Gibt es über das, was in den Büchern in puncto Erotik thematisiert werden darf, unterschiedliche Auffassungen zwischen Autor und Lektorat?
Ich habe sehr offene Lektorinnen und es gab mit meinem Verlag diesbezüglich keine Probleme, siehe „Sinas Liebeslexikon“ oder bei Alicia, da fummelt sie sich in der Unterhose herum oder ist genervt vom „Elternsex“ im Badezimmer … Ausgerechnet einer jüngeren Kollegin missfiel allerdings der nur mit Schürze bekleidete nackte Vater, der frühmorgens in der Küche am Herd hantierte. O-Ton: „Da denkt man ja, der kommt gerade aus der Kiste mit seiner Tussi.“ Richtig! Für diese Textstelle musste ich kämpfen …
Worin unterscheiden sich Ihre Mädchenbücher mit der "Nur bis zum ersten Kuss"-Grenze von den Büchern, in denen es inhaltlich weiter geht?
Das lässt sich mit dem Lesealter beantworten: Meine Leserinnen sind in der Regel unter 14, da spielt Küssen eine Rolle, aber wildes Knutschen und atemloses Fummeln noch nicht. Meine Mädels träumen auf alle Fälle NIE vom Traumprinzen und dass ein Kuss die Erlösung ist. Für meine Protagonistin Alicia ist er’s ironischerweise, aber aus einem anderen Grund; im Verlauf der Geschichte wird sie merken, dass sie ihren eigenen Gefühlen folgen muss und sich in jemand anderes verlieben.
Mit der Sina-Reihe (10 Bände und mehrere Einzelbände seit 2008) greifen Sie mit Witz und Einfühlungsvermögen wichtige Mädchenfragen auf. Bekommen Sie Resonanz von Ihren Leserinnen?
Ich habe erst mal drauf losgeschrieben und nur nach mir bzw. Sina geguckt. In „Die Liebe und ich“ (2009) geht es ganz offen um erotische Gefühle, mit sich, mit dem anderen; ich erzähle von Lust und Spaß am Sex, vom ersten Mal, es gibt dazu eine Geschichte und natürlich Tipps. Zu diesem Buch bekomme ich bis heute viele Fragen und positive Kommentare.
Hat sich nach Ihren Beobachtungen die Grenze der erotischen ersten Erfahrungen, die im Mädchenroman geschildert werden, in den vergangenen Jahren verschoben?
Mittlerweile bemerke ich vor allem eins: In fast allen Mädchenbüchern werden, gerade, wenn’s ums erste Mal geht, alte Klischees bemüht - Es tut weh! Es blutet! - und ich behaupte: Das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung! Solange wir das den Mädels einreden und keinen lustvolleren Umgang mit dem Thema finden - inhaltlich wie sprachlich! -, ändert sich da nix. Wenn ich in andere Mädchenbücher gucke, denke ich: Mannomann, wir stecken immer noch im frauenfeindlichen Lustbild der 60er .... Und: Die Mädchen verhalten sich passiv, schämen sich vorher, hinterher, mittendrin für ihre Lust, haben Zweifel an ihren Körpern, überhaupt, das aktuelle Körperbild der Mädchen von heute: Glatt, weich, blond, mädchenhaft – langweiliger geht’s gar nicht mehr, oder? Außerdem gibt es immer wieder dieses Freundinnen-Tribunal, das über das „Erste Mal“ richtet, also entscheidet: Ist das Mädchen eine Schlampe oder nicht?
Spielt da der Einfluss der Medien eine Rolle?
Was ich allgemein beobachte, ohne jetzt einzelne Titel zu nennen, ist zwar ein vordergründig offener und lustvollerer Umgang mit Erotik, aber ich habe den Verdacht, dass es sich hier um ein weiteres Lifestyle-Element handelt und nicht um ein ureigenes, instinktiv gelebtes Lustgefühl. Oder anders: Frauen und Mädchen lassen sich von medialen Idealbildern leiten und vergessen dabei ihr eigenes Bauchgefühl; man denke an andere Körperthemen wie Essen, Geburt, Fitness. Wieder in sich hineinzuspüren, der weiblichen Kraft zu vertrauen, auf seinen Körper zu hören, bei sich zu sein, zu wissen, was mir gut tut, egal, ob das jetzt Schokolade, Sport oder eben ein Kerl ist … das versuche ich in meinen Texten auszudrücken oder thematisiere es in meinen Ratgebern.
Ilona Einwohlt ist Autorin u. a. der Sina-Reihe (u.a. „Sinas Liebeslexikon: 222 Dinge über Liebe, Sex und dich“, Arena) und Herausgeberin der diskutierten Anthologie „Lust.Liebe.Sex - 16 Stories“ (Gulliver-Taschenbuch)
Mehr zum Lektorieren von Erotik-Titeln, ein Novitätenüberblick zu Romanen, Sachbüchern und Bildbänden im Schwerpunkt Erotik des Börsenblatts 47, das heute erscheint.