Büchner-Preis

„Bürgerliche Werte an Finanzplätzen verschleudert“

30. Oktober 2011
Redaktion Börsenblatt
Der Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius kritisiert in Darmstadt den „munteren Rendite-Radikalismus“ unserer Zeit. Weitere Akademie-Preise gehen an den Historiker Arnold Esch und den Schriftsteller Günter de Bruyn.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt will sich entschiedener als bisher in politische und gesellschaftliche Diskussionen einmischen und drängt auf größere finanzielle Unterstützung. Das sagte der scheidende Präsident Klaus Reichert in seiner Rede, mit der er gestern im Darmstädter Staatstheater auf die Verleihung der Akademie-Preise einstimmte. „Wir handeln nicht mit Leerverkäufen wie die Eventkultur", versprach Reichert und kündigte an, man wolle ein europäisches Akademien-Netzwerk aufbauen, sich stärker als bisher um Urheberrechtsfragen und europäische Sprachenpolitik kümmern. Aufgabe von Reicherts Nachfolger Heinrich Detering (51) wird es gemeinsam mit den drei neu gewählten Vizepräsidenten, Nike Wagner, Aris Fioretos und Gustav Seibt, sein, die Akademie tatsächlich aktiver nach außen wirken zu lassen.

Womöglich gelang dies gestern schon dem diesjährigen Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius (68), der, so die Akademie, in seinem Werk die historischen Tiefendimensionen unserer Gegenwart auslote und zusammen mt der Urkunde das erhöhte Preisgeld von 50.000 Euro erhält. Der in Hessen aufgewachsene Schriftsteller mit Wohnsitz in Rom und Berlin rekurrierte auf Büchners Flugschrift „Der hessische Landbote", in der dieser das massenhafte Elend seiner Zeit anprangerte. In seiner mehrfach von Applaus unterbrochenen Rede zog Delius Parallelen zur Gegenwart: „Seit die bürgerlichen Werte an den Finanzplätzen verschleudert werden, der Liberalismus zum Lobbyismus und zur Marktblödigkeit verkommt, scheinen die Demokratien in feudalistische Zeiten zurückzutaumeln."

Kaum passen wollte die Vehemenz dieser Rede zu der eher verspielten Laudatio von Sibylle Lewitscharoff, die – wie gewohnt bei dieser Autorin – hoch unterhaltsam vorgetragen, sich erst einmal der Analyse der Vornamen des Schriftstellers Delius widmete. Später erfuhren die Zuhörer dann, dass Delius' Erzählung „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" ein Werk war, das Lewitscharoff dem Autor gar nicht zugetraut hatte, „bosselten" die meisten deutschen Schriftsteller nach Thomas Mann doch bloß „an einem öden Realismus herum". Zum Schluss schien die Preisvergabe doch einigermaßen einleuchtend: „Wir ehren hier einen integren Mann und Schriftsteller, der mehr als nur ein heißes Eisen angefasst und dabei kühlen, will heißen: klugen Kopf bewahrt hat."

Ein besseres Paar gaben Sigmund-Freud-Preisträger Arnold Esch (75) und sein Laudator Gustav Seibt ab. Bis in Zitate hinein berührten sich die zwei Reden. „Ein Blick über Rom macht einen mehr zum Philosophen als 100 Winterabende hinter dem Aristotles" – den schönen Satz des Historikers Ferdinand Gregorovius mochte sich keiner der beiden entgehen lassen. Seibt, selbst Freud-Preisträger, lobte den Deutsch-Römer Esch, als einen „Historiker der Wahrnehmungen und Erfahrungen", der es in seinen Arbeiten als „Gebot der Humanität gegenüber den Toten" betrachte, das „rückblickende Wissen" versuchsweise zurückzunehmen, „um die ursprüngliche Blindheit wiederherzustellen". Esch werde nie abstrakt, sondern schreibe immer anschaulich. Der sympathische Gelehrte seinerseits verriet, er habe nie über seine eigene Sprache nachgedacht: „Ich wähle sie ja nicht, sie stellt sich ein." Und so gelingt es ihm, „über Menschliches menschlich zu reden, Menschen zu rekonstruieren und nicht nur Fakten".

In seiner Laudatio auf Günter de Bruyn (84), der mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay ausgezeichnet wurde, pries der Vizepräsident des Bundestags Wolfgang Thierse de Bruyn als einen Autor, dessen Texte durch „klares, freundliches Deutsch" bestechen. Der Schriftsteller selbst konnte wegen einer Erkrankung nicht nach Darmstadt reisen.