Welch disparates, in sich schon paradoxes Phänomen die Zeit ist, wurde bereits am Eröffnungsabend (20. Mai) spürbar, den Jürgen Tellkamp (Buchpreisträger des Jahres 2008), Michael Krüger (Lyriker und Ex-Verleger) und die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen bestritten. Moderator Hubert Winkels (Deutschlandfunk) startete dabei ein Erinnerungsexperiment und forderte die Teilnehmer auf, sich an Details der Buchpreisverleihung im Jahr 2008 zu erinnern. Dabei zeigte sich, wie schemenbehaftet, voller Weglassungen und (wohlmeinender) Verfälschungen der narrative Prozess der Vergegenwärtigung abläuft.
Uwe Tellkamp erzählte im weiteren Gesprächsverlauf sehr anschaulich aus seiner Kindheit im sächsischen "Uhrenviertel", in dem er begeistert einem Uhrensteller folgte, der die mechanischen Zeitmesser in der Nachbarschaft auf Gleichstand brachte. Für ihn ist die Zeit ein Sammelsurium verschiedenster Rhythmen – von der gegenwärtig beschworenen "Beschleunigung" bis zu den "Zaudersystemen", mit denen sich gerade die Literatur befasst. Die Diskussion schloss mit einer Lesung Tellkamps aus einer Arbeitsfassung seines nächsten Romans "Lava", mit einem Gedicht Krügers aus seinem Band "Umstellung der Zeit" und einem Goethe-Zitat, das Krüger an den Schluss stellte, und in dem der große Dichter in einem Brief an Zelter das "Veloziferische" der (damaligen) Zeit beklagte. "Beschleunigung" hat als Topos ebenfalls schon eine Geschichte.
In 40 Veranstaltungen mit über 90 Mitwirkenden wurde vom 20. bis 27. Mai viele weitere Facetten des Themas "Literatur und Zeit" beleuchtet – unter anderem in Lesungen mit Katja Petrowskaja, Feridun Zaimoglu, Hanns-Josef Ortheil und Ulrike Draesner sowie einem Lesungskonzert mit Ingo Schulze und dem Ensemble Modern.
Die nächste Auflage des Literaturfestivals ist für den Frühsommer 2016 geplant.
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