungrig, aber glücklich findet er sein Auto – ohne Knöllchen! - vor der Villa am Sandwerder; selbst die berüchtigten Berliner Politessen haben heute ein Einsehen. Keine Frage, nächstes Jahr sind wir wieder dabei! Für 2011 muss jetzt nur noch mit Petrus nachverhandelt werden: Thomas Geiger, übernehmen Sie!
Veranstaltungen
26. Juli 2010
Zum fünften Mal hat das LCB am letzten Wochenende ausgewählte Independent-Verlage aus dem deutschsprachigen Raum an den Wannsee geladen. Obwohl der Sommer Pause machte, schlug die Mini-Leistungsschau der Kleinen beim Publikum groß ein.