Lesetipp zu Amazon

Schlacht um Europa

20. Juli 2015
von Börsenblatt Online
In der heutigen Ausgabe der "ZEIT" nehmen Kilian Trotier und Maximilian Probst Jeff Bezos Online-Imperium unter die Lupe. Für die Beschreibung der Amazon-Strategie wählen sie Kriegsvokabular. Unglücklich: Eine missverständliche Information im lesenswerten Artikel. Dort wird nämlich irrtümlicherweise behauptet, der Börsenverein fordere, in Deutschland Kartellklage gegen Amazon anzustrengen.

Amazons beispiellosem Siegeszug in den USA ist der erste Teil Artikels gewidmet: Borders-Pleite, Amazons "diebische Freude" angesichts Apples verlorenem Prozess um das Agency-Modell (dem Quasi-Versuch, Amazons Dumping-Preisstrategie durch die Einführung einer Art Buchpreisbindung aufzubrechen) und die verfehlte Nook-Strategie von Barnes & Noble werden beschrieben. Jeff Bezos wirkt dabei wie ein eiskalter General, für den Worte wie Kultur oder die Liebe zum Buch keinerlei Bedeutung haben.

Über die Brücke der aktuellen Verhandlungen um ein europäisch-amerikanisches Freihandelsabkommen wird der Blick auf Europa geworfen, wo Amazon unter anderem von unterschiedlichen Mehrwertsteuersätzen auf Bücher und E-Books profitiert und sich auch sonst legaler Steuertricks bedient.

Höhepunkt des Artikels: Die vergeblichen Bemühungen des europäischen Buchhändlerverbands, EU-weite "Interoperabilität" einzufordern. Das bedeutet: Die geschlossenen Systeme von Apple und Amazon aufzubrechen, die deren Kunden samt ihrer Bibliotheken an die Lesegeräte Kindle und das iPad fesseln, was vor allem die Monopolstellung Amazons im Onlinehandel untermauert.

Besonders die zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes und EU-Digital-Expertin Boix Alonso werden harsch für ihre Untätigkeit kritisiert.

Es folgt im Text eine Passage, die für Fragezeichen sorgt: "so fordert der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, nun ein Kartellverfahren gegen Amazon auf nationaler Ebene anzustrengen" - dies sei nicht der Fall, heißt es auf Anfrage von boersenblatt.net: "Der Börsenverein hat kein Verfahren beim Bundeskartellamt gegen Amazon angestrengt", teilt der Verband knapp mit. Ob ein solcher Schritt derzeit geprüft werde oder aus Verbandssicht ein denkbares Szenario wäre - dazu wurden keine Angaben gemacht.