Die Sonntagsfrage

Warum wollen Sie die Fußball WM 2022 abblasen, Frau Lux?

3. Juli 2015
von Börsenblatt
Buchhändlerin Susanne Lux mag Fußball. Wenn sie an die Fußballweltmeisterschaft in Katar 2022 denkt, wird ihr aber schon heute anders. "Ich meine, wir sollten uns wehren", sagt die Inhaberin der Mainzer Buchhandlung Nimmerland. Was bei der WM für den Buchhandel auf dem Spiel steht, erläutert Lux in unserer Sonntagsfrage.

Ich mag Fußball.

Aber ich bin erstaunt. Erstaunt darüber, dass wir alle einfach so hinnehmen, was uns die FIFA vorsetzt. Fußballweltmeisterschaft in Katar? Okay. WM bei Spitzentemperaturen? Die machen das schon. Menschenrechtsverletzungen? Ist schon schlimm, aber... Weltmeisterschaft in den Winter verlegt? Ach herrje, die haben ja Ideen. Und nun? Ist beschlossen worden, dass die WM 2022 während der Adventszeit stattfinden wird, mit dem Endspiel am vierten Advent.

Was das für den stationären Handel bedeutet, sollte uns allen klar sein. Unsere umsatzstärkste Zeit, in der wir ca. 20 Prozent unseres Jahresumsatzes generieren, wird sich zu einem großen Teil in den Onlinehandel verschieben, dessen Anteil am Weihnachtsumsatzes 2014 bereits 14 Prozent ausmachte. Keiner von uns weiß, wie sich das Online-/ Offline-Geschäft in den nächsten sieben Jahren entwickeln wird. Wie unsicher Prognosen sind, haben wir spätestens bei den Voraussagen für die Entwicklung auf dem E-Book-Sektor erlebt. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass die stationären Geschäfte einen wesentlichen Anteil am Onlinegeschäft haben werden, ist aber eher gering. Und dabei geht es uns im Buchhandel noch vergleichsweise gut. Die meisten anderen Einzelhandelsbranchen verfügen nicht über die Möglichkeiten, die wir durch die Barsortimente und deren Whitelabelshops haben. Und dennoch wird es mit Sicherheit empfindliche Einbußen geben. Spätestens, wenn es um die Zahlung von Weihnachtsgeld geht, das der Durchschnittseinzelhändler ja von seinem hohen November-/ Dezemberumsatz zahlt, werden es auch die angestellten Buchhändler spüren: Es wird eng werden, 2022.

Ich hatte erwartet, dass spätestens jetzt ein Aufschrei durch Gesellschaft, Handelskammern und christliche Kirchen geht. Aber es passiert - gar nichts. Die einen meinen, es sei ja noch so lange hin "damit beschäftige ich mich, wenn es so weit ist", die anderen sind der Meinung, die FIFA sei allmächtig "da können wir eh nichts dran ändern" und die dritte Gruppe will sich grundsätzlich nur mit Teilbereichen auseinandersetzen oder empfindet es als unredlich, sich um Umsätze aber nicht um Menschenrechte zu sorgen.

Ich meine, wir sollten uns wehren. Es wenigstens versuchen, um nicht im Januar 2023 sagen zu müssen "Warum hat eigentlich keiner was gesagt?" Wir sollten uns an unseren Verband, den Börsenverein wenden. Und an den Handelsverband. Und an die IHK. Und wir sollten versuchen, Mitstreiter im Ausland zu finden. Und bei den Kirchen. Mir ist klar, dass Weihnachtsbräuche und auch -termine in den verschiedenen Ländern unterschiedlich sind. Und dass nicht überall so exzessiv geschenkt wird, nicht werden kann wie bei uns.

Und dennoch! Ist denn Gesetz, was die Fifa beschließt? Könnte die WM nicht im Januar stattfinden? Das geht nicht, weil im Januar die Champions League Spiele sind? Sind diese Planungen denn unverrückbarer als Weihnachten?

Vielleicht ist das wirtschaftliche Thema ja das einzige, das bei der FIFA auf Interesse stoßen könnte, denn wirtschaftliche Interessen und Argumente sind offenbar die einzigen, die bei der FIFA zählen: Nicht politische, nicht menschenrechtsbezogene und auch keine vernunftgesteuerten.

Ich mag Fußball, aber ich mag nicht für die FIFA wirtschaftlich bluten. Wehren wir uns, versuchen wir es wenigstens!