Selfpublishing

Die andere Welt

4. August 2011
Redaktion Börsenblatt
"Autoren werden es vermehrt schaffen, ohne die Hilfe von Verlagen auf sich aufmerksam zu machen", meint Eliane Wurzer, Projektmanagerin E-Book bei Droemer Knaur.

Keine Frage: Das Web 2.0 mit seinen sozialen Netzwerken, Blogs und Communitys hat das Lesen und Schreiben verändert. Für Leser ist das Internet zu einer wesentlichen Recherche- und Bezugsquelle geworden, Lesercommunitys wie lovelybooks bieten ungeahnte Möglichkeiten, sich über das eigene Leseerlebnis auszutauschen, zu rezensieren und Empfehlungen auszusprechen.

Für Verlage und Autoren heißt das: Es gibt eine Welt jenseits der Feuilletons und Stapeltische der Filialisten – ob wir wollen oder nicht. Eine Welt, die auch die Keimzelle für das in Deutschland bei den Lesern immer noch recht stiefmütterlich behandelte E-Book sein könnte: Denn wer sich mit Laptop, Smartphone & Co. im Netz bewegt, für den kann es von Vorteil sein, seinen Lesestoff direkt auf diesen Geräten zu konsumieren.

Und das macht diese Welt für Selfpublisher so interessant: Während Print-on-Demand-Anbietern immer das »Gschmäckle« anhängt, ahnungslosen Autoren mit großzügigen »Druckkostenzuschüssen« das Geld aus der Tasche zu ziehen, machen es  Anbieter wie amazon kindle, triboox etc. nahezu zum Nulltarif möglich, E-Books zu erzeugen und selbst zu vermarkten. Prominentestes Beispiel hierfür ist sicher Amanda Hocking, die in den USA mit von ihr selbst verlegten Vampirromanen die Millionengrenze an Downloads geknackt hat.
Interessanterweise hat sich Hocking – inklusive der E-Book-Rechte – nun doch unter die Fittiche eines traditionellen Verlagshauses begeben. Warum? Zum einen, weil es für die meisten Autoren einfach angenehmer ist, sich aufs Schreiben zu konzentrieren und alles andere Fachleuten zu überlassen. Und Lesern und Autoren kommt gleichermaßen die Auswahlfunktion des Verlags zu- gute: Wo der Debütautor sich freut, dass sein Werk aus vielen anderen ausgewählt wurde, kann der Leser davon ausgehen, dass ein von einem renommierten Verlag ins Programm genommenes E- oder P-Book gewissen Qualitätsansprüchen standhält – ein Urteil, das er sich bei einem Werk, das ihm vom Autor direkt angeboten wird, selbst bilden muss.

Aber: Autoren werden es vermehrt schaffen, ohne die Hilfe von Verlagen auf sich aufmerksam zu machen und haben es also immer weniger nötig, ihr Werk den hohen Stapeln der unaufgefordert eingesandten Manuskripte, die sich in den großen Verlagen türmen, hinzuzufügen und zu hoffen, genau die Nadel zu sein, die aus dem Heuhaufen gefischt wird.

Wer sich mit seinem Werk an die (Internet-)Öffentlichkeit wagt, hat über Communitys wie neobooks zudem die Chance, sich mit anderen Autoren über das eigene Schreiben auszutauschen und Hinweise darauf zu bekommen, wie das eigene Werk "ankommt". Wenn diese qualifiziert sind und der Autor sie sich zu Herzen nimmt, kann sein Werk nur besser werden – vielleicht so gut, dass er es selbst vertreiben möchte. Und wenn nicht, kann er mithilfe der Leserstimmen bei der Verlagssuche den Lektoren dort zumindest einen Hinweis geben, wie die Zielgruppe sein Werk einschätzt.

Die Verlage ihrerseits tun gut daran, die Augen vor dieser Entwicklung nicht zu verschließen und die Selfpublisher nicht zu belächeln, sondern ihre Scouting-Aktivitäten auch in diese Richtung auszuweiten.