Interview

"Es ist kein Job, in dem man verschwindet"

12. Oktober 2011
Redaktion Börsenblatt
Welche besondere Dienstleistung ist das "Ghostwriting"? Christian Seiler, Ko-Autor von Philipp Lahms Autobiografie "Der feine Unterschied", erzählt im Interview über die Herausforderungen des Schreibens in der "zweiten Reihe":
In Rezensionen werden Sie gern als Ghostwriter bezeichnet – eine Profession, die reichlich Raum für Spekulationen und Mythen lässt. Sind Sie glücklich mit diesem Begriff?
Ursprünglich bezeichnet er ja einen Autor, der im Dunkel der Abgeschiedenheit im Namen eines Anderen ein Buch schreibt. Das war bei mir in der Form noch nie der Fall. Die Umstände haben sich aber auch ein wenig geändert: Noch vor einigen Jahren galt es, zumindest hierzulande, als ehrenrührig, wenn ein Prominenter sein Buch nicht selbst geschrieben hat. Inzwischen hat wohl jeder begriffen, wie solche Bücher zustande kommen. Und dass es auch für die Person, deren Name auf dem Cover steht, eine Art Selbstvergewisserung ist, wenn sie das Buch mit jemandem gemacht hat, der das kann, der die nötige Routine besitzt.

Der Vorgang ist normaler geworden?
Bei den Projekten, an denen ich beteiligt war, habe ich es als selbstverständlich empfunden, genannt zu werden – wenn es über die Form vielleicht auch manchmal Diskussionen gibt. Aber als Grundlage für die Autorschaft sehe ich den Inhalt des Buchs an. Ich bin, in Absprache mit dem jeweiligen Partner, für die Form verantwortlich.

Welche Fähigkeiten braucht man in diesem Geschäft?
Das Wichtigste ist wohl der Respekt vor den Menschen, mit denen man arbeitet. Schließlich muss man im Gespräch mit dem Partner all das herauskitzeln, was man braucht, um am Ende ein interessantes Buch zu haben. Das setzt ein gewisses Vertrauen voraus. 

All das gehört auch zum Handwerkszeug eines guten Journalisten?
Natürlich. Als Journalist weiß ich ziemlich genau: Was würdest du als Leser von so einer Story erwarten? Wo muss ich nachhaken? Entscheidend ist, dass man einen Ton trifft, der dem Autor auch zugetraut wird, der authentisch ist. Das entscheidende Kriterium für mich: Klingt jede Seite, die der Partner aufschlägt und vorliest, wirklich nach ihm selbst? Oft hat das mit der eigenen Sprache gar nicht mehr viel zu tun, man wählt eine Art Kunstsprache. Wenn man es schafft, den ‚Sound’ des Gesprächspartners genau zu treffen – dann ist die Zusammenarbeit gelungen.

Dieser Verzicht auf eigene schriftstellerische Ambitionen ist nicht jedermanns Sache ...
Es ist ja kein Job, in dem man verschwindet. Ich schreibe ja auch noch meine journalistischen Texte, und das nächste Buch, eine Biografie zum 65. Geburtstag von André Heller, wird 2012 wieder unter meinem eigenen Namen erscheinen. Aber wenn man sich darauf einlässt, ein Buch mit einem prominenteren Partner zu machen, muss einem klar sein, dass man in der zweiten Reihe sitzt. Da haben Sendungsbewusstsein und Ego nichts verloren. Man hat eine Aufgabe möglichst perfekt zu erfüllen.

Wenn es gelingt – kann auch das befriedigend sein?
Eine schöne, fordernde Arbeit, ja. Es sind interessante Bücher auf diesem Weg entstanden. Ich bin spannenden Menschen begegnet. Man hat ein Vertrauenskapital aufgebaut – und wird auch für das, was man im Namen eines Partners gemacht hat, geschätzt. Und nicht zuletzt – auch gut bezahlt. Ich verdiene mit diesen Projekten mehr, als wenn ich meine experimentellen Gedichte veröffentlichen würde (lacht).

Gibt es ein Lieblings-Projekt, das Sie als Ghostwriter gern beackern würden?
So funktioniert das ja nicht! Die Dinge kommen auf dich zu – und dann musst du dich, meist relativ schnell, entscheiden. Ich habe nicht vor, irgendwelche Prominente mit Buchprojekten zu belästigen, die von mir ausgehen. Die Voraussetzung für den Erfolg eines Projekts ist ja, dass die Partner etwas mitteilen wollen. Jemanden zu einem Buch überreden, der nicht will – das ist wenig fruchtbar.

 

Christian Seiler, geboren 1961 in Wien, begann seine journalistische Laufbahn 1984 als Redakteur der Zeitschrift „Wiener“, später war er unter anderem Chefredakteur des österreichischen Nachrichtenmagazins „Profil“ und des Kulturmagazins „Du“. Er ist Kolumnist für Zeitschriften und Magazine sowie Autor zahlreicher Bücher. Bereits seit Anfang der 1990er Jahre stand Seiler prominenten Sportlern wie Skisprung-Olympiasieger Toni Innauer („Der kritische Punkt“, 1992) und Extrem-Bergsteiger David Lama (High“, 2010) bei ihren Erinnerungen zur Seite; zuletzt entstand in Zusammenarbeit mit Philipp Lahm dessen Autobiografie „Der feine Unterschied“ (Kunstmann).