Meinung: Trivialliteratur

Dr. Bergen und Euripides

29. Juli 2011
Redaktion Börsenblatt
Jochen Jung hat sich an einen Heftchenroman gewagt und fällt ein überraschend mildes Urteil.

Eben das ist ja das Schöne an einer guten Buchhandlung: Man geht hinein, sozusagen absichtslos, eigentlich nur, weil man die Umgebung von Büchern so mag, schaut sich um und hat im Handumdrehen etwas gefunden, was man gar nicht gesucht hatte.

Aber die Wahrheit ist, dass das auch das Schöne an einer nicht so guten Buchhandlung sein kann, denn eigentlich gibt es in nahezu jeder Buchhandlung Überraschungen. Die, in die ich ging, lag in einem großen Einkaufszentrum und war eine schlechte Buchhandlung. Aber da selbst eine schlechte Buchhandlung immer noch interessanter ist als Handystationen, Klamottengeschäfte oder McDonald’s und da meine Brille bei Fielmann erst in einer halben Stunde fertig sein würde, spazierte ich in den Buchladen, ohne viel zu erwarten, außer die Zeit mit Büchern totzuschlagen.

Es dauerte keine zehn Minuten, und ich stand an der Kasse mit zwei Büchern, die man allerdings nicht wirklich Bücher nennen konnte: Das eine war ein Reclam-Heft, das ich aus dem ziemlich verloren herumstehenden Ständer herausgezogen hatte: Euripides, »Medea«. Deren grässliche Geschichte war mir nur so ungefähr vertraut, aber als ich dann auf der U4 las, dass der große griechische Tragiker Medea als Heldin der bürgerlichen Ehetragik zeigt, war ich neugierig geworden. Wobei ich mir sicher war, dass ansonsten so etwas überhaupt nur noch von akademischen Gymnasiasten unter Zwang gelesen wird.
Kurz darauf das zweite Objekt meiner unerwarteten Begierde: »Dr. Bergen kämpft um ihren Ruf«. Eines jener Romanhefte, bei denen man jedes Mal, wenn man sie nach langer Zeit wieder irgendwo herumliegen sieht, sich erstens wundert, dass es diese »Dinger« überhaupt noch gibt, und zweitens fragt: Wer in Gottes Namen liest denn so etwas noch?

Natürlich, »unsereins« nicht. Obwohl – ich hab’s gelesen, ich weiß es jetzt –, da sind ganz ordentliche Handwerker an der Arbeit, und so mancher Fernsehfilm ist auch nicht intelligenter erfunden.
Da stand ich also an der Kasse und hielt der freundlichen Buchhändlerin das Reclam-Heft mit der Nummer 849 entgegen sowie die Nummer 1170 der Reihe »Notärztin Andrea Bergen«, und wenn ich gedacht (oder gar gehofft) hatte, die Freundliche würde zumindest etwas stutzig werden über das Kundenprofil des seltsamen Vogels an ihrer Theke, so hatte ich mich getäuscht. Fünf Euro dreißig, sagte sie und kassierte.
Ich hatte noch eine Viertelstunde und setzte mich mit meiner Beute in eines dieser Cafés, die noch weniger ein Café sind als manche Buchhandlung eine Buchhandlung. Und las.
Zuerst natürlich Dr. Bergen, die sich gleich mal um eine überarbeitete Kollegin kümmert und zur Entspannung mit ihr in die Oper will: Puccini, »Turandot«. Naja, ob das bei Überspanntheit hilft? Und dann las ich noch bei Euripides die Worte der Amme, die versichert, dass das Lied das Leid nicht lindert. Ganz anders hingegen die Wonne, »winkt ihnen die Fülle des Mahls«.

Zum Glück hatte Dr. Bergen der Kollegin für nach der Oper ein Essen im »Rheineck« vorgeschlagen. Wenn Sie gern wissen wollen, ob es dazu kommt und wie der Bestattungsunternehmer die Floristin gewinnt, dann lesen Sie, wie die beliebte Notärztin in die Schlagzeilen geriet. Aber rasch: In zwei Wochen erscheint das neue Heft.

Jochen Jung ist Leiter des Jung und Jung Verlags.